Hilft Blut, die Geschichte mit neuen Farben anzustreichen?

Aufstand der frommen Untertanen Vor 100 Jahren begann die erste Russische Revolution

Am 9. Januar 1905 - nach dem neuen oder julianischen Kalender war es der 22. Januar - versammeln sich in Sankt Petersburg 150.000 Menschen - Männer, Frauen und Kinder - zu einer Demonstration (alle folgenden Datumsangaben folgen dem alten Kalender). Der Pope Georgi Gapon hat 1903 in staatlichem Auftrag und unter polizeilicher Aufsicht einen Arbeiterverein gegründet. Das Idee kommt von Sergej Subatow, der es vom Terroristen und Lockspitzel bis in die Führung der Moskauer Geheimpolizei Ochrana gebracht hat und glaubt, soziale Spannungen ließen sich mit diesen - staatlich gelenkten - Ersatzgewerkschaften kanalisieren.

Aber die Bewegung entgleitet ihren Erfindern. Die Arbeiter haben Gapon zu einer Petition gedrängt, die dem Zaren nach der feierlichen Demonstration am 9. Januar 1905 vorgetragen werden soll. Die frommen Untertanen bitten darin den Monarchen im Namen christlicher Brüderlichkeit um "Gerechtigkeit und Schutz" vor einer rigiden kapitalistischen Modernisierung, die Russland erfasst hat. Die Bittschrift gipfelt in dem Satz: "Wir sind bei dem furchtbaren Augenblick angelangt, da der Tod willkommener ist als das Andauern der unerträglichen Qual." Neben dem Verlangen nach einem Achtstundentag und gerechten Löhnen stehen die Forderungen nach Presse-, Rede-, Koalitions- und Versammlungsfreiheit, nach Streik- und allgemeinem Wahlrecht. Die Radikalität zeugt von der Unruhe, die in der Petersburger Arbeiterschaft herrscht, aus der seit Anfang 1905 über 100.000 Arbeiter streiken.

Als der Demonstrationszug am Narwa-Tor eintrifft, wird er von Kavallerietruppen gestoppt und aus dem Hinterhalt von Infanterie und Artillerie beschossen. Der Schriftsteller Maxim Gorki ist Augenzeuge des Überfalls und begreift ihn als Beginn der Revolution: "Nur Blut hilft, die Geschichte mit neuen Farben anzustreichen." Gorki wird verhaftet, weil er Gapon kurzzeitig bei sich versteckt hat, bevor der in die Schweiz fliehen kann. Für den Priester Gapon zerbricht an diesem Sonntag der Glaube an Gott wie der Mythos vom "guten Zaren": "Es gibt keinen Gott mehr. Es gibt keinen Zaren", sagt er zu Gorki.

Bis heute ist unklar, warum das Militär angreift und wie viele Demonstranten sterben. Die Regierungspresse spricht von 96 Toten. Im Russen-Café an der Rue de Carouge 43 in Genf gehen am 10. Januar 1905 Lenin und die Seinen davon aus, es könnten Tausende von Erschossenen sein. Als Gapon im Februar mit Lenin zusammentrifft, rechnen sie mit bis zu 4.600 Toten und Verwundeten und sind sich darüber einig - jetzt helfe nur noch der bewaffnete Aufstand. Die seriöse Forschung sagt heute, der Petersburger "Blutsonntag" hat zwischen 150 und 350 Todesopfer und 1.000 bis 2.000 Verwundete gefordert. Auf jeden Fall markiert das Ereignis den Anfang vom Ende der russischen Autokratie. Eine liberale Petersburger Zeitung gibt die herrschende Stimmung wieder: "So können wir nicht länger leben."

Aus heiterem Himmel kommt der "Blutsonntag" nicht ...

... denn die 1901 gegründete Sozialrevolutionäre Partei, die für eine Verteilung des Großgrundbesitzes an die Kleinbauern eintritt, setzt die Bewegung "Land und Freiheit" fort, die in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts entsteht und die "Sozialisierung des Landes" verlangt. 1902 und 1904 ermorden Sozialrevolutionäre die Innenminister Sipjagin und von Plehwe. Am 4. Februar 1904 zerreißt die Bombe des Studenten Ivan Kaljajew den Großfürsten Sergej Aleksandrow, den Gouverneur von Moskau und Onkel des Zaren Nikolai II. - Albert Camus benutzt später das Ereignis als Vorlage für sein Stück Die Gerechten.

Zwar drängt die absolute Autokratie jede politische Bewegung in die Illegalität oder ins Exil und bezeichnet Forderungen nach einer konstitutionellen Monarchie als "sinnlose Träume" (Nikolai II.), aber unterbinden kann sie die Politisierung der liberalen Intelligenz und des aufgeklärten Adels nicht. Im Januar 1904 gründen Intellektuelle den "Bund der Befreiung", aus dem wenig später die "Konstitutionellen Demokraten" hervorgehen werden.

Mit dem Bau der transsibirischen Eisenbahn (1891-1904) entfesselt Russland nicht nur einen Modernisierungsschub mit jährlichen Wachstumsquoten von fünf Prozent, sondern auch einen Wettstreit mit dem gleichfalls imperialistisch ambitionierten Japan. 1898 wird der eisfreie Hafen Port Arthur in der Mandschurei erworben, woraufhin Japan eine Verständigung über die gegenseitigen Ansprüche in der Mandschurei und in Korea fordert. Nachdem der Zar dies abgelehnt hat, greifen japanische Schiffe im Februar 1904 Port Arthur an, vernichten die russische Flotte und belagern die Stadt bis zur Kapitulation Anfang 1905. Lenin feiert das im Genfer Exil als "Prolog zur Kapitulation des Zarismus". Zwei weitere Niederlagen belegen die Rückständigkeit der russischen Waffen wie die Inhumanität der Generalität, die Tausende von Infanteristen und Kavalleristen gegen verschanzte Bastionen anrennen lässt. Am 5. September 1905 muss Russland schließlich in einem von Theodore Roosevelt vermittelten Friedensvertrag auf Korea, die Mandschurei und Teile von Sachalin verzichten.

Nach dem Blutsonntag brodelt es im ganzen Reich: Am 15. Juni 1905 meutern in Odessa die Matrosen auf dem Panzerkreuzer Potemkin. Die Niederschlagung des Aufstands kostet 1.260 Menschenleben (s. Kasten). Von Mai bis Juli 1905 legen Streiks die Textilproduktion lahm. An den Rändern des Reiches - im Kaukasus, im Baltikum und in Polen - gibt es bei Demonstrationen nationalrevolutionärer Bewegungen Hunderte von Toten. In den Selbstverwaltungsorganen (Semstvo) organisieren sich oppositionelle Liberale und konstitutionelle Demokraten, und während der zahlreichen Streiks bilden sich über 150 Gewerkschaftszellen. Die 1898 gegründete Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAPR) - faktisch gespalten in Menschewiki (Minderheitler) um Martow/Plechanow und in Bolschewiki (Mehrheitler) um Lenin - agiert vorerst nur im Exil.

Aus einem Ausstand der Drucker im September erwächst im Oktober 1905 ein landesweiter Generalstreik, dessen Wirkung sich verstärkte, als die Arbeiter und Ingenieure die Eisenbahnen blockieren. Bereits unter dem Eindruck der Niederlage gegen Japan verspricht der Zar eine Duma - allerdings mit rein beratender Funktion. Erkennbar unter Druck signalisiert er am 17. Oktober 1905 in einem "Manifest" weitergehende Konzessionen und will, "der Bevölkerung die unerschütterlichen Fundamente der bürgerlichen Freiheit auf der Grundlage tatsächlicher Unverletzlichkeit der Person, der Freiheit des Gewissens, der Rede, der Versammlung und des Zusammenschlusses" gewähren.

Das Wort "Verfassung" taucht nicht auf ...

... und der Zar handelte nicht aus Überzeugung, sondern aus Not, ihm gelten Verfassungen "für die Menschen, die Gott mir anvertraut hat, (als) schädlich".

Noch während des Generalstreiks hat sich am 15.Oktober in Petersburg ein Rat (Sowjet) mit zunächst 226, später 526 Delegierten aus 96 beziehungsweise 190 Betrieben gebildet. In diesem demokratisch gewählten Selbstverwaltungsorgan unter dem Vorsitz von Georgi Chrustalew-Nosar und Leo Trotzki sind zwar - mit beratender Stimme - auch Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre vertreten, aber der Sowjet versteht sich in den 52 Tagen seines Bestehens als "parteilose Arbeitervertretung" (Trotzki). Als die zur Steuerverweigerung aufruft, verhängt die Regierung Witte am 3. Dezember 1905 einen Haftbefehl gegen alle Deputierten, kann aber nicht verhindern, dass die Bewegung auf Moskau übergreift. Hier bereitet das Militär dem demokratischen Aufbruch Mitte Dezember 1905 in einem Akt der Vergeltung ein blutiges Ende, das 700 Tote und 200 Verwundete kostet. Noch brutaler beendet das Regime den Aufruhr der Bauern, die im Juli 1905 den Allrussischen Bauernbund gegründet haben. Kosakenregimenter durchkämmen die aufständischen Gebiete und ermorden 40.000 Bauern - 80.000 werden deportiert. Die "Schwarzhunderter" - der militärische Arm des vom Innenminister finanzierten konservativen "Bundes des russischen Volkes" - verüben nur im Oktober 1905 bei fast 700 Pogromen 3.000 Morde an Juden, was Nikolai II. seiner Mutter so erklärt: "Da neun Zehntel der Unruhestifter Juden sind, wandte sich der ganze Zorn des Volkes gegen sie."

Die im "Oktober-Manifest" versprochenen Dumawahlen stehen also unter denkbar schlechten Vorzeichen, auch wiegt laut Wahlgesetz die Stimme eines einzigen Grundbesitzers die von 15 Bauern oder 45 Arbeitern auf. Außerdem bleibt dem Zaren ein Vetorecht gegen alle Gesetze und obendrein das Recht zu Notverordnungen an der Duma vorbei. Auch sind die Ausnahmegesetze von 1881 weiter in Kraft. Selbst die Liberalen sehen in der Duma lediglich "eine Dienstmagd der bürokratischen Obrigkeit" und kein Parlament.

Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre boykottieren daraufhin die erste Duma-Wahl vom 27. April 1906, dennoch stellen die Gegner der Autokratie die Mehrheit. Beim erstbesten Konflikt löst der Zar das Parlament am 8. Juli 1906 selbstherrlich auf. Auch die zweite Duma-Wahl vom 12. Februar 1907, an der sich Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre beteiligen und 65 beziehungsweise 37 Mandate erringen, ergibt eine Mehrheit der sehr heterogenen oppositionellen Kräfte - erst als der Zar per Notverordnung im Juni 1907 das Wahlgesetz ändert, kann sich im November des gleichen Jahres eine regimetreue Duma "von Herren und Lakaien" (Gorki) rekrutieren.

Das Ancien Régime hat sich gerettet ...

... weil es ihm gelingt, "einen Keil zwischen die Liberalen und die Sozialisten zu treiben" (Orlando Figes), was die Einheitsfront von Bauern, Arbeitern, Intelligenz und Bürgertum zur Demokratisierung des Landes verhindert. Während die Revolution von 1905/06 zumindest der Möglichkeit nach eine bäuerlich-sozialdemokratisch-bürgerliche Demokratie zum Ziel hat - wie 1917 die Februarrevolution und die provisorische Regierung Kerenski -, gerät die Oktoberrevolution dank der exklusiven Machtansprüche von Lenins Bolschewiki sofort auf die schiefe Bahn einer als "Sowjetregierung" und "Diktatur des Proletariats" drapierten Alleinherrschaft der Partei.



Panzerkreuzer Potemkin

Mitte Juni 1905 weigern sich Matrosen auf dem Panzerkreuzer Potemkin, madiges Fleisch zu essen. Der Schiffsarzt erklärt das Fleisch jedoch für genießbar, weshalb sich die Matrosen beim Kapitän beschweren. Der lässt Wakulentschuk, den Sprecher der Matrosen, erschießen. Daraufhin meutert die Besatzung, ermordet sieben Offiziere und hisst die rote Fahne in der Erwartung, die Besatzungen anderer Schiffe würden sich mit ihnen solidarisieren. Die Aufständischen dirigieren das Schiff in den Hafen von Odessa, wo die Arbeiter seit Wochen streiken. Wakulentschuks Leiche wird am Fuße einer imposanten Treppe, die von der Stadt herab in den Hafen führt, aufgebahrt. Am nächsten Tag, als das Begräbnis stattfinden soll, stürmen nachts herbeigeführte Soldaten die Treppe hinab und feuern wahllos in die Menge. Dabei kommen 1.260 Menschen ums Leben. Sergej Eisenstein dreht 1925 zur 20. Wiederkehr des Verbrechens das Meisterwerk Panzerkreuzer Potemkin, dessen Bilder - etwa jenes des Kinderwagens, der holpernd die leere Riesentreppe hinunter rollt - in die Annalen der Filmgeschichte eingehen werden.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 21.01.2005

Ausgabe 15/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare