Himmelshennen und Osterhasen

Katholischer Fastenbrauch In Deutschland ist der Osterhase mittlerweile Monopolist - aber wer weiß schon, dass das nachwuchsfreudige Tier langfristig bedroht ist?

Osterzeit ist Hasenzeit. Für die Städter zumeist nur in den Geschäften, wo die Hasen schon im Januar den Nikolaus abzulösen pflegen, der ihnen - eingeschmolzen und genial recycelt - die süße Substanz liefert. Bis zum Ersten Weltkrieg kamen Osterhasen überhaupt nur in Städten vor, und noch 1932 gab es Kinder, die nicht an den alleinherrschenden Eierboten glaubten. In einer Erhebung für den Atlas der Deutschen Volkskunde erklärten die meisten zwar, der Hase liefere die Eier, doch je nach Region waren es spezielle grüne oder rote Hasen (aus gefärbtem Zucker für die ärmeren Leute nämlich, die sich Schokolade damals nicht leisten konnten), manchmal auch der Fuchs. Himmelshennen, Ostervögel und -lämmer galten ebenfalls als Anwärter in der österlichen Konkurrenz, verdächtigt wurden auch Zugvögel wie etwa Storch, Kranich oder Kuckuck. Branchenfremde Saisonarbeit für Nikolaus und Christkind wurde ebenso in Erwägung gezogen wie aus Rom eingeflogene Glocken, die ihren Dienst als Eierboten verrichteten. Inzwischen ist der Osterhase Monopolist - wenigstens in Deutschland. In Australien wird das Easter Bunny durch den Easter Bilby ersetzt: Da Hasen und Kaninchen in Australien als Schädlinge gelten, übernimmt ihre Rolle als Ostersymbol der Kaninchennasenbeutler.

Hasen-Krisen

Während demnächst also Kinder am helllichten Tag nach dem süßen Eiergelege suchen, wird nächtens - mindestens ebenso eifrig - nach dem Osterhasen gefahndet. Bundesweit sind Jäger und Forscher zur Haseninventur unterwegs, immer im Frühjahr und im Herbst, auf den immer gleichen Wegen. Während sich das Auto der Hasenzähler ganz langsam einen Feldweg entlang bewegt, streicht der Kegel eines Handscheinwerfers aus dem Beifahrerfenster über den angrenzenden Acker. Scheinwerfertaxation nennt sich diese Methode, die die Hasen kurz aufschrecken und ein paar Hüpfer in die eine oder andere Richtung machen lässt, um in der Dunkelheit Schutz zu suchen. Die Projektteilnehmer von WILD, dem Wildtierinformationssystem der Länder Deutschlands, müssen nachts heraus zum Hasen zählen, denn dann hoppeln die Tiere über Wiesen und Äcker, um Nahrung zu suchen. Tagsüber halten sie sich eher versteckt und verbringen viel Zeit dösend wie der Hase von Albrecht Dürer auf dem Gemälde von 1502.

Das Projekt WILD, initiiert vom Deutschen Jagdschutzverband, sammelt Daten zu unterschiedlichen Wildarten mit Hilfe bundesweit einheitlichen Schätz- und Zählmethoden. Für den Hasen gibt es etwa 600 so genannte Referenzgebiete, in denen per Scheinwerfer gezählt wird. Wissenschaftler der Landesforstanstalt Eberswalde, der Universität Trier und der Tierärztlichen Hochschule Hannover schulen die beteiligten Jäger und werten die Daten aus. Für den Hasen geben sie zur Zeit grünes Licht: Seit Projektstart im Jahr 2002 entwickelt sich der Bestand positiv - 15 Langohren hoppeln im Schnitt auf einem Quadratkilometer. Hasenland Nummer eins ist dabei Nordrhein-Westfalen mit 35 Tieren.

Dennoch steht der Hase in fast allen Bundesländern auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten, denn über längere Zeiträume betrachtet sieht es weniger gut aus. Im Vergleich zu den acht Millionen Tieren, die sich noch Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland fanden, sind die Bestände in den letzten dreißig Jahren rapide gesunken. Allerdings ist das nicht die erste Krise, die der Hase in Deutschland erlebt: Nach der Revolution von 1848 brach die Hasenpopulation nahezu vollständig zusammen, weil er aufgrund von Missernten und Ernährungskrise im Übermaß gejagt wurde.

Strategische Familienplanung

Die Ursachen für das derzeit vergleichsweise geringe Hasenvorkommen sind vielfältig und nicht vollständig geklärt. Zum Beispiel hat die moderne Landwirtschaft die beim Hasen beliebten Futterpflanzen wie Klee gegen Weidegräser eingetauscht. Es kann früher und öfter im Jahr gemäht werden, und manches Hasenkind gerät dabei auch schon einmal in den Häcksel.

Wie viel Verluste und Veränderung der Lebensräume können die fruchtbaren Tiere ausgleichen? Der griechische Historiker Herodot glaubte im 5. Jahrhundert vor Christus noch, dass auch männliche Hasen trächtig würden. Anders konnte er sich die exorbitante Fruchtbarkeit dieser Tierart nicht erklären. Doch die Hasen entwickeln andere Tricks. Im Frühling - wenn sie doch einmal tagsüber auf den Äckern zu sehen sind - prügeln sie sich, bis sie den besten Partner gefunden haben. Dabei schlagen die Häsinnen nach den Rammlern - nicht umgekehrt, wie noch bis in die achtziger Jahre hinein in Grzimeks Tierleben zu lesen war. Es wird also nicht etwa die Häsin weichgeklopft, sondern der Rammler geprüft. Wer am meisten Prügel einstecken kann, ohne schlapp zu machen, ist der Ausdauerndste und liefert aus Häsinnensicht das beste Erbgut. Falls später ein noch besserer Partner auftaucht: Kein Problem! In mindestens 20 Prozent der Würfe haben die kleinen Hasen unterschiedliche Väter, wie Professor Klaus Hackländer im Rahmen eines Forschungsprojektes der Deutschen Wildtierstiftung am Institut für Wildbiologie und Jagdwissenschaft der Universität für Bodenkultur in Wien nachweisen konnte.

Und dann hat die Häsin noch eine andere Möglichkeit, um viele Nachkommen in die Welt zu setzen: Superfötation, sozusagen Doppelschwangerschaft. Noch vor der Geburt des einen Wurfes kommt eine weitere Trächtigkeit zustande. Sollte der erste Wurf verloren gehen, ist schnell Ersatz da. Wenn die Umstände ungünstig sind, kann ein Wurf aber auch noch in der Gebärmutter wieder aufgelöst werden.

Der Osterhase wurde übrigens 1682 erstmals in der Doktorarbeit des Mediziners Georg Franck mit dem Titel De ovis pauschalibus - Von Oster-Eyern erwähnt. Fruchtbarkeitssymbol Ei und Hase müssen irgendwann einen Pakt geschlossen haben. Der Literaturwissenschaftler Dietz-Rüdiger Moser glaubt, dass es zum Osterhasen im heutigen Sinne im 16. Jahrhundert kam. Die katholischen Fastenbräuche verboten ausgerechnet zur Hauptsaison den Konsum von Eiern. Wohin also damit? Bunt bemalt wurden die Eier zu Ostern in der Kirche geweiht. So etwas widerstrebte den Protestanten, sie wollten ihren Kindern aber den Spaß nicht verderben, also benötigten die Eier einen weltlichen Überbringer. Am Ende bekam der Hase die Kiepe mit den Eiern aufgeladen und machte - der Süßwarenindustrie sei Dank - im 20. Jahrhundert endgültig das Rennen. Der Osterhase ist also kein Relikt eines heidnischen Brauches, und um mit einem weiteren Aberglauben aufzuräumen: Er schläft auch nicht mit offenen Augen.


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00:00 14.04.2006

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