HIMMELSLEITER

Bautzener Abend Kolumne

Die kleine Frau hatte sich am Morgen auf den Weg gemacht. Sie hatte das Sitzen vor dem Fernseher und nur zu NETTO gehen satt. Sie hatte gemerkt, dass damit allein die Zeit nicht totzuschlagen war.

Die kleine Frau war zu alt, um Arbeit zu bekommen. Und zu jugendlich für die Rente. Schon lange war sie in eine gewisse Trägheit gefallen. Alle Gedanken, die ihr kamen, dämmerten ihr nur. Sie tappte vorgegebene Wege. Meist zögerlich. Auch die zwischenmenschlichen Kontakte waren dürftiger geworden.

Wenigstens war die kleine Frau bemüht, sich bei anderen zu erkundigen, wie sich eine Sache verhielt. Sie kam sich dabei vor, als frage sie wie ein Kind nach der Uhrzeit. Und das alle naselang. Manchmal spürte sie, dass man sie durchschaute. Sie für gedankenfaul hielt. Denn sie fragte ja etwas, was sie sich selber hätte zurechtdenken können.

Da hatte die kleine Frau begonnen, sich zu kümmern. Sie holte gezielt Erkundigungen ein. Sie sperrte bedürftig die Ohren auf.

So schnürte sie also an diesem Morgen die Schnürsenkel ihrer Stiefel sorgsam zu. Das war ihr in letzter Zeit häufiger passiert: Die Schnürsenkel lösten sich. Sie wurde ärgerlich. Musste den Beutel absetzen. Die Handschuhe ausziehen. Sich bücken. Manchmal fiel ihr dabei die Mütze vom Kopf.

An diesem Morgen lief sie erst schwerfällig. Dann schon frischer am Fleischer vorbei. Am Friedhof entlang. Dann den abschüssigen Weg bei ALDI in die Plattenbausiedlung hinunter.

Sie sieht sich immer die jeweilige Umgebung schön. Zum Beispiel verbindet eine lange Treppe in mehreren Absätzen die obere Stadt mit der Plattenbausiedlung. Diese Treppe heißt Himmelsleiter. Sie weckt in der kleinen Frau ein poetisches Gefühl. Als wären die Bewohner der Plattenbausiedlung herauf und herab steigende Engel. Und sie muss aufpassen, dass sie nicht ausrutscht auf der Himmelsleiter. Menschen kommen ihr, trotz der Engelsfantasien, nicht entgegen. So bleibt ihr nur, sich an den zwitschernden Vögeln zu erfreuen. Und dass sie zu Fuß gelaufen ist. Nicht mit dem Stadtbus gefahren.

Sie ist auf dem Weg zu einem Kurs von Frauen. Russlanddeutsche Frauen, gemischt mit rein deutschen Frauen. Hier werden sie eingeschworen auf ehrenamtliches Arbeiten. Sie steigt die Himmelsleiter hinab. Erinnert sich an die letzte Kurszusammenkunft. Dort fand über drei Stunden die Zerlegung des Wortes EHRENAMT statt. Die Kursleiterin ließ einen Bergkristall die Runde machen. Er wanderte von Hand zu Hand. Welche Frau ihn in die Hand nahm, hatte die Ehre, zu sagen, was sie unter dem Wort EHRE verstand. Namensangabe, Alter und Herkunft dazu. Die kleine Frau konnte nicht ausmachen, ob der anwesende Bergkristall ein heimliches Leuchten in die Gruppe brachte. Während die rein deutschen Frauen ihr Alter wahrheitsgemäß angaben, trieben die russlanddeutschen Frauen damit ihren Scherz. Sie gaben ihr Alter mit sechzehn, siebzehn an. Mit der EHRE konnten sie wenig anfangen. Auch die rein deutschen Frauen zeigten magere Ergebnisse. So viel begriff die kleine Frau: Sie wurden auf eine Arbeit vorbereitet, für die man sich nichts kaufen kann. Nachdem einige Eigenschaften von EHRE mühsam zusammengetragen waren, unter tüchtigem Nachhelfen der Kursleiterin, verließ die Gruppe das Feld der Ehre. Zur Auflockerung stimmte die Kursleiterin "Alle Vögel sind schon da" an. Ruslana und Elena sangen nicht mit. Zur Strafe mussten sie etwas über das Wort AMT erzählen. Das war der zweite Teil des Wortes EHRENAMT. Die Kursleiterin half mit der Fragestellung nach. Was gebe ich dem Amt? Was gibt das Amt mir? Da hatte die kleine Frau schon abgeschaltet. Sie dachte darüber nach, dass das Ehrenamt vielleicht nur falsche Hoffnungen aufschäumt. Am Morgen hatte sie in der kostenlosen Zeitung ein Foto entdeckt. Da war im Vordergrund eine ältere Frau mit Faschingszöpfen abgebildet. Im Hintergrund eine Seniorin mit Strohhut, Clownsnase und abwesendem Blick. Unter dem Foto stand: Ilse Geifert im Full-Time-Job. Vierzig Stunden pro Woche im Ehrenamt! - Danach hatte die kleine Frau gedacht: Ein abwesender Blick ist schlimmer als ein trauriger Blick. Und dann folgte sie wieder den Ausführungen der Kursleiterin.

Heute steht das Thema Selbsthilfegruppenarbeit im Raum. Die Kursleiterin beschreibt ehrenamtliches Arbeiten an Hand einer Alzheimer-Selbsthilfegruppe. Das Thema rückt ihr zu sehr auf den Leib. Eigene Gedankenausfälle und zeitweilige Vergesslichkeiten verschaffen ihr Unruhe genug. In der Pause schützt sie einen Zahnarzttermin vor. Trinkt nicht einmal die kostenlose Tasse Kaffee aus. Trägt eine leichte Rüge der Kursleiterin davon. Diese glaubt ihr den überstürzten Aufbruch nicht. Und verschwindet.

Der Weg zurück ist ansteigend. Die Himmelsleiter hat ihre Leichtigkeit verloren. Die Vögel in den Hecken machen erheblichen Krach. Die kleine Frau verschnauft auf den Absätzen. Sie dreht sich nicht mehr nach der Plattenbausiedlung um.


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00:00 08.04.2005

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