Hingeküsst mit Lippenstift

Sex & Drugs & Rock´n Roll Auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise tanzen die Lebenden mit den Toten

Was ist da los auf dem größten Friedhof von Paris? Die Zeitungen vermelden Drogen- und Liebesexzesse im Umkreis des toten The Doors-Sängers Jim Morrison. Seine Überreste sollen fortgeschafft werden, weil seine Aura aus dem Grab zu strahlen scheint. Schließlich ist ein Friedhof ein Ort der Stille und des Erinnerns. Aber die Menschen kommen schon seit geraumer Zeit nicht mehr, um nur zu trauern, sondern auch zum ausgiebigen Feiern. Die Partys sind dann exzessiv, es wird gesoffen, gekifft und gevögelt, mit Vorliebe auf den geräumigeren umliegenden Gräbern ahnungsloser oder neidischer Nachbarn - Jims Herberge fällt dafür doch verständlicherweise sehr zierlich und unkomfortabel aus.

Wenige Tage vor seinem Tod war Morrison selbst als Tourist auf dem Friedhof gewesen, um die Gräber von Edith Piaf, Balzac, Chopin, Bizet und Oscar Wilde zu besuchen. Vom zuletzt Genannten wird noch zu sprechen sein. Am 3. Juli 1971 starb Jim Morrison, und um seinen Tod - "unterstellt, er ist tot", wie ein Morrison-Biograf zweifelnd anmerkt - ranken sich die wildesten Gerüchte. Auf jeden Fall war er zwar noch sehr jung, aber fett, aufgedunsen, mit Drogen aufgefüllt und überschüssigen Hormonen. In den Boden gelassen wirkte er offenbar als Düngmittel und verseuchte nach und nach die Erde mit Sex, Drugs und Rock´n´Roll. Jeder Grashalm atmet nun Morrisons Geist, will die Grenzen seines Daseins austesten und alles mitnehmen, was sein einfarbiges und unmobiles Leben zu bieten hat.

Aber ist Jim Morrison wirklich allein Schuld am Orgien-Desaster? Muss er sich von Christian Charlet, dem Verantwortlichen für die 70.000 Gräber, sagen lassen "Wir wären ihn gerne los. Wir wollen ihn hier nicht. Er bereitet uns viele Probleme. Leider wollen ihn die Amerikaner nicht zurück haben"?

Spaziert man weiter nördlich auf dem riesigen Gelände des Père Lachaise mit dem herrlichen Blick über Paris, findet sich das Grab des Schriftstellers Oscar Wilde im schlichten Weiß. Hat er damals Jim ins Reich der Toten eingeladen? Er starb im Jahr 1900 in Paris, nachdem er fünf Jahre zuvor wegen Homosexualität zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Seine Grabstätte ist übersät mit Kussmündern, hingeküsst mit Lippenstift, und der Engel, der am Stein schwebt, wurde festen Griffs seiner Männlichkeit beraubt. Wo dieser Steinphallus jetzt steckt, bleibt fraglich und gibt der Exzess-Debatte zusätzliche Schärfe - auch Oscar Wilde könnte gefährlich werden und die Grenze zwischen Himmel und Erde verwässern. Denn es gibt schließlich Jünger, die glauben, dass er bald auferstehen könnte. Für diesen Fall liegt die "Zigarette nach dem Tod" bereit auf dem Grabsims.

Zwischen Wilde und Morrison wiederum hat in stiller Allianz noch ein weniger bekannter Überrest zur angeblichen Ruhe gefunden, nämlich der von Victor Noir. Sein richtiger Name lautet Yvan Salmon, geboren wurde er 1848 in Attigny. Und wenn noch jemand auf dem Friedhofsterrain stört, dann dieser tote Journalist. Er liegt, mit 22 Jahren jung verstorben - vielmehr ermordet, und zwar von Pierre Bonaparte, dem Neffen Napoleons III. -, als Ganzkörpernachbildung auf seinem Grab. Die Lippen voll, das Hemd und die Hose aufgeknöpft. Sein Zylinder ist zur Seite gerollt, in ihm stecken Liebesbriefe und Kinderwünsche. Und in seiner Hose, da erhebt sich doch tatsächlich eine riesenhafte Welle, die den ehrfürchtigen Besucher schaudern lässt. Selbst am helllichten Tag strömen die Besucher des Père Lachaise, vornehmlich Frauen, deshalb zu Noirs Grab und streichen im Vorbeigehen dezent über Lippen, Hosenwelle und Füße. Einige sind so ungeniert, sich dabei kichernd oder ehrfürchtig, jedenfalls nie gleichgültig fotografieren zu lassen. Die genannten Stellen sind schon hellpoliert von den vielen gierigen Greifern. Victor soll fruchtbar machen und Frigidität heilen, kein so abstrakter Gedanke angesichts des Körperbaus. Auch hier weiß man von Sex-Partys in warmen Pariser Nächten zu berichten, sein Grab gilt sogar als bekannter Treffpunkt - häufig für Singles, die allein mit dem formschönen Victor die Nacht verbringen wollen.

Von verschiedenen Himmelsrichtungen scheint sich also die erotisierende Pest über dem Friedhof auszubreiten, die im Dunkeln die Menschen über die Mauern steigen lässt, um ihr Leben im Angesicht des Todes zu genießen. Je nach Vorlieben kann man zwischen den drei Gräbern wählen, oder - ist man schon mal da - alle drei mitnehmen. Aber ist das denn verwerflich? Spricht es nicht gerade für eine tief christliche Gesinnung, den Kontakt zu den Verstorbenen nicht abzubrechen, das Ableben nicht zu tabuisieren? Und wer wäre nicht gerne dabei, wenn Jim sich eines Nachts doch entschließen sollte, aus seiner Gruft zu klettern, seinen schwammigen Körper in die entkleidete Fan-Runde zu hieven und einen bereit gelegten Joint zu rauchen? Oscar käme vielleicht auf ein halbes Stündchen dazu, und Victor könnte alles am nächsten Tag in den Boulevard-Blättern dieser Welt veröffentlichen und reich wieder ins Reich der Toten zurückkehren. Denn auf die regelmäßigen Streicheleinheiten will er sicher nicht längerfristig verzichten.


00:00 28.05.2004

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