Hinter Blasmusik und Rum-ta-ta

Bodenunbeständigkeit Das Filmland Serbien ist zweigeteilt - nach politischen und ästhetischen Kriterien

Mit Dusan Milics Gucha kommt in diesen Tagen ein serbischer Film ins deutsche Kino, der bewusst grellbunt und kitschig das anarchische Komödienfach bedient. Milic will mit seiner Story über die verbotene Liebe zwischen einem Roma-Trompeter und einer "weißen" Serbin die "speziellen Eigenarten und Qualitäten des Bollywood-Kinos in den Balkan" übertragen. Dabei ziseliert er mit gekonnter Dramaturgie eine feinherbe Mischung, in der stiernackige Nationalisten, dicke Dirnen und ein Trompeter im Pflaumenbaum für ein überdrehtes Fundament sorgen, über dem sich ein Wirbelwind der Gefühle entfacht, Klischees gegeneinander ausgespielt, zerpflückt und schlussendlich doch wieder zusammenpuzzelt werden. Derweil wirbt das in den vergangenen Jahren zum musikalischen Großereignis avancierte Blasmusikfestival im mittelserbischen Guca - 2002 kamen 300.000 Besucher in das 3.000-Seelen-Städtchen -, das dem Unterhaltungsfilm seinen Namen gab, auf seiner Webseite mit "Madness made in Serbia". Die Mixtur aus Ethno, Karnevalismus und schrägem Humor kommt weltweit gut an. In Serbien selbst ist die Filmszene dagegen gespalten.

Gucha merkt man die Handschrift des serbischen Koproduzenten Emir Kusturica an, der spätestens mit Time of the gypsies (1989) sein eigenes Genre geschaffen hat, in dem folkloristische Motive auf magische genauso wie auf absurde Momente treffen. Der anarchische Witz von Kusturicas neuem Film Promise me this, der tolldreist an ein verfilmtes Comic Book erinnert, flirtet durchaus mit nationalen Symbolen, etwa in der Schlusssequenz, in der in einem Hochzeitszug fleißig die Fahne des Serbischen Königreichs geschwungen wird. Gleichzeitig wird nicht mit beißendem Zynismus für die Demokratisierungsbestrebungen der Europapolitiker gespart, die von vielen Serben mit dem NATO-Bombardement im Jahre 1999 in einen Topf geworfen werden. So ist es ausgerechnet ein genauso skrupelloses wie laienhaftes Gangster-Trio, dass in einem serbischen Provinzstädtchen die "Twin Towers" neu errichten will, schließlich aber von einem bodenständigen Stiefelmacher-Duo mit List, Tücke und Muskelschmalz in die Knie gezwungen wird. Zwischen großserbisch orientierter "Radikaler Partei" und Verhandlungen mit der Europäischen Union träumt die serbische Gesellschaft von einem besseren Image. Kusturicas Bilderwelten sind eine filmkünstlerische Entsprechung der "Serbian Madness", mit der der Balkan-Staat inzwischen erfolgreich seine Außenwirkung aufpoliert, trotz ökonomischer Krisensymptome und freilaufender Kriegsverbrecher.

So wirkt denn auch Save our souls, mit dem sich Slobodan Sijan, ein anderer Altmeister des serbischen Films, zurückgemeldet hat, wie ein kleiner Schock. Save our souls thematisiert in Form einer Tragikomödie die Ereignisse, die zu Beginn der neunziger Jahre zum Ausbruch des Krieges zwischen Serbien und Kroatien führten. Mit den Protagonisten von Sijans fiktiver "Serbischer Republik am See" kommen erstmals im Namen Serbiens verübte Kriegsverbrechen auf die Leinwand - in Form einer Groteske, aber treffsicher ins Herz einer Nation montiert, die heute mehr denn je an der gesellschaftlichen Spaltung nach dem Mord an dem europafreundlichen Premierminister Zoran Djindjic´ leidet. Filmisch bleibt Save our souls mit einer Dramaturgie, deren Gags oftmals ins Leere laufen, leider hinter den Erwartungen zurück, die in den Regisseur von Who´s singing over there (1980), einem der besten in Serbien entstandenen Filme, gesetzt wurden.

In der serbischen Filmszene sind Sijan und Kusturica - von dem das Wort umgeht, er würde sein neues Werk nur noch in seinem altertümlichen Dorf in den Bergen von Mokra Gora zeigen wollen - heute zwei Facetten unter vielen. Obwohl die Zahl der aktiven Kinos in den letzten Jahren dramatisch abgenommen hat, sind einheimische Produktionen in Serbien noch immer erfolgreich. Zur Zeit erfreuen sich in dem Sieben-Millionen-Einwohner-Land vor allem Filme von Zdravko Sotra großer Beliebtheit, der 1989 mit The Battle of Kosovo einen Film zur nationalmythisch aufgeladenen Schlacht auf dem Amselfeld vorgelegt hat. 2003 produzierte Sotra mit Zona Zamfirova eine rückwärtsgewandte Heile-Welt-Projektion. Das Liebes-Melodram aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, kurz nach dem Ende der Besetzung Serbiens durch die Türken, konnte 1,3 Millionen Zuschauer verbuchen.

Auf 340.000 Zuschauer kam der Nachfolgefilm The Scam of the Third Reich (2004): Mit einer Mischung aus Bauernschläue und Draufgängertum schaffen es zwei Belgrader Gentlemen-Gangster, mitten im Zweiten Weltkrieg die bestgesicherte Bank im Nazi-Deutschland auszurauben. Mit dem nachfolgenden Ivkova Slava (2005) über den Gastgeber eines Familienfestes, dessen Gäste nicht mehr gehen möchte, etablierte sich Sotra wohl endgültig als Regisseur von Heimatfilmen, deren zuweilen anarchischer Humor auch bei ausländischen Zuschauern Gefallen findet. Indem jedoch das Bodenständige als ethnisches Moment manifest wird, avancieren Sotras Kassenschlager zu nationalen Seelentröstern im Klamottenformat.

Internationale Aufmerksamkeit dagegen verschaffen dem serbischen Kino zur Zeit Filme wie Oleg Novkovics Tomorrow Morning oder Srdan Golubovics Die Falle. Novkovics pessimistischer Zustandsbericht über die deprimierten Überbleibsel von Jugoslawiens Rock´n´Roll-Generation, die in den achtziger Jahren daran ging, mit Punk die Welt zu verändern, um ein paar Jahre später im Regime Milosevic zu stranden, fand auf internationalen Festivals mehr Anklang als an den heimischen Kinokassen.

Die Falle, ein psychologischer Thriller, in dem der Niedergang der Mittelschicht zugunsten einer korrumpierten Neureichenkaste facettenreich und voller dramaturgischer Finesse analysiert wird, konnte seit der Erstaufführung zu Beginn des Jahres zwar zahlreiche internationale Preise verbuchen, ging aber auf dem nationalen serbischen Filmfestival in Novi Sad leer aus. Regisseur Golubovic bringt die derzeitige Spaltung im serbischen Kino auf den Punkt: "In den immer weniger werdenden serbischen Kinos punkten an den Kassen bedauernswerterweise nur leichte Komödien und Ethno-Soaps. Sogar serbische Filmkritiker haben jetzt damit begonnen, diese Art von Ästhetik zu loben und auf der anderen Seite verzweifelt nach Makeln und Fehlern im Autorenkino zu suchen."

Der Disput wird zuweilen mit harten Bandagen geführt. So wurde der in Sarajevo geborene Srdjan Koljevic, Regisseur des Anti-Kriegs-Road-Movies Red Colored Grey Truck (2004) und Co-Drehbuchautor von Die Falle, von einem Filmkritiker als "bosnisches Krebsgeschwür im Körper des serbischen Films" bezeichnet. Die Filmkunstmacher werden freilich nicht nur von ausländischen Co-Financiers, sondern auch von der heimischen Filmförderung unterstützt. So wählte die Jury für die Vergabe von Produktionsförderung auf ihrer letzten Sitzung im Mai 2007 nahezu ausschließlich Arthouse-Projekte aus. Dazu gehört neben Koljevics neuestem Projekt A Woman with a broken Nose etwa Someone Else´s Blood, eine Geschichte über die Konflikte zwischen serbisch- und deutschstämmigen Bewohnern der Vojvodina, die von dem Bosnier Pjer Zalica realisiert werden soll. Dessen Film Fuse thematisierte vor vier Jahren die aktuellen Händel zwischen Serben und Bosniaken in der vom Krieg traumatisierten Provinz als augenzwinkernde Farce. Vor diesem Hintergrund bleibt zu wünschen, dass Golubovics Hoffnung, "den serbischen Film im europäischen Kontext wieder zu einer festen Größe zu machen", sich bald in die Realität umsetzen lässt.


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00:00 24.08.2007

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