Hinter den 124 Klingeln

Chorweiler Im Kölner Norden ist vieles zu hoch: die Armut, die Arbeitslosigkeit, die Inzidenz. Doch jetzt kommt der Impfbus
Hinter den 124 Klingeln
Menschen stehen in Köln-Chorweiler vor dem Impfbus Schlange

Foto: Ina Fassbender/AFP/Getty Images

Fangenspielen geht nicht, erklärt Sayizer Kurt ihrem Enkel, das kann die Oma leider nicht. Die 62-Jährige sieht fit aus, ist aber chronisch krank: Sie ist Krebspatientin, hat dazu eine spezielle Form von Rheuma, außerdem Zucker und Blutdruck. Vor Covid-19 hat sie große Angst. Sie würde sich gern von ihrem Hausarzt impfen lassen, doch der vertröstete sie bisher. Ihre Schwiegertochter war schon infiziert, vermutlich im Aldi angesteckt, sagt Kurt. Sie selbst geht in Chorweiler nicht mehr einkaufen. Jetzt, am Sonntag, ist hier nicht viel los. Aber wochentags stehen die Leute Schlange. „Das ist mir zu gefährlich“, sagt sie.

Köln-Chorweiler ist eine jener Hochhaussiedlungen, die oft herhalten müssen, wenn es um verfehlte Städtebaupolitik geht: zu viele Menschen auf engem Raum, zu viel Armut, zu viel Arbeitslosigkeit. Und nun zu viele Ansteckungen: Ende April machten die Kölner Inzidenzen die Runde, weil sie in armen „Veedeln“ tendenziell hoch waren und in reichen niedrig, in Chorweiler etwa bei 520 und in der Villengegend Hahnwald bei null. Seit Beginn der Pandemie wurden in Chorweiler rund acht Prozent der Bevölkerung positiv auf das Virus getestet – in Hahnwald nicht ganz drei Prozent.

Was die uns da spritzen

Grau-braun-gelbe Fassade, 23 Stockwerke, 124 Klingeln. Der Aufzug, einer von zweien, ist vielleicht einen Quadratmeter groß, von oben nach unten braucht er mehr als eine Minute. Dazwischen lebt Petra Kowalsky* mit ihren beiden weißen Maltesermischlingen, jetzt wuseln sie ihr auf dem Grünstreifen gegenüber vom Hochhaus um die Beine. Erst dachte die 59-Jährige, sie werde die Letzte sein, die sich impfen lässt. Dachte: Wer weiß, was die uns da spritzen? Aber sie will wieder im Brauhaus arbeiten können. Vor fünf Monaten war es mal kurz offen, seitdem wieder geschlossen. „Mittlerweile sag ich meinem Hausarzt: Wenn du Impfstoff hast, ruf mich sofort an.“ Doch auch ihr Arzt sagte vergangene Woche, etwas Geduld, das dauere noch.

Bringt sie Zeit mit, kann Kowalsky sich in den nächsten Tagen trotzdem impfen lassen: Die Stadt hat die Impfreihenfolge für Brennpunkte kurzfristig aufgehoben und am Montag einen Impfbus nach Chorweiler geschickt. Der Andrang überrascht die Koordinatoren: Die Schlange geht über Stunden hinweg fast ganz um den Liverpooler Platz herum, den großen Park- und Marktplatz neben dem zentralen Einkaufszentrum. Mit Masken und Abstand warten die Menschen hier. Junge, mittelalte, Familien mit Kindern.

Dieter Höhnen findet so eine Aktion längst überfällig. Er sitzt dem Bürgerverein in Heimersdorf und Seeberg-Süd vor, die Stadtteile grenzen an Chorweiler. Höhnen setzt sich schon seit Monaten fürs Testen und Impfen ein. „Das muss wohnortnah passieren“, sagt er. Bisher hätten zu wenige Informationen die Anwohner erreicht, vor allem zu wenige mehrsprachige. Und bevor die Hausärzte anfangen durften, zu impfen, mussten alle Impfwilligen nach Köln-Deutz, auf die andere Seite des Rheins. Für manche hier im Kölner Norden eine Hürde.

Doch nun scheint das Impfen anzukommen, nicht nur per Impfbus. Die 65-Jährige mit den blond gefärbten Haaren, Hundekot-Tüte in der Hand: schon zweimal geimpft, weil sie im Altersheim arbeitet. Die zierliche ältere Dame, die sich auf einer Bank neben dem Einkaufszentrum ausruht: auch geimpft, beim Hausarzt, mit Angst zwar, aber besser so als krank. Der 44-jährige Spaziergänger, der in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeitet und nierenkrank ist: erste Dosis erhalten, immerhin.

Einsame bleiben unsichtbar

Vielleicht trifft man jene, die durchs Raster fallen, aber auch nicht draußen auf der sonntäglichen Straße. „Viele, die mit ihrer Einsamkeit zurechtkommen müssen, wollen nicht, dass andere das sehen“, sagt Höhnen, „viele wollen sich nicht helfen lassen.“ Man kann sich das vorstellen beim Blick auf die grauen, grau-gelben, braun-ockerfarbenen Fassaden. Einige der Hochhäuser wirken gepflegt, hier gehören die Wohnungen eher Privateigentümern, sagt Höhnen. Vor anderen liegen Mülltüten, steht hier ein Sperrmüllsessel, da ein alter Fernseher. Diese Häuser gehören den Wohnungsunternehmen.

Petra Kowalskys Haus gehört dazu. Sie muss gerade für zwei Wochen in eine andere Wohnung ziehen, weil die Eigentümerin im Haus die Decken aufreißen lässt, wegen Asbest, sagt Kowalsky. Die Ausweichwohnung sei angeblich desinfiziert worden. „Aber die Couch hat nach kaltem Schweiß gestunken, und es war Urin vom Vorgänger in der Toilette.“ Und trotzdem, sie wohnt gerne in Chorweiler, allein auf 60 Quadratmetern, sie mag ihre Nachbarn, lobt deren Rücksichtnahme. Dass ihr Viertel schon wieder als Problemstadtteil durch die Medien geht, versteht Kowalsky nicht. „Ich weiß gar nicht, was da immer für ein Theater ist“, sagt sie. „Aber lasst die ruhig machen, umso schneller werden wir geimpft.“

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* Namen geändert

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06:00 06.05.2021

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