Hinter den Klischees

Krimi Die Kanadierin Louise Penny ist in Deutschland und den USA eine Bestsellerautorin. Was macht ihre Krimis so lesenswert?
Hinter den Klischees
Dieses Bild entstammt der Serie „Fluss“ von Dorothee Waldenmaier, mehr Informationen im Kasten unten

Die Krimis der Kanadierin Louise Penny sind eigentlich Mogelpackungen. Sie kommen so harmlos daher, dass einem ihre dunklen Abgründe erst auffallen, wenn man längst am Haken hängt. Die listigen Cover des Kampa-Verlages tragen das ihre dazu bei: Wälder, Holzhäuschen, rote Ahornblätter. Autorin wie Verlag spielen mit dem idyllischen Image des nordamerikanischen Landes: Naturverbundenheit, Unverfälschtheit, Urwüchsigkeit.

Auch das Dörfchen, das meist Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist, schlägt in diese Kerbe: Three Pines, verborgen in den Wäldern der Eastern Townships südlich von Montreal in der Provinz Québec an der Grenze zu den USA. Es ist auf keiner Karte verzeichnet, wer es findet, hat sich verfahren. Die Bewohner sind freundlich-verschroben: Myrna, die den Buchladen des Ortes führt und selbst ihre beste Kundin ist, war früher einmal Psychotherapeutin. Heute bezeichnet sie sich als Hexe, ist kugelrund, trägt riesige bunte Kaftans und ist die einzige Afroamerikanerin des Ortes. Das schwule Paar Olivier und Gabri führt eine Pension und ein Bistro, das gleichzeitig ein Antiquitätenladen ist – Olivier zurückhaltend-freundlich, Gabri sprühend-überdreht. Die Malerin Clara mit dem Blick für das innere Wesen von Personen hat immer Farbe in den Haaren und Essensreste im Gesicht. Die alte Ruth, ab Band drei in Begleitung der fluchenden Ente Rosa, ist verbittert und boshaft, dem Scotch zugeneigt – und gleichzeitig eine der sensibelsten und besten Lyrikerinnen des Landes.

Er liebt Lyrik und gutes Essen

Es scheint eine heile, wundersame Welt zu sein, ein magischer Rückzugsort. Und doch, das wird schon im ersten Band ausdrücklich gesagt: Three Pines liegt im Gebiet der Hell’s Angels. Denn in den Eastern Townships werden die beiden Exportschlager Kanadas produziert: Ahornhonig und Marihuana.

Chief Inspector – später Chief Superintendent – Armand Gamache ist es, der darauf hinweist. Er ist Leiter der Mordkommission der Sûreté Québec und die zentrale Figur der Krimireihe. Auch ihm könnte man auf den Leim gehen: Er wird beschrieben als freundlicher, zugewandter Ermittler, ein Mensch, der gutes Essen sowie Lyrik liebt und sich für Geschichte interessiert. Im ersten Band der Reihe – Das Dorf in den roten Wäldern – wird er eingeführt als etwas fülliger Mitfünfziger, der auf die Hilfe seines Mitarbeiters angewiesen ist, um sich mit knackenden Knien aus der Hocke aufzurichten. Was ungeheuer erfrischend ist: Gamache hatte und hat in den Romanen zwar Tiefschläge zu verarbeiten, aber er ist kein gebrochener Ermittler, der mit dem Leben und dem Schicksal hadert. Im Gegenteil: Er ist glücklich. Glücklich verheiratet, glücklicher Vater und Großvater. Und er ist ein Machtmensch und Manipulator.

Wenn einem dies beim Lesen auffällt, kommt man den Krimis von Louise Penny langsam auf die Schliche. Nichts ist so einfach, charmant und glatt, wie es scheint. Aber es ist auch nicht so schlicht schwarz-weiß, dass hier jeder ein Doppelleben führt. Gamache ist als erfahrener Kriminalpolizist in leitender Position natürlich den Umgang mit Macht gewohnt, er manipuliert Verdächtige und Mitarbeiter:innen, um Ermittlungen voranzubringen. Olivier, der gastfreundliche Bistrobesitzer, ist gierig – darum ist er ein erfolgreicher Antiquitätenhändler. Peter, der Mann der Malerin Clara, ist einer der bekanntesten Künstler Kanadas, er liebt seine Frau aufrichtig – und ist gleichzeitig neidisch auf ihre ersten zaghaften Erfolge; er ist so eifersüchtig, dass er versucht, ihre Karriere zu hintertreiben.

Die Menschen, die hier auftreten, haben gute Eigenschaften und schlechte. Sie sind einander zugewandt und intrigieren gegeneinander. Denn sie sind vor allem eines: menschlich. Facettenreich und in sich widersprüchlich. Das macht sie lebendig, liebenswert, abstoßend und enervierend.

Genauso verhält es sich mit dem malerischen Three Pines, der idyllischen Provinz Québec und dem gesamten kanadischen Staat. Die Kanadier, so Penny, seien zutiefst ambivalent: geprägt von Freundlichkeit und Zorn. So rauschen im Hintergrund nicht nur die tiefen Wälder. Jeden Krimi der Reihe durchziehen die Zerstörung der Natur zur Profitmaximierung, Korruption bis in die höchsten Ränge von Polizei und Regierung, das Gegeneinander von Frankokanadiern und Anglokanadiern, die Separationsbestrebungen der Frankophonen, die blutige Geschichte des Landes, die Macht der Drogenkartelle, Bandenkriminalität und vor allem die Ausbeutung und Diskriminierung der indigenen Bevölkerung bis hin zu systematischem Mord an den First Nations.

Manches wird in einzelnen Bänden stärker thematisiert, manches läuft mit, ohne ausdrücklich hervorgehoben zu werden. Das macht diese Krimireihe von Louise Penny so ungewöhnlich: Es gibt die Ebene des unterhaltsamen „Whodunit“ mit einem individuellen Verbrechen als eigenen Strang, und dieser ist verwoben mit (mindestens) einem weiteren Strang, in dem strukturelle Gewalt verhandelt wird. Beides ist eingebettet in die Beschreibung einer komplexen, in sich widersprüchlichen Gesellschaft, die sich weltoffener und toleranter gibt, als sie ist – ohne dass Penny anklagend mit dem Zeigefinger wedelt oder moralinsäuerlich darauf herumreitet. Wie bei der Charakterisierung ihrer Personen simplifiziert die Autorin bei der Schilderung von Staat und Gesellschaft nicht. Penny lässt sich ein auf Widersprüche und Grauzonen, auf Spannungen und Ambivalenzen.

Acht Bände sind bisher auf Deutsch erschienen, sechzehn liegen derzeit auf Englisch vor, und die Autorin schreibt weiter. Der Kampa-Verlag, der die Übersetzungen für den deutschsprachigen Raum herausbringt, startete 2018 ganz unorthodox mit dem 13. Band der Serie: Hinter den drei Kiefern. Das war eine gute Entscheidung, denn gerade dieser Band macht die Untiefen deutlich, mit denen die Penny ihre Bücher ausstattet: Was ein Mordfall mit geheimnisvollen Beiwerk scheint, wird verwoben mit einer Ermittlung zu Drogenhandel und Korruption im ganz großen Stil.

Damit war der Ton gesetzt. Wenn die ersten vier Bücher – Das Dorf in den roten Wäldern, Tief eingeschneit, Das verlassene Haus, Lange Schatten – zunächst harmlos verschroben wirken mochten, hat diese Eröffnung die Rezeption für deren kritische Untertöne geöffnet.

In diesem Sommer sind Band fünf und sechs auf Deutsch erschienen, und auch sie machen die Bandbreite des pennyschen Schreibens deutlich. In Wenn die Blätter sich rot färben wird im Bistro von Three Pines die Leiche eines unbekannten Mannes gefunden, der, wie sich später herausstellt, in den Wäldern als Eremit gelebt hat. In seiner Holzhütte finden sich die unglaublichsten Kunstschätze: Der abgerissen wirkende Mann hatte von Tellern gegessen, die einst Katharina der Großen gehört hatten, er besaß eine Geige von Carlo Bergonzi, die Fugen in den Wänden waren mit Geldscheinen zugestopft und – er besaß sogar ein Paneel des Bernsteinzimmers! Dieser Fall führt zurück ans Ende des Kalten Krieges, zur Auflösung des Ostblocks und den Verwerfungen, die daraus resultierten. Penny verwebt gekonnt historische Ereignisse und deren Konsequenzen für Personen wie Gesellschaften mit der Gegenwart.

Irren kostet Menschenleben

Dies macht sie auch im sechsten Band: Heimliche Fährten. Dort geht es unter anderem um den Gründer und die Gründung der Stadt Québec. Auch hier lässt die Autorin die Vergangenheit stets so einfließen, dass die Gegenwart verständlich wird. Aber sie macht noch mehr. Das Buch verwebt drei Stränge: Zum einen den Mord an einem Hobbyhistoriker; anhand dieser Handlung wird die Gründungszeit der Stadt mit ihren Brutalitäten und Glanzpunkten angerissen; zum anderen werden Geschehnisse nach und nach enthüllt, die kurz vor Eintreten der eigentlichen Handlung liegen und die Chief Inspector Gamache und sein Team schwer traumatisiert haben; und zum dritten werden die Ereignisse des fünften Bandes noch mal aufgerollt – denn Gamache hat sich geirrt, er irrt sich auch im sechsten Buch gleich mehrfach, und das kostet Menschen das Leben.

Warmherzigkeit ohne Kitsch im Verbund mit Kritik an strukturellen Verbrechen: Gamache ist kein Held, das führt Penny ihren Leser:innen immer wieder vor Augen. Er ist ein kompetenter Ermittler, aber nicht unfehlbar. Richtig gut ist er jedoch im Zuhören und Sich-Einfühlen. Denn die Täter, denen Gamache auf der individuellen Ebene folgt, sind keine Monster. Auch sie sind menschlich. Die Ursache für die Tat liegt zumeist in der Vergangenheit, in einer Kränkung, einer Zurückweisung. Gamache ist überzeugt: Aus verletzten Gefühlen entwickelt sich ein Schwelbrand, der schließlich zur Tat führt. Action, Verfolgungsjagden oder Ähnliches sucht man darum in Pennys Krimis vergeblich. Vielmehr geht es um das Nachspüren: „Armand Gamache hatte Mörder überführt, indem er der Spur ranzig gewordener Gefühle nachgegangen war“, heißt es in Band drei.

Trotz dieser Gefühlsbetontheit wird es aber niemals kitschig. Die Romane sind warmherzig geschrieben, doch nie süßlich. Mit ausreichend Selbstironie und subtilem Witz bewahrt Penny ihre Krimis vor Emotionsüberschwang. Die Dialoge sind wunderbar fluffig und elegant sowie von kleinen gemeinen Spitzen und Frotzeleien durchsetzt. Immer wieder gibt es Anflüge von Mystik und Metaphysischem, die aber schnell wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt werden, ohne dass das Zauberhafte verloren ginge. Nur an einer Stelle ist es fürchterlich: Im ersten Band wird aus einem Leonard-Cohen-Zitat ein bürgerlich-biederer Kreuzreim. Das ist entsetzlich.

Auch wenn manche Bücher bei sengender Sommerhitze spielen, sind die Romane perfekt für Herbststürme und Schneegestöber. Und in ihrer Vielschichtigkeit sind sie eine kluge Unterhaltung.

Alles fließt

Dorothee Waldenmaier studierte als Meisterschülerin Bildende Kunst an der HGB Leipzig. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Für ihr Fotobuch Fluss erhielt sie den Förderpreis für junge Buchgestaltung der Stiftung Buchkunst und den Deutschen Fotobuchpreis. Waldenmaiers Arbeiten wurden unter anderem im Dortmunder U, Goethe-Institut Paris und im Printing Museum in Tokio ausgestellt.Alles fließt: Fluss ist eine bildnerische Abhandlung eines Flusses am Beispiel der Spree. Ein Manifest der Form. Die Bilder laden zur Reflexion über Wahrnehmung und den Mikro- und Makrokosmos der Naturformen ein. Sie zeigen die Schönheit des Formlosen und Beiläufigen.

Info

Wenn die Blätter sich rot färben Louise Penny Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck (Übers.), Kampa 2020, 544 S., 17,90 €

Heimliche Fährten Louise Penny Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck (Übers.), Kampa 2020, 528 S., 17,90 €

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06:00 16.11.2020

Ausgabe 48/2020

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