Hinter der Grenze

Geschichte als Doppelgesicht Katrin Askans Deutschland-Roman »Aus dem Schneider«

Ein historisch einmaliger Fall in der Literatur: Jede Figur, von der Autorin im geteilten Deutschland des gerade vergangenen Jahrhunderts angesiedelt, kann in mehrfacher Ausführung existieren. In einer realen und einer erträumten, in einer von Raum und Zeit determinierten und einer idealen. Die geträumte Dimension entsteht oder verschwindet hinter der real unüberwindbaren Grenze. Auf der anderen Seite ist man anders: wissend oder erfolgreich, Entdecker und Nutzer aller Möglichkeiten. Die Vollkommenheit in Person, die jeder sein möchte. Eine Figur, deren Entwicklung schwebt, im idealen Raum kann niemand an der Ausprägung seiner Fähigkeiten gehindert werden. Das Hinderliche, das, was Figuren in dramatische Situationen zwingt, existiert nur auf einer, auf der östlichen Seite.

Katrin Askan versucht in ihrem Roman Aus dem Schneider diese Doppelgesichtigkeit über ein nie vollendetes Haus zu fassen. Anbauten, Umbauten, Kriegsbauten, Notbauten, Provisorien eben, nie Endgültiges. Die kunstvoll ineinander geschachtelten Erzählstränge verknüpfen das Leben von drei Generationen in diesem Haus: Jene, die zu Beginn des zweiten Weltkrieges den Bau beginnt, die, die es in der DDR-Zeit bewohnt, an ihm herum bessert, aber selten glücklich ist und jene, die von jenseits der Grenze Erinnerungen pflegt und Glück verheißt. »Ich weiß, daß ich die, die ich sein möchte, nur an einem anderen Ort, unter anderen Bedingungen sein kann.« Sagt Julia. »Und daß ich mich vielleicht einmal zurücksehnen werde nach der, die ich hier war, in diesem Haus«. Aber das letzte zählt nicht, Träume lassen wenig Zeit für Relativierungen. Allein ein solcher Satz aber zeichnet das Buch der Erzählerin aus: Es geht ihr nicht nur um die Begründung der Flucht, sondern um die Art, wie ein Mensch lebt, leben sollte, leben darf.

Sie hat dreieinhalb Stunden für den Abschied. Danach wird sie das Motorrad nehmen und zum verabredeten Treffpunkt fahren, um im Kofferraum die Grenze zu passieren. Das Risiko ist ihr bewusst. Oder auch nicht. Sie trifft für den Fall des Scheiterns Vorkehrungen für die Rückkehr. Sie hängt an dem Haus, in dessen Wand Zeitungen vom Tag ihrer Geburt und der Geburt des Vaters eingemauert sind. Sie hat es gerade zurückgekauft mit allem Inventar und dem Geld der Großmutter, obwohl es niemals verkauft, nach der Flucht des Vaters aber beschlagnahmt war. Mehr noch hängt sie aber an den Vorstellungen davon, wie man leben muss. Ohne die immer wieder erfahrene Bevormundung, ohne sinnlose Verbeugungen vor Worthülsen. Aufrecht. Sie will nicht zulassen, dass der historische Zufall - der Großvater kaufte gerade dieses Grundstück und nicht ein anderes im später westlichen Stadtteil Britz - sie behindert. Sie will weg, sie ist sich ebenso sicher wie unsicher ...

Dieses ambivalente Gefühl bestimmt das Leben aller Generationen. Die Autorin entwirft deshalb jede wesentliche Figur als Doppel: Für die Ich-Erzählerin Julia ist es die Schwester Ruth, für den Vater der Zwillingsbruder, für die Großmutter zunächst deren Schwester, dann die zweite Frau des Opas ...

Sie passt die Erzählstränge so ineinander, dass Vergleichbarkeit entsteht: Entscheidungssituationen unterschiedlicher Generationen beenden oder beginnen ein Kapitel. Innen- und Draufsicht sind unmittelbar verbunden. So verlieren weder Autor noch Leser die Distanz. Das Handeln der Figuren kommentiert die Zeit: Hilding, der Großvater, plant das kleine Glück mit Frau, Kind und eigenem Haus. Aber die Frau macht ihm einen »Strich durch die Rechnung«. Deren jüdische Vorfahren in den Papieren zu tilgen, kostet ihn seine goldene Uhr. Was ihn nicht daran hindert, seinen Sohn Adolf nennen zu wollen und der Schwägerin das »Uhren-Opfer« so lange vorzuhalten, bis sie sich erhängt. Die Frau freilich hält durch, quält sich durch die Ehe, die Kriegsjahre, das ist sie ihren Zwillingen »schuldig«. Quält sich durch die Nachkriegszeit, lebt freudlos, pflichtbewusst, ohne Träume für sich selbst. Durchhalten! Das ist ein taugliches Prinzip fürs Überleben, für glückliches Leben taugt es nicht. Der aus dem Krieg heimkehrende Hilding ist von egoistisch praktischer Natur. Ein Opfer muss seinen Preis wert sein, also benutzt er es für eine neue Laufbahn - in Westberlin. Mit einer anderen Frau, unverbraucht.

Die Zwillinge Rudolf und Arnold stehen für die nächste Generation, einer im Osten, der andere im Westen, Zufall auch das. Aber die widerwillig erbrachten Anpassungsleistungen werden im Osten nicht gerade belohnt, wieder ein untaugliches Lebensprinzip. Die dritte Generation lebt anders: Sie will etwas für sich. Nicht Durchhalten oder sich umbringen und auch nicht Anpassung oder von jenseits der Grenze glänzen, sondern das eigene Leben gestalten. Die DDR scheint dafür der falsche Ort. Denkt zunächst Ruth, dann Julia. Die Mauer ist gebaut. Die »Unantastbaren« erziehen an allem und jedem herum. Mal mit mehr, mal mit weniger Druck. Nicht Entscheidung ist gefordert, sondern Gefolgschaft. Alle oder keiner. Dennoch gilt auch für diese Generation: Die Träume hinter der Grenze ansiedeln und darauf hoffen, dass sie sich irgendwann verwirklichen oder dafür streiten. Dort, wo man lebt. Ruth entscheidet sich schließlich für Kampf, Julia will gehen.

Katrin Askan erzählt die Geschichte einer Familie über fünfzig Jahre hinweg, verwebt sie mit Alltagsbeobachtungen aus der jeweiligen Zeit und vermittelt so typische Stimmungen der dreißiger, vierziger, der sechziger bis achtziger Jahre. Wie Vater Hilding seinen einen Sohn während des Krieges zu Verwandten expediert, sagt mehr als lange Schilderungen über patriarchale Strukturen. Wie die Mutter mit den Zwillingen einen Fluss überquert, erfasst die unmittelbare Nachkriegszeit in einer einzigen Sequenz. Wie Julia das Elternhaus trotz Kälte zehn Tage lang nicht beheizt, drei Stunden vor ihrem Weggang indes tüchtig auflegt, erklärt das Bedürfnis nach einer Spur im Leben besser als jeder Diskurs.

Diese sinnliche Art der Darstellung entkleidet das halbe Jahrhundert. Ohne die großen Worte ist es nackt. Dürftig gebaut. Die Ideale werden abgeschüttelt wie Regentropfen. Je robuster der Typ, desto erfolgreicher. Daran hat das Ende des Jahrhunderts, das die Vereinigung brachte, nur wenig geändert.

Auch die nächste Generation wird ihren Lebensentwurf überprüfen müssen. Er wird noch einmal anders ausfallen, aber wird er aufgehen? Katrin Askan würde dem Hölderlin-Preis, den sie 1998 und dem 3sat-Preis, den sie in diesem Sommer beim Klagenfurter Literaturwettbewerb erhielt, nicht gerecht, wenn sie diese Frage einfach bejahte.

Katrin Askan: Aus dem Schneider. Roman. Berlin-Verlag, Berlin 2000, 298 S., 36,80 DM

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00:00 03.08.2001

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