Hinter Salzgittern

Kurzfilmtage Wie die Welt jenseits der eigenen Hecke aussieht und was man im Kino alles erleben kann: die Vielfalt der Formen in Oberhausen
Fabian Tietke | Ausgabe 19/2015

Bereits seit Jahrzehnten spielen Kurzfilme im kommerziellen Kino keine Rolle mehr, und in nichtkommerziellen Kinos sieht es nicht viel anders aus. Kurzfilme sieht man in Deutschland auf Monitoren in Galerien oder bei Filmfestivals – die umfangreichste Möglichkeit, Kurzfilme in Deutschland zu sehen, sind noch immer die Kurzfilmtage in Oberhausen. Die Vielfalt vor allem des internationalen Wettbewerbs dürfte Jahr für Jahr unzähligen größeren Festivals die Schamesröte ins Gesicht treiben. Das gilt auch für den Anteil von Filmen, bei denen Frauen Regie geführt haben – 50 Prozent der Filme des internationalen Wettbewerbs und immerhin ein Drittel des deutschen Wettbewerbs dieser 61. Festivalausgabe stammten von Frauen. Vier der sieben Mitglieder der Auswahlkommission im internationalen und zwei von sechs im deutschen Wettbewerb waren weiblich.

Vom ersten Wettbewerbsfilm an, Max Philipp Schmids Paradies, stand die Suche nach neuen Blicken auf gesellschaftliche Wirklichkeiten im Zentrum. Paradies nimmt dafür die Grenze des Eigenen, die Gartenhecke, zum Ausgangspunkt einer Reflexion über die Sehnsucht nach der Weite der Natur und das Bedürfnis nach Sicherheit durch das Aussperren gefühlter Bedrohung.

Khaled Mzhers Wada’ zeigt, wie das Verschwinden eines Verwandten in den Wirren des syrischen Bürgerkriegs einem Familienvater nach 30 Jahren in Berlin den Boden unter den Füßen wegzieht. Mzhers stark dokumentarisch geprägter Kurzspielfilm wird nicht zuletzt vom Debüt seines Hauptdarstellers Ahmad Faraj getragen.

Ayn Rands „Armageddon“

Das herausragende Werk des Wettbewerbs stammt jedoch vom japanischen Experimentalfilmregisseur Ito Takashi: Saigo no Tenshi (Last Angels) gleitet hin und her zwischen den subjektiven Wirklichkeiten seiner Protagonisten und der intersubjektiven Wirklichkeit ihres Miteinanders. Itos neuester Film ist deutlich narrativer als viele der Vorgänger, findet jedoch einen Erzählmodus, der die teils recht gewaltvollen Elemente zu einem empathischen Ganzen vereint. Dem filmischen Werdegang von Ito widmete das Festival die ausführlichste der diesjährigen Personalien.

Im deutschen Wettbewerb fiel Alex Gerbaulets Dokumentation Schicht auf. Gerbaulet verwebt ihre eigene Familiengeschichte mit der Geschichte Salzgitters, das hier als Ort erscheint, in dem sich ihre Eltern zum Hausbau entschlossen. Eine Joggingrunde des Vaters lang, den wir mit Hund im Schlepptau durch die Straßen Salzgitters laufen sehen, formt Alex Gerbaulet aus Familienaufnahmen, Medienschnipseln und Bildern der Stadt ein Stück deutscher Familienwirklichkeiten.

Zudem liefen im deutschen Wettbewerb Lior Shamriz’ The Night über eine surreale Erinnerung an einen Tag am Strand, der neueste Film von Deutschlands wichtigstem Autoren-Animationsfilmer Jochen Kuhn (Immer müder) und Bjørn Melhus’ Arbeit Freedom & Independence, die Armageddon mit dem Geschwurbel der Vordenkerin des Neoliberalismus, Ayn Rand, vermischt und daraus eine ebenso bildgewaltige wie gewitzte Ideologiekritik kreiert. Melhus’ Film führte wie Christoph Girardets humorvoll-analytische Bearbeitung der Schnittreste eines niederländischen Industriefilms von 1949 mit Nachdruck vor Augen, wie viel erzählerisches Potenzial im dialogorientierten Spielfilmkino üblicherweise ungenutzt bleibt.

Konfrontiert mit der Bandbreite filmischer Ausdrucksmöglichkeiten vom Animationsfilm über experimentelle Arbeiten und Kurzdokumentationen bis zu Kurzspielfilmen begleitete die Auseinandersetzung über Potenzial und Implikationen von Filmbildern das gesamte Programm. Die Podiumsdiskussionen und Filmgespräche nach den Vorführungen eruierten die Bedeutung analoger Filmproduktion in Zeiten der Digitalisierung oder lieferten Bestandsaufnahmen der unabhängigen Filmproduktion in Deutschland.

Die zentrale Frage der Selbstverortung experimenteller filmischer Formen (und ihrer Rezeption) zwischen Kunst und Kino wurde jedoch vor allem in den Programmen selbst sichtbar, wo klassische Kinoproduktionen neben für die Leinwand bearbeiteten Installationen liefen und so unterschiedliche Sehbedingungen einfach implizierten. Das Beharren der Kurzfilmtage auf dem Kino als Ort für den Kurz- und Experimentalfilm bestimmt auch die Wahl des Spielorts: Der Großteil des Programms wird seit 1998 in der Lichtburg gezeigt, einem Haus, das im Alltag Film als kommerzielle Ware sichtbar macht und sich zugleich bemüht, Spielort eines anderen Kinos zu sein – auch wenn das jenseits von Festivals und Einzelveranstaltungen eher Arthouse als Filmkunst ist.

Das Konzept der Lichtburg ist exemplarisch für die Arbeit von Programmkinos abseits der Großstädte in Deutschland. Aus dem Motto der Bewegung für kommunale Kinos („andere Filme anders zeigen“) ist unter dem finanziellen Druck sinkender Besucherzahlen „ein bisschen andere Filme ein bisschen anders zeigen“ geworden. Damit ist klar, dass die Strahlkraft eines Festivals wie der Kurzfilmtage sich verändert hat. Es gilt, den Kurzfilm dahin zurückzubringen, wo er hingehört – ins Kino.

Info

Der Aufenthalt des Autors in Oberhausen wurde von den Kurzfilmtagen unterstützt

06:00 20.05.2015

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