Hinter verschlossenen Türen

Haftkrankenhaus im Sauerland Wie fehlendes Personal und politische Kabalen einer Ärzteschaft jeden Idealismus rauben

Als Bernd Mensing mit einer Spritze ins Knie des Patienten sticht, um Sekret aus dem Gelenk abzusaugen, kneift er seine Augenlider leicht zusammen, sein Blick ist auf die Einstichstelle gerichtet. Alles ringsherum scheint vergessen in diesem Moment höchster Konzentration. Auch, dass er so selten zum Operieren kommt. Dass vor ihm vielleicht ein brutaler Schläger liegt. Und dass er bald seine Arbeitstelle aufgibt, die ihn bislang so sehr erfüllte. Langsam zieht der Arzt nun die Spritze auf. Bernsteinfarbenes Sekret rinnt hinein.

Mensing arbeitet als Assistenzarzt in der Chirurgie der Justizvollzugsklinik im nordrhein-westfälischen Fröndenberg - dem größten Hospital für Strafgefangene in Deutschland, 230 Betten, 3.500 stationäre Patienten jährlich. Gallenblasen werden operiert, Schizophrenien behandelt, Knochenbrüche kuriert. Die Klinik sichert die medizinische Grundversorgung vom gefährlichen Kapitalverbrecher bis zum gewöhnlichen Kleinkriminellen, die aus allen möglichen Strafanstalten der Republik kommen. Doch es fehlt an Personal, und die Politik schien zuletzt nicht immer willens, das Haus zu erhalten. "Wer möchte schon Vergewaltiger gut versorgt sehen, wenn es der Kindertagesstätte in der Nachbarschaft an Betreuern mangelt", sagt ein Klinikarzt.

In diesem Moment kümmert sich Mensing nur um seinen Patienten. Der Mann vor ihm kommt aus einer Haftanstalt in Aachen, hat kurze Haare und ein blasses Gesicht. Er kam im gesicherten Transporter, begleitet von Justizvollzugsbeamten, die im Moment vor dem Ambulanzraum warten. Mit dem Zeigefinger betastet der Arzt die Schwellung des Knies. "Sportunfall?", fragt Mensing. "Ist mir auch schon passiert. Geht wieder weg", meint er noch. Akkurat wird der Patientenbogen ausgefüllt. Fahrig ist nur die Unterschrift. Seine blonden Haare trägt Mensing kurz und kraus. Einen Ring aus Horn hat er sich ins Ohr schießen lassen. Und um den Hals hängt ein hölzernes Kettchen. Es bleibt unter dem blauen OP-Kittel versteckt.

Der 43-Jährige bezeichnet sich als "einen Autonomen". Vor vielen Jahren betrieb er auf der Hamburger Schanze in der Roten Flora ein wildes Café: mit Sofa, drei Tischen, Stühlen. "Manche würden mich für einen Spinner halten." Später studierte er Philosophie in Münster und arbeitete nachts als Pfleger in einem psychiatrischen Krankenhaus. Als ihm die philosophischen Systeme "zu blutleer" erschienen, widmete er sich der Medizin und privat dem Buddhismus. Er besuchte Meditationsmeister in einem Alpenkloster und wollte seither "das Heilende des Ostens mit dem Wissen des Westens versöhnen". Nicht alles an sich heranlassen, heiße das, auch "um Stress zu bewältigen".

Als Mensing vor gut anderthalb Jahren die Stelle in Fröndenberg antrat, hoffte er, dass er oft operieren und sich weiterbilden könne. So war es im Arbeitsvertrag zugesichert.


Es beginnt gut. Die Kollegen sind freundlich, der Ton hart, die Klientel kantig. So wie er sich das wünscht. Chirurgie eben: eine Männerwelt der klaren Ansagen, kein Sozialgewäsch, wie er sagt. Mensing operiert die ersten Leistenbrüche, entfernt Metallschienen und ein gutes Dutzend Steißbeinfisteln. "An einer Uniklinik hätte ich darauf monatelang gewartet." Zuweilen verabschieden sich Kollegen aus seiner Abteilung, wechseln in andere Sektionen des Hospitals oder absolvieren ihre Facharztprüfung. Nur wo bleibt der Ersatz? Die Patienten müssen stetig länger auf eine Operation warten. Ärgerlich sicher, aber nicht außergewöhnlich.

Seit Juli 2007 wird nur noch in dringenden Fällen operiert. Ein Leistenbruch gehört in der Regel nicht dazu, selbst dann nicht, wenn er schmerzt. "Den kann sich ein Patient auch nach der Haft behandeln lassen", sagt der kommissarische Chefarzt Dr. Brunke. Sein Blick wandert durch die Gitter des Bürofensters, bis er auf die farbige Mauer der Haftklinik trifft. Vor Jahren ließ ein Anthroposoph diesen Wall bemalen. Verwaschene Pastellfarben blieben übrig. Sie müsste irgendwann neu gestrichen werden. Brunke weiß, dass Gefangene, die in einer Haftanstalt wegen Schmerzen im Bett liegen, sich nicht durch Arbeit bewähren können. Mit anderen Worten, auf gute Führung und vorzeitige Haftentlassung brauchen sie nicht zu hoffen.

Seit Anfang Herbst häufen sich die Dienste für die Chirurgen beständig. In wenigen Monaten sammelt Bernd Mensing 400 Überstunden an. "Ich kam kaum noch zum Operieren. Nur noch vier Mal seit Juli." Sein Katalog für die Facharztprüfung füllt sich langsamer. Schließlich erlegt sich das Ärzteteam eine Urlaubssperre auf, die Assistenten verzichteten auf Fortbildung.

Dabei bewarben sich bereits im April zwei Fachärzte auf Stellen in der Chirurgie und hätten sofort eingesetzt werden können. Doch im Oktober sagt ihnen das Düsseldorfer Justizministerium - als Träger der Haftklinik - ab. Man suche keine Fach-, sondern Assistenzärzte. Alles andere sei nur möglich, wenn die Landesregierung dies genehmige. Leider seien die Tarifverträge wenig flexibel.


Als im November 2007 kaum mehr operiert werden kann, entlässt das Ministerium auch noch den Chefarzt der Chirurgie und dessen Oberarzt. Ein juristisch umstrittener Vorgang: Es habe einen gravierenden Behandlungsfehler gegeben, sagt das Ministerium. Nein, erwidern die früheren Ärzte, davon könne keine Rede sein. Und ein Mitglied der Vollzugskommission des Landtags empört sich über das "Bubenstück" der Behörde. Wer "politische Kabale" vermute, liege richtig. Nun obliegt es dem Dortmunder Arbeitsgericht über Recht- und Verhältnismäßigkeit der Entlassungen zu urteilen.

An jenem 2. Januar, an dem die beiden Ärzte entlassen werden, will Mensing kündigen. Fristlos. Aus Wut. Es sei ein spontaner Reflex gewesen, sagt er heute. Die Oberschwestern halten ihn auf. "Das hilft uns jetzt nicht weiter", besänftigen sie ihn. Von Dezember 2007 bis Februar 2008 gibt es noch einen Facharzt und zwei Assistenten für nur noch 40 Betten - eigentlich sollte es 80 Betten und sieben Assistenten geben. "Es konnte praktisch nichts mehr getan werden", erzählt Mensing.

Seit jenem Januartag ist Dr. Brunke kommissarischer Chef der Chirurgie. In das Zimmer seines Vorgängers will er nicht umziehen. Das gehöre sich einfach nicht. "Wenigstens laufen die OPs wieder", meint er. Es werden vier Mietärzte von Agenturen angeheuert. Die zwei Fachärzte wären günstiger gewesen.


Auf der Station 4b, der chirurgischen Abteilung, umschließt der Flur einen zentralen Glaskubus, in dem Krankenakten und Medikamente deponiert sind. Ringsherum liegen die Patientenzimmer, immer zwei Betten mit weißen Laken, einem Fernseher unter der hohen Decke und dem vergitterten Blick auf die sanften Hügel des Sauerlandes. Doktor Brunke schließt die gesicherte Glastür zur Station auf und trifft Mensing, der ein Patientenzimmer abschließt. Es muss noch eine Bauch-Fistel versorgt werden.

Bei der Bettenbelegung werden Nichtraucher von Rauchern getrennt, und seit dem Mordfall von Siegburg jüngere von älteren Gefangenen. Solange Stammpersonal fehlt, teilen sich infizierte und nicht-infizierte Patienten eine Station. Infiziert ist, wer Aids, Hepatitis B oder C hat. Das trifft auf etwa zwei von drei Patienten zu, fast ausschließlich sind es "BTMler" - der Begriff meint Drogensüchtige, die straffällig wurden, indem sie gegen das Betäubungsmittelgesetz (BTM) verstießen.

Welche Straftat ein Patient begangen hat, ist in den Akten nachzulesen. Mensing kennt viele, Brunke nur wenige. "Man ist vielleicht voreingenommen, wenn man weiß, dass man gerade einen Mörder operiert." Brunke will nicht voreingenommen, sondern einfach nur Chirurg sein. Er befürchtet, dass die Klinik früher oder später untergeht, sollten keine neuen Ärzte gewonnen werden. "Schiffbruch", sagt Brunke. Dabei besitze die Arbeit in der Justizklinik unbestreitbare Vorzüge: Es gebe modernste Technik, weniger Bürokratie, keine aufwendige Dokumentation, und für die Patienten könne stets die beste Behandlung ausgesucht werden - ohne dass man sich später über Krankenkassen ärgern müsse.

Man habe nun eine Stellenanzeige im Deutschen Ärzteblatt schalten lassen. Vielleicht könnte ja auch ein Zeitungsartikel helfen. Er lacht kurz. Es wirkt einsam. "Vielleicht meldet sich niemand. Knackies sind halt keine Sympathieträger", sagt Brunke. Und Mensing meint, wer Straftäter operiere, verzichte auf Anerkennung, wie sie Ärzten sonst zuteil werde. Aber dafür gebe es hier eben eine wirkliche Basis-Chirurgie, man erfahre, wie sich nicht zuletzt Fisteln und Abzesse verarzten ließen. Bei Gefangenen kämen die sehr viel öfter vor als bei anderen Patienten. "Häftlinge sitzen eben ständig."


Nachmittags besucht Bernd Mensing kurz den Klinikleiter Turowski. Es tue ihm leid, sagt Mensing, die Kündigung sei nicht gegen das Krankenhaus gerichtet. Das Team sei in Ordnung. "Aber die da oben." Er habe jetzt genug. "Wo geht´s denn hin", fragt Turowski. "In eine Klinik im Weserbergland. Dort will ich mehr über traditionelle Chinesische Medizin lernen", gibt Mensing zum Besten und meint noch: "Mal sehen, einfach ist es ja nirgends mehr." Der Leiter nickt.

Joachim Turowski ist ein Jurist mit ruhiger, weicher Stimme und ehrlichem Verständnis für die Nöte seiner Ärzte. Seit drei Jahren arbeitet er am Krankenhaus. Es sei eine schöne Stelle. Auch wenn seine Arbeit vor allem in organisatorischen "Notoperationen" bestehe. Seine größte Errungenschaft sei es, dass "das Ding noch schwimmt". Es habe viel zu rudern gegeben. Zumal eine psychiatrische Abteilung aufgebaut worden sei.

Nur gut, meint er dann, dass man das Menetekel Privatisierung überstanden habe. "Wir sind halt einfach teurer." Schließlich könne man einen Patienten nach einer OP nicht einfach entlassen. In Justizkliniken seien Patienten keine Kunden, sondern Verpflichtung. Es solle verhindert werden, dass Gefangene ein Rentensyndrom entwickeln, indem sie den Staat für mangelhafte medizinische Versorgung haftbar machten. Ginge es nach Turowski, würde aus der Klinik ein bundesweiter Serviceanbieter für den Strafvollzug. "Bedarf ist vorhanden."

Mensing sitzt da schon im Arztzimmer und blättert seinen OP-Katalog der vergangenen eineinhalb Jahre durch: Fünf operierte Leistenbrüche, zehn Metallentfernungen bei Knochenbrüchen, eine Plattenosteosynthese, 30 Steißbeinfisteln und ein paar kleinere Sachen. "Nun gut", sagt er, "könnte mehr sein." Später legt er sich schlafen. Er hat Bereitschaftsdienst. Es wird eine ruhige Nacht.

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00:00 11.04.2008

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