Hinterhof

Kehrseite I Neun Jahre sitzt Kanter jetzt in diesem Büro mit Blick auf den Hinterhof. Er weiß, da ist nicht viel zu sehen, in jedem Fernsehfilm gibt es mehr ...

Neun Jahre sitzt Kanter jetzt in diesem Büro mit Blick auf den Hinterhof. Er weiß, da ist nicht viel zu sehen, in jedem Fernsehfilm gibt es mehr nackte Haut. Die Frauen, die aus dem Anbau hinter der Mauer kommen, lassen nur ihre Hunde nach draußen, kleine Pudel oder Terrier an langen Leinen. Allenfalls sieht man mal ein nacktes Bein oder ein Stück vom Morgenmantel, nicht mehr.

Aber seine Kollegen stellen sich noch immer auffällig ans Fenster, äugen nach draußen, witzeln über die Frauen da unten. Dabei warten sie auf eine Regung in Kanters Gesicht, beobachten ihn und grinsen. Kanter schaut niemals da runter, wenn jemand bei ihm ist. Er geht auf Zoten nicht ein, spricht nur von der Arbeit. Sind die Kollegen wieder draußen auf dem Flur, tuscheln und kichern sie. Er ist so alt, hat er mal einen sagen gehört.

Selbst wenn er telefoniert, schaut er nur auf den Bildschirm, blättert in den Konten oder guckt auf die Wand. Jetzt hat er zum dritten Mal in dieser Woche einen Mann am Apparat, der auf sein Geld wartet: "I wollt bloß gschwind frage, wann wir mit dem Geld rechne könnet." Kanter antwortet freundlich wie immer. Die Rechnung würde noch geprüft, hatte er beim ersten Mal gesagt. Dann: Der Scheck sei rausgegangen. Nun erklärt er, es müsse an der Post liegen, morgen werde der Scheck bestimmt eintreffen.

Ein Scheck ist fünf Tage lang nicht zu finden, taucht dann wieder auf - was ist hier los? Er denkt darüber nach, und jetzt sieht er nach draußen, auf das Haus, dessen Rückseite zum Bürohaus zeigt, auf den maroden Hinterhof und die bröckelnde Mauer, die beide Grundstücke voneinander trennt. Gleich dahinter sind Wasserpfützen, aus denen die Hunde manchmal trinken. Ob die Tiere auf den Zimmern sind, wenn Freier kommen?

Ein Tibetterrier huscht aus der geöffneten Tür. Er läuft nach links und rechts, langsam, schnell. Er hüpft wie nach einer Fliege oder einem Schmetterling, bleibt stehen, schnuppert.

Vielleicht lag der Scheck im Pultordner einer Sekretärin, die ihn zur Unterschrift vorlegen sollte. Vielleicht hat sie ihn in ein falsches Datumsfach gesteckt und vergessen.

Der Wind wirbelt ein Stück glänzenden Morgenmantels aus der Tür, eine Hand zieht den Zipfel zurück.

Einen Extraordner nur für Schecks brauche ich, denkt Kanter, dann verschwindet nichts mehr zwischen den Schreiben, die der Prokurist im Laufe einer Woche unterzeichnet.

Etwas Winziges gleitet an der Hauswand vorbei, eine Maus - der Terrier schießt ihr hinterher. Er rennt um die Mülltonne, zerrt an der Leine, bis die Tonne umfällt. Sie wurde gestern geleert, Kanter sah, wie der Hausmeister sie aus dem Hinterhof durch den Durchgang an die Straße brachte.

Ich kaufe mir einen Pultordner, den bring ich selbst weg und hole ihn wieder ab, denkt Kanter. Mit Buchstaben von A bis Z, da sortiere ich Schecks nach Kundennamen ein.

Die Maus flüchtet unters Auto, der Terrier hinterher. Kanter steht auf und öffnet das Fenster, als wäre er so näher am Geschehen. Der Terrier macht sich flach, kriecht um den Reifen, bis die Leine ganz straff ist, dann kläfft er jämmerlich, kann sich nicht befreien. Die Tür des Anbaus geht auf und eine Frau kommt heraus, die Leine in der Hand. Im Gehen schließt sie den Satinmantel, aber der weiche Gürtel öffnet sich schon bei den ersten Schritten, der Mantel rutscht herab und gibt die Schultern frei. Über sich hört Kanter Pfeifen und Johlen. Die Frau bückt sich und fingert nach der Hundeleine unterm Auto, sie kniet sich auf den Asphalt, greift um den Reifen, als wollte sie ihn umarmen. Sie sucht und tastet, die Leine hat sich verheddert. Die Autoscheiben sind vereist, heute Morgen waren minus sechs Grad.

Die Frau muss sich was anziehen, denkt Kanter. Dies bisschen Unterwäsche, das synthetische Zeug wärmt doch nicht. So eine Unvernunft, sagt er laut. Kanter nimmt seine Jacke und wirft sie zum Fenster hinaus, mit kräftigem Schwung Richtung Hinterhof. Die Jacke öffnet sich, mit ausgebreiteten Schwingen fliegt sie, die Ärmel vom Luftstrom aufgeblasen. Aber dann - als würde ihr plötzlich einfallen, dass sie aus festem, gefütterten Leder ist und beschwert von Portmonee, Ausweis, Schlüsseln und allerhand Kleinkram - fällt sie in sich zusammen und plumpst wie ein abgeschossener Vogel herab, mitten auf die Mauer; da hängt sie nun, auf jeder Seite einen Ärmel. Kanter starrt ihr entgeistert nach. Er hört kaum das Gelächter an den Fenstern, er sieht, wie die Frau aufsteht, ihr Mund ist offen, sie zieht ihren Morgenmantel zusammen, verknotet den Gürtel jetzt doppelt.

Im Büro wird es kalt. Kanter schließt das Fenster, das beschlagen ist. Er bibbert. Langsam schlurft er aus dem Zimmer, ins Treppenhaus, die Stufen hinab. Auf jedem Absatz verschnauft er minutenlang. Hoffentlich ist die Jacke nicht weg. Er müsste sich beeilen, über den Hof hetzen, sie von der Mauer reißen mit kräftigem Zug, sie an sich drücken und zurücklaufen und dabei tasten, ob noch alles da ist, vor allem das Portmonee.

Stattdessen wird er langsamer, behäbiger. Ihn fröstelt, seine Schritte sind ganz klein, und kurz vor der Hoftür steht er wie festgeeist. Jetzt geh schon, denkt er. Die Beine wollen nicht, sind schwer. Nun mach schon, sagt er laut.

Vorsichtig stemmt er sich gegen die Tür, sie kommt ihm so schwer vor und klemmt ein wenig. Durch den schmalen Spalt linst er nach draußen. Zu hören ist nichts, kein Johlen mehr, kein Pfeifen, aber ist es nicht viel zu still? Nein, du darfst nicht rennen, sagt er sich, auch zu langsam darfst du nicht schlurfen, du musst gehen wie immer. Er stellt sich vor, er liefe über den Büroflur, so macht er den ersten Schritt nach draußen, er sieht jetzt Zimmertüren links und rechts, schaut dann voraus auf die Jacke weit vorn. Sie hängt so schlapp da, er konzentriert sich auf die linke Tasche mit dem dicken braunen Knopf und fürchtet doch, dass die Jacke plötzlich weggezogen wird, von der anderen Seite.

Als er endlich ankommt, merkt er, wie hoch die Mauer ist, er muss sich auf die Zehenspitzen stellen. In Gedanken hört er die Geräusche auf dem Büroflur, das Summen des Kopierers, Telefonklingeln. Er macht sich ganz lang, zupft mit den Fingern am Ärmel, die Jacke gibt nach und fällt ihm in die Arme. Kurz steht er da wie einer, der einen Ball gefangen hat und erst verschnaufen muss, weil der Wurf so kraftvoll war. Dann zieht Kanter die Jacke an, spürt das Portmonee an seiner Hüfte, wendet sich um, blickt nicht nach oben. Jetzt den gleichen Weg zurück, wieder denkt er nur an Bürotüren; wenn er über den Flur geht, guckt er auch nicht hoch, wozu auch?

Endlich im Haus atmet er tief durch. Er geht jetzt ganz aufrecht, federnd, und als er oben auf dem Flur einen der Schnösel trifft, die immer über ihn spotten, grüßt er. Er hat ein ganz neues Lächeln im Gesicht, das weiß er, und das merkt auch der Andere, denn der bleibt stehen, schaut überrascht, eine Augenbraue hochgezogen, und grüßt so leise.

Annette Schwarz, geboren 1964 in Güstrow, studierte Betriebswirtschaft in Wismar und Reutlingen. Sie schreibt und lebt in Bargteheide. Zuletzt erschien im Freitag 01/2007 ihr Text Dr. Kettler geht zur Ruh.


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00:00 16.02.2007

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