Hinterm Flügeldeckel geht’s weiter

Beethoven-Jahr Pianist Igor Levit begeistert erst seine Follower auf Twitter und dann das Klavier-Festival Ruhr
Hinterm Flügeldeckel geht’s weiter
Der Pianist Igor Levit bei einer Darbietung im Schloss Bellevue im April 2020

Foto: Jesco Denzel/Bundesregierung/Getty Images

Das Beethoven-Jahr verläuft anders, als sich alle das vorgestellt haben. Konzertveranstalter, Zuhörer und Interpreten haben es jetzt, da es so langsam wieder losgeht, wahrlich mit unerhörten Ereignissen zu tun. Das Klavier-Festival Ruhr, seit Jahren eine Institution im Revier, hat es gewagt, den Spielbetrieb „n. C.“ wieder aufzunehmen. Letzte Woche spielte Igor Levit die letzten drei Klaviersonaten Beethovens im Dortmunder Konzerthaus.

Intendant Franz Xaver Ohnesorg wies die auserwählten Zuhörer vor dem Konzert darauf hin, dass nun bereits ein Gipfel des Festivals erreicht sei. Denn tatsächlich sind diese drei Sonaten das gewaltige Testament von Beethovens pianistischem Werk. Sie überwinden Barock und Wiener Klassik, ebnen den Weg für die Romantik und bieten Ausblicke auf moderne Harmonien. Der Pianist Igor Levit hat etwas geschafft, was viele, die vom Untergang der Klassik raunen, nicht erwartet hätten. Er hat sich eine Zuhörerschaft erspielt, die keinem Klischee eines steifen Konzertpublikums entspricht. Levit ist so etwas wie ein Klassik-Influencer – seine Tweets mit kurzen Einspielungen unterschiedlichster musikalischer Couleur begeistern regelmäßig über neunzigtausend Follower. Zum Erfolg bei dieser medienaffinen Klientel beigetragen hat sicher auch, dass Levit nicht nur auf der musikalischen Bühne agiert, sondern sich als „human being“, „citizen“, „European“ durchaus auch politisch äußert. In Interviews und besonders in seinen Statements auf Twitter nimmt er Bezug darauf, was in der Welt passiert. Umweltverschmutzer, Anti-Feministen, Verschwörungstheoretiker und Rassisten werden regelmäßig pointiert aufs Korn genommen. Mit jedem seiner Tweets kommentiert er seine Umwelt, ist also nicht ausschließlich eine musikalische Begabung, sondern ein gesellschaftliches Phänomen.

So richtig beginnt der Abend mit den ersten Takten der Sonate op. 109 in E-Dur und es sind die rührendsten Töne, die man sich vorstellen kann. Fast beiläufig und selbstverständlich passiert das – schwebend lädt der Interpret in die intimsten Räume seiner realen und musikalischen Existenz ein. Denn man fühlt sich unmittelbar zurückversetzt in die bleierne Zeit des Corona-Lockdowns, als Levit allabendlich aus dem Wohnzimmer seines Berliner Apartments heraus Konzerte für seine Twitter-Follower gestreamt hat. Zarter erscheinen diese ersten Töne und verletzlicher als in der CD-Einspielung, die von Igor Levit vorliegt. Die Isolation hat Spuren hinterlassen bei einem Künstler, der sich mit Untätigkeit einfach nicht hat abfinden können. Beethoven, der überragende Komponist von Variationen, hat in Levit einen kongenialen Interpreten gefunden. Im hinreißenden letzten Satz dann noch ein ironischer Schulterblick auf die Corona-Pause. In der finalen Variation des ritterlichen Themas hört man deutlicher als in der Studioaufnahme Anklänge an das Glockenschlagmotiv aus dem Rondo der Waldstein-Sonate heraus. Diese hatte Levit seinen Followern als erstes Twitter-Konzert präsentiert.

In die Sonate op. 110 fließt dann etwas ein, was Igor Levit in seinem hörenswerten Podcast über die 32 Klaviersonaten Beethovens hin und wieder als Ausbruch von Gewalt beschreibt. Da wird der Ton zum Geräusch – Dynamik dominiert Melodie und Rhythmus. Geisterhafte Modulationen kontrastieren Aufbegehren, fast im Sinne Dylan Thomas’: „Rage against the dying of the light!“ Dabei seziert der Pianist gerade die beiden verschachtelten Fugen im letzten Satz auf eine sehr transparente Art und Weise. Sein Spiel wird gestenreicher, bekommt gewissermaßen eine didaktische Komponente.

Der Spuk der Erlösung

Das für Beethoven so typische Insistieren auf einzelnen Tönen, Motiven und Figuren deutet Levit als pädagogische Maßnahme. Hier wird im Beethoven’schen Sinne dem Schicksal in den Rachen gegriffen. Der Komponist hat in den Sonaten über das Klavier hinausgedacht, und sein Interpret nimmt den Faden gerne auf.

Der Pianist Edwin Fischer hat über die Sonate op. 111 gesagt: „In diesen zwei Sätzen finden wir das Diesseits und das Jenseits versinnbildlicht.“ Fischers eigener Konzertflügel steht heute in der Wohnung von Igor Levit – er ist der zweite Protagonist der Haus-Konzerte, an denen Levit seine Follower über Twitter teilhaben lässt. Die Sonate bildete den unumstrittenen Höhepunkt des Konzertabends. In einer knappen halben Stunde in c-Moll wurde man Zeuge jeder musikgemachten menschlichen Emotion. Im finalen Arietta-Satz verleiht Levit der Sonate so etwas wie einen Tristan-Moment: Mild und leise verabschiedet er sich von seinem Dortmunder Publikum. Das Konzert geht mit dem Spuk der Erlösung zu Ende.

Vor den Ausgängen des Konzerthauses stehen zwei Bullis der Bundespolizei. Da wird es einem ein wenig mulmig. Unwillkürlich ist die Diskussion über rassistische Tendenzen bei der Polizei präsent, und dieser Gedanke steht in seltsamer Dissonanz dazu, dass hier eventuell Schutzmaßnahmen getroffen wurden für einen Künstler, der es in der Vergangenheit mit antisemitischen Angriffen zu tun bekommen hat, dem Nazis per E-Mail mit Mord gedroht haben. Aber dann sieht man die bunte Besatzung der Einsatzwagen mit Softdrinks beladen aus einem der ruhrgebietstypischen Büdchen kommen und die Bullis etwas aufwendig und raumgreifend zur Abfahrt wenden. Und sowieso steht doch über Igor Levits Twitter-Profil das Banner mit der unmissverständlichen Aufforderung „No Fear“. Dann muss doch eigentlich alles in Ordnung sein, oder?

Info

In Kooperation mit Igor Levit führt das Auktionshaus Grisebach am 28. Juni eine Benefiz-Auktion durch, deren Erlös den Stiftungen FREO (Freie Ensembles und Orchester in Deutschland) e.V. und Artist Relief Tree zugute kommt. Mehr Informationen dazu hier.

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06:00 28.06.2020

Ausgabe 48/2020

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