Hippies mit Gewehr

Utopie Achzivland heißt ein zehn Quadratkilometer großer Zwergstaat in Israel. Zu Besuch bei Gründer Eli Avivi und seiner Frau Rina

Während der Dreharbeiten zum Film Exodus sei Paul Newman oft in Achzivland gewesen, erzählt Rina Avivi. Sophia Loren, Brigitte Bardot und Bar Refaeli hätten in der türkisblauen Bucht in der Sonne gelegen. „Sophia hat mir beigebracht, wie man richtig gute Spaghetti kocht“, erinnert sich die 70-Jährige.

Halb Deutsche, halb Dänin, ist Rina Avivi noch genauso weißblond wie auf den vergilbten Fotografien an den Wänden ihres Wohnzimmers. Einige der Bilder zeigen sie zu Pferd, andere gemeinsam mit ihrem Ehemann Eli, mal auf einem Kutter, mal mit einem Gewehr in der Hand oder mit Hammer und Säge. Es überrascht einen nicht, dass auch Stars und Möchtegernstars Gefallen an dem kuriosen Ehepaar und seinem utopischen Refugium im Norden Israels gefunden haben. Nur wenige Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt, eingebettet zwischen dem Mittelmeer und dem ehemals umkämpften Galiläa, öffnet sich ein blaues Metalltor zum kleinen Reich der Avivis: dem Staat Achzivland. Gleich dahinter geht der Blick über mehrere Häuser, wild zusammengezimmert, ein Holzhäuschen zur Passkontrolle, ein Open-Air-Parlament, Bootsanlegestelle, Museum.

Eigentlich eine Diktatur

Vor über 60 Jahren hat hier der Fischer, Soldat und Palmachkämpfer Avivi seinen eigenen Ministaat gegründet. 10.000 Quadratmeter, begrenzt durch eine Landstraße auf der einen und das Mittelmeer auf der anderen Seite. Auf der Flagge prangt eine barbusige, gutgelaunte Meerjungfrau. Zurzeit lebt hier nur das ergraute Herrscherpaar selbst. Rina Avivi scheint das nicht zu stören: „Ich habe in meinem Leben genug erlebt. Nun reicht mir das Meer.“

Freie Sicht von Achzivland

Mikronationen wie Achzivland sind das ländliche Pendant zum besetzten Haus. Ohne Anerkennung anderer Staaten oder die Autorisierung der eigenen Regierung erheben Menschen einfach Anspruch auf ein Stück Territorium und verwalten es nach eigenen Regeln. Die Motivationen sind vielfältig. Viele Kommunen entstehen aus dem Wunsch heraus, eine politische oder ideologische Alternative zu leben. Andere Gründer scheuen Kaufpreise und Steuern, manche betreiben ihren Mikrostaat als Witz oder Protestaktion, und wieder andere wollen einen rechtsfreien Raum schaffen.

Das dänische Christiania ist gerade für seinen liberalen Umgang mit Rauschgiften berühmt. Die Dominion of Melchizedek wurde zum Zweck der Geldwäsche und des Bankbetrugs gegründet und wechselte mehrmals den Standort in den USA und Südamerika. Tausende solcher Fantasiegebilde gibt es auf der Welt. Mit neuen Währungen, Wahlen, Briefmarken, Grenzkontrollen und eigenen Sprachen, oft unbemerkt, meist geduldet von den Behörden. Achzivland ist streng genommen eine Diktatur. Der Präsident wird durch seine eigene Stimme gewählt, heißt es in der Verfassung aus dem Jahr 1952.

Mikronationen

Überall auf der Welt gibt es diese Scheinstaaten. Meist werden sie ignoriert, im besten Fall geduldet:

Vor 40 Jahren besetzte der britische Ex-Major Roy Bates eine verlassene Seefestung aus dem Zweiten Weltkrieg vor der Küste Englands und erklärte sie zum Fürstentum Sealand. Inzwischen hat sein Sohn die Staatsgeschicke übernommen, er wohnt mit seiner Familie auf der Plattform.

Am westlichen Donau-Ufer, zwischen Kroatien und Serbien, liegt die 2005 gegründete Freie Republik Liberland. Die Zugehörigkeit des Territoriums zu Serbien oder Kroatien ist noch ungeklärt. Auf liberland.org kann man sich als neuer Einwohner bewerben. Nazis und Kommunisten sind nicht willkommen.

In den 60er Jahren wollte Giorgio Carbone mittels historischer Dokumente nachweisen, dass sein Heimatdorf Seborga in Ligurien nicht zu Italien gehört. Er gründete das Fürstentum Seborga, das bis heute 600 Mitglieder zählt. Seit 2011 wird es durch einen „Honorarkonsul“ in München vertreten.

1982 wurde die Conch Republic vom damaligen Bürgermeister der Stadt Key West, Dennis Wardlow, als Protest gegen eine Maut- und Kontrollstelle an der Zufahrtsstraße zum Festland ausgerufen. Bis heute feiern die 14.000 Einwohner Key Wests den 23. April als ihren Unabhängigkeitstag.

Rina Avivi, die First Lady und rechte Hand von Eli, lebt seit 40 Jahren in Achzivland. Als Fünfjährige wanderte die geborene Münchnerin nach dem Krieg in Israel ein. Deutsch spricht Rina Avivi kaum noch, und über das Schicksal ihrer Familie im Krieg möchte sie nicht reden. „Ich habe Eli kennen gelernt, als er noch ganz allein in der Bucht hauste und sich niemand für diese Gegend interessierte. Er hat Fisch verkauft an den Kibbuz, in dem ich damals lebte. Eli war ein echter Robinson Crusoe.“

Als das Paar heiratete, war Rina noch unter 18. Eli jedoch hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein ganzes, ein bewegtes Leben hinter sich: Während der britischen Mandatszeit kämpfte er für die jüdische Untergrundorganisation Palmach, nach Gründung des Staats 1948 diente er in der Marine und segelte zwei Jahre lang durch das Mittelmeer, ehe er 1952 die Bucht von Achziv zu seinem Eigentum erklärte. Seit zwei Jahren kümmert sich Anna, eine philippinische Altenpflegerin, um den Abenteurer. Der gebürtige Iraner hört nicht mehr gut, er ist in der letzten Zeit schweigsam geworden. Auf dem Sofa liegend, das schulterlange weiße Haar ausgebreitet auf einem weinroten Kissen, lauscht er Rinas Erzählungen und fügt ihnen ab und an ein Detail hinzu.

Die ersten Jahre in Achziv seien friedlich gewesen. Die meisten der 2.000 Bewohner aus dem ehemals arabischen Dorf al-Zib waren schon vor Ausbruch des arabisch-israelischen Kriegs in den Libanon geflohen. Niemand interessierte sich für den seltsamen Einsiedler Eli, bis in den 70er Jahren plötzlich Autobahnen, ein Club Med und ein Nationalpark in der Gegend entstanden. Heute ist von der Architektur des Dorfes fast nichts mehr übrig. Er habe sich auf die Bulldozer gestellt, um sie an der Zerstörung zu hindern, erzählt seine Frau. „Wir haben angefangen, wie selbstverständlich von unserem eigenen Land zu sprechen.“ 1972 hätten sie dann gemeinsam ihre israelischen Pässe zerrissen, neue erstellt und Achzivland als neue Heimat ausgerufen.

Foto-Erinnerungen der Staatengründer

Für diese Protestaktion wurden sie acht Tage inhaftiert. Ironischerweise existierte im jungen Israel noch kein Gesetz gegen die Annexion unbewohnten Territoriums und die Gründung eines eigenen Staats. Die Avivis erklärten sich bereit, das Grundstück offiziell vom Staat zu pachten. Von Besetzern waren sie plötzlich zu ganz normalen Mietern und Staatsgründern geworden. „Man hat uns gehen lassen, und seitdem sind wir nicht mehr behelligt worden“, sagt Rina Avivi und rückt ihre blau verspiegelte Sonnenbrille zurecht. Zwei zottelige Hunde, die das avivsche Reich in ihrem Leben schon gegen viele Eindringlinge verteidigen mussten, folgen jeder ihrer Bewegungen mit müden Blicken.

Zum ersten Mal ernsthaft gestört wurde das Idyll 1982 während des ersten Libanonkriegs. Militante Gruppen nutzten den Küstenabschnitt, um unbeobachtet auf israelisches Land überzusetzen. „Einmal brachen sie sogar in unser Haus ein“, sagt Rina. „Zum Glück war ich vorbereitet und bewaffnet, und sie waren wohl so überrascht, eine blonde, junge Frau barfuß und mit Maschinengewehr zu sehen, dass sie wieder verschwanden.“ Zäune aus Stacheldraht waren das Ergebnis, Überwachungskameras an allen Ecken des Geländes. Das Paradies verwandelte sich in eine Festung. In Israel wird man vielleicht ein Hippie, dann aber nur mit Gewehr.

In der Fundgrube

Rina Avivi zeigt auf eine Mauer. Es sind die Überreste phönizischer Gräber. Das Land der Avivis ist eine Fundgrube für jeden Archäologen. Um diesen Küstenstreifen scheint sich die Menschheit von jeher zu streiten: die Kanaaniter, die Griechen, die Römer, die Kreuzfahrer, die Piraten – sie alle machten hier Halt, siedelten mal länger, mal kürzer und hinterließen Vasen, Büsten, Anker, Inschriften, Wegweiser und allerlei Werkzeuge und Scherben. Er sei Hobbyarchäologe, sagt Eli. Sein ganzes Leben lang buddelte und grub er und stapelte die Fundstücke im ersten und einzigen Museum Achzivlands. Es ist ein Kabinett der Sammelleidenschaft, dessen Inhalt die israelische Regierung schon mehrmals für sich reklamiert hat.

„Die Türsteher“ Evi und Rina Avivi in den 70er Jahren

Rina stöhnt. Sie habe sich das Knie gezerrt, klagt sie. Die Arbeit werde langsam zu viel für sie. Vor drei Jahren hat sie die Staatsgeschäfte in die Hand genommen, sie kümmert sich um die Bürokratie, um Touristen, Gärtner, Handwerker. Wirsch gibt sie ein paar Anweisungen an zwei Gärtner, die heute das Parlament renovieren. Es ist ein kreisrundes Gebäude mit Meerblick, in dem in der Vergangenheit wichtige Entscheidungen für das Weiterbestehen Achzivlands beschlossen wurden. „Heute spielen hier nur noch Backpacker Gitarre.“ Im Sommer kommen sie noch, dann ist Hochsaison. Das Ambiente vergangener Tage will sich jedoch nicht mehr einstellen. „Die meisten kommen mit dem Auto und bleiben für ein paar Nächte. Richtige Touristen eben.“

In den 60er und 70er Jahren waren die Avivis Hafen für allerlei Gestrandete. In dieser Zeit sei Eli außerdem zu einem wahren Erotikfotografen aufgestiegen, lacht Rina. „All diese nackten, schönen Frauen hier an unserem Strand.“ Zwei Millionen Bilder leicht bekleideter Damen habe sie noch im Museumsarchiv. Das nächste Großprojekt: digitalisieren und Memoiren schreiben. Diesmal jedoch von ihrem Zweithaus aus, einem Cottage aus schwarzen Holzbalken inklusive Gartenzwerg und Hollywoodschaukel. Sie habe sogar noch eine Wohnung in Tel Aviv, sagt Rina Avivi auf einmal. „Aber was will ich da? Hier habe ich alles, was ich brauche.“ Die lange Phase des Reflektierens, des großen Rückblicks und der geistigen Inventur habe begonnen. Sie wolle Eli einen Platz in seiner eigenen Geschichte einräumen. Ihn in der Zeit verankern, sagt sie und hält plötzlich inne – das Rauschen der Wellen. Die Hymne Achzivlands donnert.

Franziska Knupper pendelt als freie Autorin und Journalistin zwischen Berlin und Tel Aviv

06:00 17.01.2017
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