Hirn-Screening

Fünf Jahre nach dem Erfurter Amoklauf Vor uns liegen die Schrecken der Prävention

Nach dem Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vom 26.4.2002, bei dem der Schüler Robert Steinhäuser 16 Menschen und sich selbst erschoss, gründete sich die Schülerinitiative "Schrei nach Veränderung". Sie rief dazu auf, sich "verstärkt mit den gesellschaftlichen Ursachen dieser Tat auseinander zu setzen", weil nur deren Kenntnis es ermögliche, weiteren Taten vorzubeugen. Insbesondere müsse der Leistungsbegriff hinterfragt werden, der das Bildungssystem beherrsche und dafür verantwortlich sei, dass unablässig Verlierer produziert würden, die den vorherrschenden Idealen nicht entsprächen und in der Folge leicht in eine Position abseitiger Verzweiflung gerieten. Statt eine Pause der Besinnung einzulegen und diesen Fragen nachzugehen, wurde eine hektische politische Betriebsamkeit entfaltet, die staatliche Handlungsfähigkeit demonstrieren und den Bürgern das Gefühl vermitteln sollte, es geschähe etwas, das ihnen Schutz vor solchen Gewalttaten gewährt. Der Staat lässt es sich wieder einmal etwas kosten, Ursachen bestehen zu lassen und Folgen repressiv und präventiv zu bekämpfen.

Inzwischen wird, wer weiter nach den gesellschaftlichen Wurzeln von Gewaltphänomenen fragt, als jemand verspottet, der sich in den Schützengräben des Klassenkampfes hat einschneien lassen und sich eines veralteten Interpretationscodes "abweichenden Verhaltens" bedient. Amokläufe wie der von Erfurt demonstrieren für den Journalisten Ulrich Greiner (Zeit) und den Gewaltforscher Wolfgang Sofsky, dass das Böse zum Menschen gehört: Schon Kain habe Abel erschlagen, die Gewalt stehe am Anfang, sie sei ursprünglich und ewig. Menschen pflegten nun einmal Böses zu tun, es gebe keinen Bedingungszusammenhang zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen, Biografie und Gewalttätigkeit. Wer daran festhält, Täter wie Robert Steinhäuser auch als Ensemble ihrer und unserer gesellschaftlichen Verhältnisse zu begreifen, wird, gerade von den gewendeten Altlinken, betrachtet wie ein Gast, der den Raum, in dem die akademisch-mediale Gewalt-Debatte stattfindet, mit offenem Hosenstall betritt.

Ernster werden da schon die Vertreter des neuen hirnorganischen Paradigmas genommen, für die der Amoklauf auf einen gestörten Stoffwechselprozess im Gehirn und Serotoninmangel zurückzuführen ist. Aus neurowissenschaftlicher Perspektive setzt man auf die Entwicklung von Gehirnscannern, mit deren Hilfe sich potenzielle Terroristen und Amokläufer erkennen ließen. Auf dem Weg vom Rechts- zum Sicherheitsstaat muss man demokratische Skrupel über Bord werfen und darf in der Wahl der präventiven Mittel nicht zimperlich sein. Es läge durchaus im Interesse der Gesellschaft, sagt der Mainzer Neuro- und Kognitionswissenschaftler Metzinger in einem Gespräch mit der Zeitschrift Geo (1.10.2003), "ihre Mitglieder in jungen Jahren zu screenen", um Dispositionen zu abweichendem Verhalten und späterer Gewalttätigkeit rechtzeitig diagnostizieren und erfolgreich therapieren zu können. Der italienische Arzt Cesare Lombroso, der im 19. Jahrhundert behauptete, dass man den "geborenen Verbrecher" an gewissen anatomisch-physiognomischen Stigmata identifizieren könne, feiert seine Auferstehung in Gestalt einer neurowissenschaftlich aufgeputzten Gedankenpolizei, die sich anheischig macht, Verbrechens-Vorhersagen direkt aus den Gehirnen auffälliger Personen ablesen zu können. Wie Orwells Roman 1984 ist wohl auch Steven Spielbergs Film Minority Report noch zu optimistisch gewesen, und man kann sich fragen, ob die Verbrechen, die in Zukunft im Namen der Prävention begangen werden, nicht diejenigen in den Schatten stellen, die sie zu verhindern vorgeben.

Auch die akademische Psychologie hat sich in Gestalt von Jens Hoffmann aus Darmstadt und Herbert Scheithauer aus Berlin inzwischen des Amok-Themas angenommen und wartet mit Präventionskonzepten auf. Der Amokläufer gibt sich im Vorfeld der Tat durch verschiedene Auffälligkeiten zu erkennen und folgt ähnlichen Verhaltensmustern, die ausgebildete Experten eines schulischen "Risiko- und Bedrohungsmanagements" nur zu erkennen und richtig zu deuten haben und schon ließe sich manche Gewalttat verhindern. Die Krux scheint allerdings darin zu bestehen, dass die vermeintlichen Vorzeichen sich immer erst a posteriori als solche zu erkennen geben: Erst wenn die Katastrophe eingetreten ist, scheint alles einer Logik zu folgen, die auf eine aggressive Eruption die ganze Zeit über zusteuerte. Soll denn jede Verhaltensauffälligkeit eines Schülers, die schon mal im Vorfeld eines Amoklaufs aufgetreten ist, gleich behördliche Ermittlungen und sozialarbeiterische und/oder psychotherapeutische Zwangszuwendung auslösen? Suizidgedanken und Gewaltphantasien, die jeder Schüler gelegentlich hat, würden sich dann in der Untergrund zurückziehen und einen Schwarzmarkt bilden, der sich jeder Kontrolle und Beeinflussung entzieht. Man muss der Gewalt ins Auge sehen, wenn man an ihrer Zähmung arbeiten will.


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00:00 27.04.2007

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