Hirohito darf bleiben

Japan Vor 65 Jahren ist der Zweite Weltkrieg in Ost- und Südostasien vorbei. Am 2. September 1945 unterzeichnen Emissäre des japanischen Kaisers die Kapitulationsurkunde.

Am 14. August 1945, wenige Tage nach den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki nahm der japanische Kaiser Hirohito seine Kapitulationsrede auf, die einen Tag später im Radio ausgestrahlt wurde. Am 2. September schließlich kam es auf dem in der Sagami-Bucht vor Tokio ankernden US-Schlachtschiff Missouri offiziell zur Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde. Japans Regierung und das Oberkommando der Armee, die Ost- und Südostasien, dazu zahlreiche Inseln im Pazifik, in einen Kriegssturm gerissen hatten, musste fortan den Befehlen des Siegers gehorchen. Widerwillig und mit Abscheu, wie die Gesten des Oberbefehlshabers General Umezu Yoshijiro nicht den geringsten Zweifel ließen. Bevor er zusammen mit Außenminister Shigemitsu Mamoru seine Unterschrift unter das Kapitulationspapier setzte, schnäuzte er sich mehrfach und laut – ein in Ostasien zutiefst ungebührliches Benehmen.

Prozess gegen Kriegsverbrecher

Unter dem Besatzungsregime von General Douglas MacArthur, Oberkommandierender der US-Streitkräfte in Fernost, wurde Japan danach zunächst einmal von der Außenwelt abgeriegelt. MacArthur setzte eine nach US-Muster geschriebene Verfassung durch, die am 7. Mai 1947 in Kraft trat. Deren entscheidendes Anliegen: die Kompetenzen des Kaisers zu bescheiden. Artikel IX verhängte ein Verbot für jegliche Wiederaufrüstung, die japanische Armee sollte sich auf ein Schattendasein einrichten.
Eher glimpflich kamen Vollstrecker und Mitläufer des imperialen Größenwahns davon. Eine mit Deutschland vergleichbare „Entnazifizierung" – wie halbherzig die auch immer gewesen sein mochte – gab es nicht einmal ansatzweise. Das in Tokio tagende Alliierte Kriegsgericht für den Fernen Osten, als Kopie des Nürnberger Tribunals gedacht, verhängte Ende 1948 gegen sieben vormals hochrangige Politiker und Militärs die Todesstrafe, zu vollstrecken durch den Strang. Die zu Haftstrafen verurteilten Mitangeklagten kamen, sofern sie zwischenzeitlich nicht eines natürlichen Todes gestorben waren, allesamt Mitte der fünfziger Jahre wieder auf freien Fuß. Kaiser Hirohitos Verantwortung für Japans imperiale Politik blieb tabuisiert, obgleich immer wieder schwere Vorwürfe gegen den Tenno erhoben wurden. Doch ging es Washington weniger um die Demontage des Monarchen als vielmehr um die Entflechtung von Mythos und Authentizität. Per Direktive wurde der Staats-Shinto („Weg der Götter") verboten, der von der Existenz einer mystisch verklärten nationalen Großfamilie unter Führung des Kaisers ausging und keine Trennung zwischen mythischer und authentischer Geschichte tolerierte.

Bereits vor den Verhandlungen des Alliierten Kriegsgerichts in Tokio gelang es dem ebenso machttrunkenen wie verschlagenen American Caesar (so der Titel der von William Manchester verfassten, 1978 veröffentlichten MacArthur-Biographie), dass nicht einmal Anklage gegen die Führungsriege der „Einheit 731“ erhoben wurde. Die hatte in China den qualvollen Tod Tausender Zivilisten durch bakteriologische und chemische Waffen verschuldet. Der „intelligence value“ – der nachrichtendienstliche Wert beziehungsweise die Verwertung dieser „Experimente an lebendigem Material“ – wurde ungleich höher eingestuft als die Wahrung ethischer Normen und das Sistieren auf juristische Strafverfolgung. Schließlich ging es darum, die Erkenntnisse der Einheit 731 ohne großen Verzug im Korea-Krieg zwischen 1950 und 1953 zu nutzen. Diese Entlastung sollte es später japanischen Politikern erleichtern, ihrerseits die eigene militaristische Erblast herunterzuspielen.
Ähnlich dem für Europa entworfenen Marshallplan wurde für Japan bald nach 1945 ein Aufbau- und Wirtschaftshilfeprojekt entworfen, um die Produktion wieder in Gang zu bringen. Die Parität der Landeswährung Yen gegenüber dem Dollar war auf 360 zu eins festgesetzt. Eine Niedrigzinspolitik stattete die Großunternehmen mit benötigten Krediten aus. Da die japanische Wirtschaft nach ernsthaften Zerstörungen zunächst reanimiert werden musste, war es erwünscht, die Finanzen für eine industrielle Wiederaufforstung so gering wie möglich zu halten. Kaum denkbar bei freier Zinsbildung. Dadurch wären die Kapitalkosten in die Höhe getrieben worden, da die auf dem Markt verfügbaren Gelder begrenzt – die Nachfrage aber sehr groß war. Großbanken mussten nicht befürchten angetastet, geschweige denn entflochten oder demontiert zu werden.

Prellbock gegen den Kommunismus

Und dann profitierte Japan nicht zu knapp vom Koreakrieg. Das militärische Engagement der USA in diesem Teil der Welt stimulierte Rekonvaleszenz und Expansion des japanischen Kapitalismus. Die seinerzeit von Ökonomen als „Korea-Boom" charakterisierte Phase des Aufschwungs war Ausdruck der sprunghaft gestiegenen US-Nachfrage nach japanischen Produkten. Die Gesamtsumme der japanischen Sonderbeschaffungen im Sog des Krieges auf der koreanischen Halbinsel betrug allein zwischen 1951 und 1957 nahezu vier Milliarden Dollar. 1952, als die Einnahmen aus dem Sonderbedarf mit umgerechnet 750 Millionen Dollar ihren Höhepunkt erreichten, machte der Anteil des Sonderbedarfs über 40 Prozent des gesamten japanischen Exportvolumens aus. Bereits mit dem Ausbruch der Feindseligkeiten im Sommer 1950 schossen die Aktienkurse japanischer Unternehmen um durchschnittlich 200 Prozent in die Höhe.
Washington setzte überdies alle Hebel in Bewegung, um mit Japan zu einem geregelten Modus vivendi zu gelangen, der die Souveränität des Landes wieder herstellte und dessen Rolle als Prellbock gegen den Kommunismus in Ostasien – vergleichbar mit der Bundesrepublik Deutschland – im Rahmen westlicher Sicherheitsinteressen festigt. Am 8. September 1951 wird ein Friedensvertrag mit Japan in San Francisco unterzeichnet, der am 28. April 1952 in Kraft tritt. Darin bleiben eine Regelung für die japanischen Reparationszahlungen unberücksichtigt. Die Verlegung eines Großteils der zuvor in Japan stationierten US-Truppen nach Korea führt dazu, das Tokio aufgefordert wird, eine Nationale Polizeireserve zu rekrutieren, die mit 75.000 Mann den Grundstock der künftigen Armee bilden wird. Zehn Jahre später liegt die Stärke der in Japan so genannten Jieitai (Selbstverteidigungsstreitkräfte) bei 244.000 Mann – mehr hat zu diesem Zeitpunkt nur die Volksrepublik China unter Waffen. Einsortiert werden die Jieitai in eine Dreierallianz mit den Vereinigten Staaten und Südkorea.

Ignoranz, das Leugnen und Verdrängen von Opferschicksalen sowie eine Politik des Vergessen werden ein Markenzeichen der Nachkriegspolitik in Japan, wo man sich anlässlich der Gedenkfeiern aus Anlass der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki alljährlich lieber der Opferrolle besinnt, anstatt all der Hingemetzelten, Zwangsarbeiter und in Militärbordelle gezwungenen Frauen in Ost- und Südostasien zu gedenken, die bis heute – vergeblich – eine angemessene Entschuldigung aus Tokio erhoffen. Von einer Entschädigung der Gedemütigten ganz zu schweigen.

Zum Weiterlesen: Sheldon, Harris H. (2002): Factories of Death: Japanese Biological Warfare, 1932-45, and the American Cover-up. New York/London: Routledge (revised edition) siehe vor allem Kapitel 2 (S. 13ff.) über Ishii Shiro, den hauptverantwortlichen Militärarzt der Einheit 731

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15:45 07.09.2010

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