Hirschkunst

Berliner Abende Kolumne

Die Brunnenstraße strahlt. Es strahlen Neonröhren durch Schaufensterscheiben hinaus auf den Asphalt. Es ist großer Vernissagenabend. Eben noch bin ich gefragt worden, ob ich den Künstler, dessen Portfolio ich gerade durchblätterte, kennen lernen möchte, aber angesichts der Mandalas aus Mösenfotos habe ich abgelehnt und stehe jetzt mit vielen anderen Schwarzgekleideten draußen und halte ein Bier in der Hand. Wir alle werden uns noch durch die Brunnenstraße hindurch arbeiten heute Nacht.

Mein Bier ist das erste Bier an diesem Abend und die Galerie "Rakete" ist die erste Galerie. Und schon stellt sich die Frage, wie Galeristen darauf kommen, ihre Galerie "Rakete" zu nennen.

Bei der Namensgebung sehr nahe liegend ist natürlich der Name des Galeristen plus der Begriff Galerie. Würde ich selbst eine Galerie aufmachen wollen, so könnte diese "Marion Pfaus Galerie" heißen oder "Galerie Marion Pfaus". Handelte es sich bei meiner Galerie allerdings um eine Produzentengalerie, so müsste ich erstens Künstlerin werden und zweitens mich mit den anderen Kunstproduzenten einig werden.

Nächtelang hätten wir beim Bier zusammen gesessen und Kunstmarktdiskussionen geführt, wie schwierig es sei, sich und seine Kunst auf dem Markt zu platzieren, wie und wo man berühmte Kuratoren und Sammler auf sich aufmerksam macht, wie ein anständiges Portfolie aussieht, und ob Susi weiterhin mit Menstruationsblut malen soll oder doch lieber mit dem Mark ausgequetschter Junikäfer. Wie immer hätten wir festgestellt, dass die Situation auf dem Kunstmarkt grundsätzlich beschissen ist. Trotzdem müssten wir weiterarbeiten. Aber was? Ja, du kannst doch den Markt nicht bedienen, du musst dein Ding machen. Und jetzt für alle: Jeder muss sein Ding machen! Wessen Ding? Der Scherzbold scherzt und lacht. Einige schissen auf den Kunstmarkt und andere hätten gerufen: Lasst uns eine Produzentengalerie aufmachen! Diese Idee hätten wir zunächst im Bier ertränkt, aber einige (vermutlich Schwaben) hätten immer wieder davon angefangen, sogar am helllichten Tag, so dass eines Tages die Galerie beschlossen wurde. Der Ort war klar: Brunnenstraße, nur noch ein Name musste her.

Wieder nächtelang überm Bier zusammen sitzend, wurde nach einem zündenden Namen gesucht, der abgeht wie eine... Und Bingo! wären wir auf den Namen "Rakete" gekommen. Obwohl ich zu bedenken gegeben hätte, dass Vernissagen-Reklame-Mails mit dem Betreff "Rakete" oder "Raketen-Zündung" von mir zusammen mit den "Viagra- und Geile-Frauen-in-deiner-Nachbarschaft-Mails" sofort weggespamt werden würden, wäre das Mehrheitsvotum bei "Rakete" geblieben.

"Bingo" wäre auch ein guter Name für eine Galerie.

Die "Rakete" wird verlassen und an der benachbarten Galerie "En passant" gehen wir einfach vorbei. Die folgenden Galerien sind alle "Marion Pfaus Galerien" oder "Galerien Marion Pfaus". Riesige Selbstbildnisse hängen neben Miniaturzeichnungen, Portraitfotos betrachtet man auf im ganzen Raum ausgelegten Sakkos stehend, ein Künstler verrichtet unter großem Blitzlichtgewitter in einer Galerieecke sein kleines Geschäft. Dazwischen davor und daneben flanieren jede Menge Kunstinteressierte. Sie nippen an ihren Gläschen, rauchen Zigaretten und diskutieren über die Kunst, die Kunstaktion und über das, was vorher mal in diesem Laden gewesen war. Manche erinnern sich noch an die Tagesbar oben auf dem Dach mit der Dachterrasse auf dem Dach, oder dass genau hier ein Film gedreht wurde. Weißt du noch, da hat doch Jochen die Kamera, das war genau hier. Da waren das noch die großen alten Fenster. Damals vor der großen Sanierungswelle. Ja ja.

Nach der großen Sanierungswelle sind sie immer noch hier zusammen mit ihren in der Zwischenzeit selbst gemachten Kindern. Neidisch betrachte ich die vielen kunstinteressierten Kinder, die an den Armen ihrer kunstinteressierten Eltern hängen oder sich kunstinteressiert aus ihren Jogger-Buggys heraus lehnen.

Mein Kind ist nicht nur nicht kunstinteressiert, sondern bekommt beim Besuch einer Kunstausstellung sogar eine ganz eigene Kunstkrankheit. Eben noch ist es hoch motiviert an meiner Hand ins Kunstetablissement hinein gehüpft, da fängt es auch schon an zu lahmen. Mit letzter Kraft klammert es sich an mich und stöhnt. Kaum kann es sich noch auf den Beinen halten und liegt mal auf einer der wenigen Sitzgelegenheiten oder irgendwo in der Ecke auf dem Fußboden. Nach spätestens einer halben Stunde hat es ein derartig hohes Kunstfieber entwickelt, dass es mit hochrotem Kopf hinaus getragen werden muss, wo es sich beachtlich schnell wieder erholt.

Lieber gehe ich ohne Kind zur Vernissage in die Brunnenstraße, dann habe ich viel mehr Zeit über schöne Galerienamen nachzudenken. Wie wär´s mit "Dear Kunst", das klingt im Brunnenstraßenlärm wie Hirschkunst, zu amerikanisch: Hörschkonst.


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