Historische Rückstelltaste

Gottes Nation Amerika flüchtet sich in Selbstbezogenheit. Mit Isolationismus hat das nichts zu tun, aber mit dem Glauben an das "Imperium lite"

Die weiße Grundierung des hohen Holzlattenzauns zwischen der heruntergekommenen Tankstelle und dem Trailerpark, an dem ich oft vorbeifahre, ist längst nicht mehr weiß, sondern schmuddelig braun von all den Abgasen. Der Anstrich blättert ab und ist erneuerungsbedürftig. Um so strahlender wirkt die rot-weiß-blaue USA-Flagge, die jemand erst kürzlich darauf gemalt hat, darunter den Slogan "Proud to be American" - stolz darauf, Amerikaner zu sein. Woher kommt eigentlich dieser Stolz? Wieso umarmen Menschen, denen der Staat grundlegende Rechte wie Bildung, Gesundheitsvorsorge und soziale Sicherheit vorenthält, ihr Land in seiner ganzen symbolischen Größe? Wieso meinen selbst meine linksliberalen Bekannten in der lokalen Friedensbewegung, die gegenwärtigen Krisen und Kriege der USA stellten eine bloße Verirrung der Geschichte dar und wir alle seien nur eine Präsidentenwahl von der Rückkehr zu der großartigen Nation entfernt, die ihr wahres Wesen ausmacht? Wieso ist die Beziehung so vieler US-Bürgerinnen und -Bürger zu ihrem Land so religiös statt politisch gefärbt, durch die christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung statt durch aufgeklärte Kritik, durch Engagement und Partizipation? Wieso werden die USA im öffentlichen Diskurs so hartnäckig als Leuchtturm der Freiheit, als letzte Hoffnung für die Menschheit gefeiert und nicht einfach genauso angefasst wie jede andere wandlungsbedürftige Demokratie?

Wer das US-Wahlspektakel beobachtet, dem muss es so vorkommen, als ob das 21. Jahrhundert noch gar nicht angefangen hätte. Niemand spricht über den 11. September, über die Bush-Doktrin, die moralische Korruption durch Abu Ghraib, Guantànamo oder die geopolitischen Machtverschiebungen in Europa und China. Stattdessen streiten die Präsidentschaftskandidaten darüber, wie die Welt unter Amerikas Führung aussehen soll. Der Republikaner setzt unbeirrt den muskulösen Moralismus seines Vorgängers fort; spricht von Sieg und Ehre im Irak. Der Demokrat drückt die historische Rückstelltaste zum Wirtschaftsboom der Clinton-Jahre. Das ist sein Rezept, um Amerikas Ansehen in der Welt wieder herzustellen. Eigenartig, dass beide Kandidaten Ronald Reagan verehren, der das nationale Selbstbewusstsein der USA nach Vietnam und der Stagnation der siebziger Jahre mit dem Slogan "It´s morning again in America" zu neuem Leben erweckte. Geht die Sonne denn nie unter in diesem Reich der Hoffnung?

Kurz nach dem 11. September 2001 hatte der US-Soziologe Immanuel Wallerstein das Ende der "Pax Americana" ausgerufen. Die Frage sei bloß noch, schrieb er, ob der stolze Adler im eleganten Sinkflug zu Boden gleite oder aber, getrieben vom imperialistischen Ehrgeiz der Neocons in der Regierung Bush, brutal abstürze. Wallersteins These von der erodierenden amerikanischen Weltherrschaft hätte im Vorfeld des Irakkrieges Stoff für eine politische Debatte geboten. Bedenkenswert etwa seine Beobachtung, dass abdankende Empires sich gerne auf ihre militärische Überlegenheit berufen; aufsteigende Großmächte hingegen an ihren dynamischen Ökonomien zu erkennen sind.

Doch zum Denken blieb wenig Zeit. Der Präsident griff nach den Terroranschlägen in die Mottenkiste mit den Mythen aus der Gründerzeit der USA und gebärdete sich wie ein Sheriff im Wilden Westen. Intellektuelle bis weit ins linksliberale Lager hinein begrüßten ebenfalls die neue, globale Ordnungsfunktion der USA oder sahen sie zumindest als unvermeidlich an. Was wurde da nicht alles von einem "Empire lite" geschwärmt! Ein modernes, gutartiges Imperium des 21. Jahrhunderts sollte entstehen, das militärische Stärke mit freien Märkten, Demokratie und Menschenrechten kombiniert! Ein Imperium wider Willen werde es sein, argumentierten seine Apologeten und verwiesen auf Amerikas Aufbegehren gegen die britische Kolonialherrschaft.

Wieso wies keiner der Träumer darauf hin, dass die Antiimperialisten von damals bereits Imperialisten waren, wenn es um ihre eigene Nation ging? Nur zwanzig Jahre nach Beendigung des Unabhängigkeitskrieges gegen Großbritannien kaufte Thomas Jefferson, der dritte Präsident der Vereinigten Staaten, den Franzosen das Territorium von Louisiana ab; er wolle da ein "Imperium für die Freiheit" (An Empire for Liberty) schaffen, sagte er. Zweihundert Jahre später erklärt der zeitweilige Wahlamerikaner und Gastdozent in Harvard, Michael Ignatieff: "Zugunsten des Imperiums ist zu sagen, dass es in einem Land wie dem Irak die letzte Hoffnung für Demokratie und Stabilität darstellt."

Die amerikanische Geschichte kann geradezu als eine Abfolge von Hoffnungen auf dieses Imperium der Freiheit gelesen werden. Die nur leider manchmal mit unfreiheitlichen Mitteln verteidigt werden mussten. Das sagen wenigstens die Historiker, die glauben wollen, dass der Liberalismus, nicht Nationalismus und Imperialismus die Entwicklung der USA geleitet hat. "Wir werden die letzte beste Hoffnung für die Menschheit entweder nobel retten oder schändlich verlieren", hatte Abraham Lincoln bereits 1862 zu Beginn des verheerenden Bürgerkrieges gewarnt, als er die Südstaaten zum Einlenken in der Sklavenfrage zu bewegen versuchte. Seither gehört die Thementrinität "Letzte Hoffnung-Nobler Sieg-Schändliche Niederlage" zum Grundstock der US-amerikanischen Staatsreligion. Ob sie nun Monroe-Doktrin, Kalter Krieg oder Krieg gegen den Terror heißt.

"Es ist eine gloriose Geschichte, die Gott seinem auserwählten Volk aufgetragen hat", sagte Albert Beveridge, ein Freund Theodore Roosevelts, anlässlich der amerikanischen Besetzung der Philippinen am Ende des 19. Jahrhunderts, und er entwarf gleich ein paradiesisches Morgen, in dem "das Imperium unserer Ideale über die Herzen der ganzen Menschheit errichtet ist". Die wenigsten Amerikaner kennen gerade dieses Zitat. Sätze wie diese gehören einfach zum Inventar des nationalen Gedankenguts. In den Kulturkämpfen der letzten Jahrzehnte versuchten die konservativen Kräfte, diesen Wertekanon gegen fortschrittlichere Perspektiven abzuschirmen. Seit den sechziger Jahren hatten Bewegungen der "Oral History" und der "Geschichte von unten", hatten Frauen, Schwarze, Native Indians und Latinos eine neue Sicht auf die Geschichte hoffähig gemacht. Doch aus einem solch beliebigen Chaos, befand die republikanische Rechte, allen voran Lynne Cheney, die Gattin des Vizepräsidenten, lasse sich keine gesunde, starke und geeinte Nation aufbauen.

Seit dem 11. September ist es wieder leichter, das Schicksal der Nation, ihre "offenkundige Bestimmung" (Manifest Destiny), auf einen Kampf von Gut gegen Böse zu reduzieren, von Rechtsstaat gegen Schurkenstaat, Christen gegen Ungläubige, von Zivilisierten gegen Unzivilisierte. Wann immer eine reale oder imaginierte Gefahr drohte, haben sich die USA jeweils zum Wir zusammengeschlossen, zur Kerngruppe, die alles Fremde ausgrenzt. Und für die Außenseiter, die Outlaws galten andere Regeln als für die Inlaws, die Stammbevölkerung. Diese Erfahrung machte zuerst die indigene Bevölkerung Nordamerikas, die Indianer, dann waren es die aus Afrika importierten Sklaven, noch später richtete sich die Sondergesetzgebung gegen die jeweils neueste Welle von Immigranten: Chinesen im kalifornischen Goldrausch, katholische Iren und Italiener in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Deutsche im ersten Weltkrieg und Japaner im zweiten Weltkrieg.

Nach Aufhebung des rassistischen Systems von Einwanderungsquoten1968 standen die Latinos im Zentrum der Immigrationsdebatte, heute sind die Muslime als besonders "fremde", sprich bedrohliche Kategorie hinzugekommen. Im Wahlkampf 2008 lassen sich ein Drittel aller Amerikaner nicht von der fixen Idee abbringen, dass der afroamerikanische Präsidentschaftskandidat Barack Obama ein Muslim sei oder sein könnte - die politischen Gegner waren mit ihrer Kampagne erfolgreich. Auf amerikanisch heißt diese Art von Verleumdung "otherize" - zum ganz andern machen, verfremden.

Diese Selbstbezogenheit des Landes ist nicht zu verwechseln mit Isolationismus. Zwar kommen und gehen die Imperiumsfantasien der US-Regierungen, während das Weltgeschehen die US-Bevölkerung herzlich wenig kümmert. Denn der Exzeptionalismus, die religiös motivierte Überzeugung, eine außergewöhnliche, von Gott auserwählte Nation zu sein, schirmt für gewöhnlich gerade die patriotischsten unter den Amerikanern von der Außenwelt ab und hält sie in einer Art permanenter kosmopolitischer Unmündigkeit und Ignoranz gefangen. Aber das ändert sich schlagartig, wenn das "Homeland" angegriffen wird - wie am 11. September 2001. Oder, wie bei der Versenkung der USS Maine 1898 in der Bucht von Havanna oder beim Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941, als angegriffen dargestellt werden kann. Dann wird derselbe Exzeptionalismus umstandslos zum patriotischen Schlachtruf. Und wenn es um die Verteidigung der USA geht, unterscheidet das Volk nicht groß zwischen Nationalismus und Imperialismus - whatever it takes, was immer es braucht, um die USA zu schützen, ist dann zulässig.

"Dem Selbstbild der USA als einer wohlmeinenden internationalen Macht des Guten kann man praktisch nichts entgegensetzen", sagte der palästinensisch-amerikanische Intellektuelle Edward Said nach der Invasion in den Irak und kurz vor seinem Tod im September 2003. Meine Verzweiflung wenigstens mit diesem Denker teilen zu können, tröstete mich damals ein wenig. Aber es war und ist nicht zu übersehen, wie sehr eine Gegenkraft zum "Empire lite" fehlt, wenn so viele Intellektuelle mit ihren postmodernen, dekonstruktivistischen und linguistischen Detailanalysen das Ziel einer emanzipierten und aufgeklärten Welt für alle aus den Augen verlieren. Diese Welt kann kein Imperium sein und kein "Empire lite". Eine multipolare Welt mit vielen Zivilisationen wäre die beste Hoffnung für die Zukunft. Und der Adler wäre mittendrin gelandet.

Lotta Suter, geboren 1952, lebt als freie Journalistin in Hollis, New Hampshire. Soeben erschien von ihr im Züricher Rotpunkt-Verlag der Band Kein Frieden mehr. Die USA im Kriegszustand.

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