Hit to kill

Bush und die Nationale Raketenabwehr (NMD) Die Zweifel am Sinn einer Weltraumrüstung sind nicht geringer geworden, dennoch sollen noch im Wahljahr erste Komponenten stationiert werden

Früher als ursprünglich geplant will die US-Regierung mit dem Aufbau einer Nationalen Raketenabwehr (National Missile Defense/NMD) beginnen. Bis Ende September werden auf der Militärbasis Fort Greeley in Alaska sechs Abfangraketen stationiert. Die Radarsstation Cobra Dane auf der Aleuten-Insel Shemya erhält eine modernisierte Software. Vier Raketen sind für die Luftwaffenbasis Vandenberg nordwestlich von Santa Barbara in Kalifornien vorgesehen. 16 sogenannte Interzeptoren sollen im nächsten Jahr folgen, weitere 20 bis 2007. Der vorzeitige Baubeginn nährt den Verdacht, dass dahinter nicht so sehr militärtechnische Motive stecken, als vielmehr die Absicht, dem Wahlkampf von Präsident Bush Auftrieb zu geben. Für Generalleutnant Ronald Kadish ist das NMD-Projekt mit jener Zeit vergleichbar, in der "wir ballistische Raketen erfanden, einen Menschen auf den Mond schickten und unsere erste Atombombe bauten".

Für NMD hatten die USA bereits vor zwei Jahren den ABM-Vertrag mit Russland über eine Begrenzung von Strategischen Abwehrsystemen aufgekündigt, um Vorkehrungen - wie es hieß - zum Schutz gegen feindliche Langstreckenraketen aus "Schurkenstaaten" treffen zu können. Man wollte über die Fähigkeit verfügen, angreifende Flugkörper durch weltweit operierende Sensoren zu identifizieren und von Radaranlagen verfolgen zu können. Abfangraketen sollten gegnerische Offensivwaffen - möglichst bevor sie den Luftraum der USA erreichen - vernichten, das heißt, anfliegende Gefechtsköpfe etwa 15 bis 20 Minuten nach dem Start oberhalb der Atmosphäre zu bekämpfen oder bereits nach dem Start zu zerstören. In dieser Phase sind Raketen am verwundbarsten, da sie vergleichsweise langsam fliegen und durch den enormen Hitzeausstoß von Infrarot-Sensoren leicht zu orten sind.

Die noch 2004 stationierten landgestützten Abfangraketen werden später durch see-, luft- und möglicherweise weltraumgestützte Systeme komplettiert. Dabei sollen künftig auch die Royal Air Force Stützpunkte Fylingdales und Menwith Hill in Nordengland einbezogen werden sowie Radar-Anlagen in Thule auf Grönland. Stationierungen in Rumänien und Bulgarien sind im Gespräch. Mit Israel wird direkt bei der Entwicklung von Abwehrsystemen kooperiert. Japan hat bereits Abfangraketen verschiedener Typen gekauft und der Stationierung von US-Raketenzerstörern im Japanischen Meer zugestimmt. In Kanada debattieren Befürworter und Gegner über eine mögliche Zusammenarbeit innerhalb des gemeinsamen Luftverteidigungskommandos NORAD. Australien wird sich beteiligen und sein Radarsystem modernisieren.

Frankreich, Russland und China stehen den US-Plänen hingegen kritisch gegenüber, weil sie die Entwertung eigener Militärpotenziale und einen destabilisierenden Rüstungswettlauf im Kosmos befürchten. Moskau hat vorsorglich die Einführung eigener Abwehrsysteme angekündigt, deren Sprengköpfe noch während ihres Zielanfluges steuerbar sind und die so gegnerischen Raketen ausweichen könnten. Andere Staaten, darunter auch Deutschland, schwanken zwischen Risikobewusstsein und den Verlockungen einer erhofften Teilhabe an lukrativen Aufträgen und technologischem Know-how.

Kann eine Kugel eine Kugel treffen?

Das Pentagon hat bereits vor Jahren mit Computersimulationen, Modellexperimenten, aber auch operativen Flugtests im Pazifik begonnen. Bei acht Versuchen gelang es fünf Mal, eine Sprengkopf-Attrappe in einer Höhe von über 250 Kilometern mit einer Geschwindigkeit von etwa 28.000 Stundenkilometern abzuschießen. "Hit to kill" nennen Spezialisten das Prinzip, nach dem eine in Kalifornien aufgestiegene Interkontinentalrakete von einer etwa 20 Minuten später vom 7.200 Kilometer entfernten Kwajalein-Atoll (Marshall-Inseln) gestarteten Abfangrakete getroffen wird. Kritiker bemängeln, dass die Testbedingungen zugunsten der Trefferwahrscheinlichkeit auffallend realitätsfern seien. Einen wesentlichen Grund dafür sieht der Weltraumexperte Taylor Dinerman in den enormen Aufwendungen von 100 Millionen Dollar pro Test. "Solange die Kosten nicht gesenkt werden können", stellt er in der Online-Publikation Space Review vom Februar fest, "bleiben Tests einfach deshalb immer kontrovers, weil alles, was so viel kostet, derart sorgfältig arrangiert und kontrolliert wird, dass es niemals den Bedingungen der ›wirklichen Welt‹ entspricht."

Selbst Thomas Christie, Direktor für Tests und Evaluierung im Pentagon, fürchtet, dass es durch eine zu geringe Zahl vorliegender Versuchsergebnisse schwer wird, das NMD-System definitiv bewerten zu können. Doch die Verfechter des Projekts halten die Erfolgsquote für ausreichend. Das Raketenabwehrprogramm habe gezeigt, erklärte Vizeverteidigungsminister Wolfowitz - es sei möglich, eine Kugel mit einer Kugel zu treffen.

Für das im Oktober beginnende Haushaltsjahr 2005 will nun George Bush die Mittel für NMD um 1,5 auf 9,2 Milliarden Dollar steigern - ob der Kongress zustimmt, erscheint fraglich. Theresa Hitchens, Vizepräsidentin des rüstungskritischen Center for Defence Information in Washington, schrieb in einem Artikel für den San Francisco Chronicle vom 15. März: "Die unilaterale Aufrüstung im Weltraum wird wahrscheinlich ein Wettrüsten auslösen, das unsere nationale Sicherheit wie auch die globale Stabilität langfristig nicht erhöht, sondern untergräbt."

Wissenschaftliche Studien bezweifeln ohnehin, dass eine lückenlose Verteidigung der USA gegen ballistische Raketen praktikabel ist. So errechneten Experten der American Physical Society, dass - um eine Rakete in der Startphase zu treffen - selbst extrem schnell fliegende Abfangraketen in einem Abstand von nur 400 bis 1.000 Kilometern von ihrem Ziel stationiert sein müssten. Dies sei schon aus geographischen Gründen kaum möglich. Ein als Alternative im All stationierter Laser könnte lediglich vor Flüssigstoffraketen Schutz bieten, würde aber gegen die schnelleren Feststoffraketen überhaupt nichts ausrichten. Auch weltraumgestützte Abfangraketen halten die Wissenschaftler für kaum geeignet, feindliche Geschosse noch während des Starts zu zerstören. Sie könnten ihr Ziel zwar schneller erreichen, doch würde bei der Option für dieses System die Stationierung von etwa 1.600 Abfangraketen mit jeweils 1,2 Tonnen Gewicht notwendig sein. Dafür wären etwa fünf- bis zehnmal größere Transportraketen nötig, als sie die USA heute besitzen. Darüber hinaus benötigten einige der wichtigsten Technologien für eine wirksame Raketenabwehr mindestens zehn weitere Jahre Entwicklungsarbeit.

Krieg aus Versehen

Unbestritten erhöht NMD das Risiko irrtümlicher Raketenstarts und daraus folgender militärischer Eskalationen erheblich. Selbst in optimistischsten Szenarien bleiben nur wenige Minuten, um über den Einsatz einer Abfangrakete zu entscheiden - möglicherweise zu wenig, um herauszufinden, ob es sich bei einem Flugobjekt um eine Angriffswaffe oder Forschungsrakete handelt.

Doch ist ein Krieg aus Versehen nicht die einzige Gefahr. Vor allem die Kombination von Raketenabwehr und militärischer Interventionsfähigkeit macht das System so bedrohlich. Eine funktionierende Raketenabwehr würde es den USA ermöglichen, auch dann ungestraft Angriffskriege zu führen, wenn ein Gegner Massenvernichtungswaffen und Raketen als Trägermittel zur Abschreckung besitzt. Weltraumexpertin Theresa Hitchens schätzt ein: "In der Regierung gibt es eine mächtige Fraktion, die den Weltraum als die nächste vom US-Militär dominierte ›hohe Grenze‹ ansieht, welche künftig die vom Weißen Haus nach dem 11. September formulierte Präemptivschlag-Strategie ermöglichen soll" - mit anderen Worten: eine Nationale Raketenabwehr als Schlüsselelement für eine globale Hegemonie der USA.


00:00 23.04.2004

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