Hitler im Saal

Literatur Gabriele Tergits Gerichtsreportagen spiegeln den Alltag der Weimarer Republik
Hitler im Saal
Die deutsch-britische Schriftstellerin und Journalistin Gabriele Tergit, 1977

Foto: Sammlung Richter/Picture Alliance

Es geht um ein Mückenmittel. Swetana heißt das nutzlose Elixier für 3,30 Mark, im Ausland angeblich „millionenfach bewährt“, das ein arbeitsloser Landwirt abfüllt und massenweise in die Republik verschickt, „aber der Gerissene kam an einen noch Gerisseneren, an einen Bankier, über dessen Bank die Geldbeträge liefen“. Er wird also übers Ohr gehauen, wird zum Pleitegeier und muss schließlich für sechs Jahre ins Gefängnis, „zwei alte Damen aber fanden das Mittel gut gegen Kopfschmerzen und machten eine Nachbestellung (…)“.

Gabriele Tergit verfasste den recht kurzen Text über einen glücklosen Gauner 1925 für das Berliner Tageblatt, wo die meisten ihrer Gerichtsreportagen erschienen. Bis 1933 schrieb sie für die Zeitung, die außer montags zweimal täglich in einer Auflage von 160.000 Exemplaren erschien, und, so erklärt es die Herausgeberin Nicole Henneberg in ihrem begleitenden Essay Montag und Donnerstag Überfall, in Tergits Familie als die Berliner Times galt. Weitere Abnehmer ihrer Gerichtsreportagen waren zunächst der Berliner Börsen-Courier, später, als sie nach dem Erfolg ihres Debütromans Käsebier erobert den Kurfürstendamm beim Tageblatt auf wachsenden Widerstand stieß – als Nestbeschmutzerin wurde sie gescholten –, auch die Weltbühne.

Eingangs erwähnter Text mag eine kurze Notiz sein, dazu eine, die in ihrer Lustspielhaftigkeit für Tergits Arbeiten nicht typisch erscheint. Dennoch trägt er zwei Dinge in sich, die auch im Rest der über 120 ausgewählten Stücke sichtbar werden. Zunächst einmal ist das der letzte Satz, scheinbar belanglos, aber doch jener im Artikel, den man sich merkt: Tergit, bei ihren ersten Besuchen im Gericht zu schüchtern, überhaupt mitzuschreiben, suchte stets nach den kleinen Details, die sich nicht unbedingt in den Gerichtsakten fanden. Vor allem aber interessierte sie der Zusammenhang scheinbar gewöhnlicher Verbrechen mit den großen Fragen der Zeit. Es wird in den Texten also von Kokainschmuggel, Kuppelei, Mundraub, von Verkehrsunfällen, von Betrügereien beim Geldwechsel, von Betrug und Mord berichtet. In beinahe jedem Artikel aber zeigt die Autorin, damals Anfang 30, einen sehr genauen Blick für jenes politische und gesellschaftliche Hintergrundrauschen, das all diese Verbrechen erst ermöglichte.

Das Lachen, das man angesichts der Posse um das Mückenmittel und anderer Betrügereien verspüren mag, erst recht bei kleinen Kabbeleien wie der, die sich Alfred Döblin mit einem Zahnarzt lieferte, der sich und seine Mundarbeit ungern literarisch verwertet sah, bleibt einem also rasch im Halse stecken: Da wird vom „Nationalsozialisten Kuntze“ berichtet, der den 16-jährigen Lehrling Nathan totschoss, „und nur wegen unbefugten Waffenbesitzes zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde“. Da schreibt Tergit über die „Psychose des Bürgerkriegs“: „Der Ausdruck der Nationalsozialisten ist der militärische (…), die Schlägereien in den Straßen Berlins werden mit allem Glanz und Schimmer von Kriegshandlungen umgeben.“

Richter aus der Kaiserzeit

Und als der geschasste SA-Führer Walther Stennes nach einem despektierlichen Artikel im Völkischen Beobachter 1932 Adolf Hitler verklagt – der wird natürlich freigesprochen –, staunt sie über den Ablauf des Prozesses: „Nur Hitler wurde erlaubt, mit Gefolge den Saal früher zu betreten, wie es der Majestät zukommt.“ Der Titel des Artikels lautet „Wilhelm der Dritte erscheint in Moabit“, er macht jene Unwucht deutlich, die sich durch ihre Zeit zieht: Systematisch wurden bei den politischen Prozessen von den meist noch in der Kaiserzeit ausgebildeten Richtern Nationalsozialisten zuvorkommender behandelt als Kommunisten.

Gabriele Tergit war Jüdin, 1933 musste sie das Land verlassen. Nur zwei Texte datieren aus der Nachkriegszeit, beide thematisieren den Veit-Harlan-Prozess. Der Regisseur von Jud Süß gibt eine jämmerliche Figur ab. „Nichts ist mehr rätselhaft an den deutschen Intellektuellen, nachdem Harlan zwei Tage lang sprach. Da ist zuerst das Nichtnachdenken darüber, was mit den Juden passierte“, notiert sie.

Info

Vom Frühling und von der Einsamkeit Gabriele Tergit Nicole Henneberg (Hrsg.), Schöffling & Co. 2020, 368 S., 28 €

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06:00 15.10.2020

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