Hitler mochte Futura

Alltag Und nicht Fraktur, also gebrochene Schriften. Die erfreuen sich zur Zeit großer Beliebtheit, führen aber immer noch zu Missverständnissen. Nicht nur bei Neonazis

In einem Schaufenster auf der Berliner Friedrichstraße tragen Puppen die Mode der kommenden Saison. Über ihren lustlosen Gesichtern zeigt ein Banner Insignien monarchischer Macht: Krone und Nerzmantel werden von einem geschwungenen Spruchband umarmt. Darauf verkünden zierlich-gebrochene Lettern: "royal edition". Eine Schrift von gestern wirbt für die Kollektion von morgen. Es gehört zur Natur der Moden, dass längst Vergessenes wieder aus der Versenkung auftaucht. Dass die gebrochenen Schriften - so genannt wegen ihrer im Vergleich zur runden Antiqua gebrochenen Formen - sich zu einem typografischen Trend entwickelt haben, erstaunt dann doch. Schließlich schien ihre altertümliche Form unzeitgemäß und ihre Verwendung für immer auf Nischen beschränkt, in denen sie bestenfalls seriöse Beständigkeit auszudrücken oder rustikalen Charme zu versprühen hatten. Jetzt sind sie nicht mehr nur auf den Titelköpfen internationaler Zeitungen, auf den Etiketten diverser Alkoholika oder den Wirtshausschildern zu sehen, sondern längst auf CD-Covern, T-Shirts und Plakaten.

Wenn es nicht so falsch klänge, könnte man von einer Renaissance der Gotischen sprechen. Denn die gebrochenen Lettern haben ihren Ursprung in der französischen Gotik, die gebrochene Bögen zusammen mit den Spitzbögen der Kathedralenarchitektur europaweit exportierte. Südlich der Alpen entstand die Schriftart Rotunda, die sich wegen ihrer halb runden, halb gebrochenen Formen in den juristischen Kanzleien größter Beliebtheit erfreute. Schließlich ist sie leichter zu schreiben und zu lesen als die aus dunklen Strichen gewebten Kolumnen der gitterartigen Textura, die für das mönchische Kalligrafieren liturgischer Texte vorbehalten war. Deren sakrale Anmut bewunderte Gutenberg so sehr, dass er die strenge Handschrift in seiner berühmten Bibel mit größtem Aufwand imitierte. In der Zeit von Reformation und Bauernkriegen kam schließlich die Schwabacher in Mode, eine breit laufende, umgängliche Nachfolgerin der gotischen Lettern, die Luther für den Druck seiner deutschen Übersetzung der Heiligen Schrift wählte. Mit dieser Bibel lernte das Volk lesen und die schwungvollen Buchstaben lieben. Die deutschsprachige Literatur wurde bald in Fraktur gesetzt, jener höfisch-eleganten Weiterentwicklung der gebrochenen Schrift, die von ihrer Entstehung zu Beginn des 16. bis ins 20. Jahrhundert hinein die Gruppe der gebrochenen Schriften dominierte. Deshalb wird der Begriff heute synonym verwendet . Für lateinische Texte bevorzugte man dagegen die Antiqua, jene antike Schrift mit den runden Formen, in der heute nahezu alle Textbotschaften der westlichen Welt verkündet werden.


Das war nicht immer so. Die gebrochenen Schriften erfuhren im mittel- und nordeuropäischen Raum bis ins 18. Jahrhundert neben der Antiqua Verbreitung, am längsten im deutschsprachigen Raum. Wer hier publizierte, hatte abzuwägen, in welcher Schrift seine Texte erscheinen sollten. Ob in der Fraktur, die sich mit ihren schmal laufenden Klein- und verschnörkelten Großbuchstaben für deutschen Wortungetüme als Platz sparend erwies und von der breiten Masse gern gelesen wurde. Oder in der Antiqua, mit der man die intellektuelle Leserschaft des Auslands ansprach. So bemerkte Goethe, "dass der gebildete Teil des Publikums sich durchaus zur lateinischen Schrift hinneigt", während ihn seine Mutter in einem Brief bat: "Bleibe deutsch, auch in den Buchstaben". Sie beschwor vor allem den volkstümlichen Charakter der Fraktur und stellte dem Sohn in einem Brief die rhetorische Frage: "Sollen denn nur Leute von Stand aufgeklärt werden?" "Fraktur reden" wurde zu einem geflügeltem Wort und bedeutete unverblümt, deutlich und für jedermann zu sprechen. Im Laufe des patriotischen 19. Jahrhunderts wuchs die Fraktur-Antiqua-Debatte zu einem ideologischen Streit, der es 1911 bis auf die Tagesordnung des Reichstages brachte, wo der Antrag, die Antiqua als amtliche Schrift einzuführen, abgelehnt wurde. Dabei lässt sich die Frontlinie zwischen Antiqua-Befürwortern und Fraktur-Verteidigern nicht analog zu den bewährten Flügeln von Links und Rechts ziehen. Vielmehr führten die gegnerischen Parteien die gleichen Argumente - Lesefreundlichkeit oder Fortschritt - ins Feld, um die eine gegen die andere auszuspielen.

Damit stellte sich die noch heute aktuelle Frage, ob einer Schrift neben den historischen Fakten ihrer Entstehung ein Charakter oder sogar eine Nationalität innewohnt. Die völkischen Ästheten unter den Nationalsozialisten erklärten die gotischen Lettern wie die Gotik zu deutschem Kulturgut, das es gegen fremde Einflüsse zu verteidigen galt. So entstanden in den dreißiger Jahren jene schlichten Gebrochenen, die eine ganze Schriftengruppe in Verruf brachten. Denn nur diese, vom Setzervolksmund treffender Weise "Schaftstiefelgrotesk" getauften Schriften, spielten eine nennenswerte Rolle im nationalsozialistischen Erscheinungsbild, das längst nicht so durchgeformt war wie gemeinhin angenommen.

Es gehört zu den historischen Pointen, dass die Nazis die gebrochenen Schriften erst für die Propaganda missbrauchten, so dass diese für Jahrzehnte nicht vorurteilsfrei verwendet werden konnten, ehe sie die "deutsche Schrift" sogar abschafften. Hitlers Sekretär Martin Bormann verfasste im Januar 1941 jenes nicht zur Veröffentlichung gedachte Rundschreiben, das das Ende der Fraktur in Deutschland besiegelte. Der so genannte Schrifterlass wies die sofortige Umstellung auf die lateinische Antiqua an, die fortan als "Normal-Schrift" bezeichnet wurde. Als Begründung wurde die unsinnige Behauptung aufgestellt, dass es sich bei der Fraktur um "Schwabacher Judenlettern" handelte.

Der eigentliche Grund waren die Expansionspläne der angehenden Weltmacht, die im modernen Gewand der Antiqua daherkommen und die Verwaltung der annektierten Gebiete erleichtern sollte. Hitler selbst mochte die gotischen Lettern ohnehin nicht. Sie widersprachen seinem Ideal von monumentaler Modernität. Seine Lieblingsschrift war die vom Bauhaus inspirierte Schrift Futura, die auf den Veranstaltungsplakaten für die Olympischen Spiele 1936 nachgeahmt wurde. Diese geometrisch konstruierte, serifenlose Antiqua hatte der als "Kulturbolschewist" verfemte Paul Renner entworfen. Sie gilt noch heute als moderne Schrift, die in der Volkswagen-Werbung und in Ikea-Prospekten verwendet wird und in der sogar die Gedenktafel gesetzt ist, die bei der ersten Mondlandung als Visitenkarte der Erde hinterlegt wurde. Während an den klaren - nämlich serifenlosen - Formen einer Groteskschrift wie der Futura jede verwerfliche Verwendung abzuperlen scheint, bleiben an den differenzierten Buchstabenformen der gebrochenen Schriften die einst mit ihr transportieren Botschaften hängen.

Im westlichen Nachkriegsdeutschland blieb die Fraktur als Satzschrift tabuisiert. So erging es ihr wie dem Boten, den man an der schlechten Nachrichten Statt, die er überbringt, kurzerhand tötete. Ein ganzer Schriftenkosmos wurde zusammen mit der Vergangenheit verdrängt. In der DDR dagegen wurde die Fraktur weiter benutzt, wenngleich nicht als reguläre Verkehrsschrift, so doch für viele bibliophile Ausgaben mit dem traditionsbewussten Stolz auf die Schwarze Kunst. Eine Tatsache, die den Mainzer Typografen Hans Peter Willberg 1991 zu der Erklärung hinriss, die Verwendung der Fraktur in der DDR sei Zeichen der fehlenden Aufarbeitung des Nazi-Regimes. Ein Ende der Schriftstreitereien und die Rehabilitierung der Fraktur war nicht in Sicht, auch nachdem 1993 der Leipziger Typograf Albrecht Kapr eine historische Analyse vorgelegt hatte. Wer einen Entwurf mit gebrochener Schrift präsentierte, fand sich nicht selten in erhitzten Diskussionen wieder und sah sich nationalistischen oder gar nazistischen Verdächtigungen ausgesetzt. Da half weder das Zitieren des Bormann-Erlasses noch die Beschwörung der Gutenberg-Bibel. Das lag nicht zuletzt an der häufigen Verwendung der Fraktur in den Medien im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus.

Kaum ein Sachbuch, das den alten und neuen Faschismus behandelte, auf dessen Umschlag die obligatorische Fraktur fehlte. Kein Bild-Aufmacher, in dem das Wort "Hitler" nicht gotisch gesetzt wurde. Selbst Die Zeit war sich nicht zu dumm, die Überschrift eines Beitrags über den Antisemitismus Wilhelm II. in einer eleganten Barock-Fraktur zu setzen. Neonazis wählen für ihre Spruchbänder übrigens bevorzugt die Old English, eine Schrift, die - wie der Name schon sagt - nicht in Deutschland entstanden. Das typografische Unwissen ist groß und geht so weit, dass sogar einzelne Zeichen verwechselt werden. So steht auf dem Schild eines Berliner Friseursalons tatsächlich "Für Damen Hexxen". Und in Internet-Antiquariaten werden Gerhart Hauptmanns "Gefammelte Werke" feilgeboten. Gerade die charakteristische Eigenheit der Fraktur, die beiden Formen des Kleinbuchstabens "s", ist so wenigen geläufig, dass die FAZ sich 2004 veranlasst sah, das Lang-s aus ihren gotischen Überschriften für Meinungsartikel zu verbannen.

Dieselbe Generation, die behauptet, in Fraktur gesetzte Texte nicht lesen zu können, trägt die gebrochenen Zeichen auf T-Shirts oder auf ihrer nackten Haut. Wer sich Bekenntnisse tätowieren lässt, wählt dafür eine Blackletter, wie die Gebrochenen ihres dunklen Schriftbildes wegen genannt werden. Denn längst haben die Sub- und Jugendkulturen den bildhaften Reiz der vernachlässigten Schriften und deren identifikatorische Kraft wiederentdeckt. Musikalische Vertreter von Heavy Metal, Gothic und Hip Hop schätzten das provokante Potenzial. Heute setzen selbst Schmuse- und Schlagersänger ihre Namenszüge in gebrochenen Buchstaben. Textura, Rotunda, Schwabacher und Fraktur sind Modeschriften geworden. Auf einem Werbeplakat des Sportartikelherstellers Reebok sorgt des Rappers 50Cent mit ernstem Gesichtausdruck und Fingerabdrücken für street credibility, und der - ausgerechnet einer Schwulenhymne entlehnte - Slogan I what I am bürgt in fetter Fraktur für die nötige Glaubwürdigkeit. Die Kampagne lief vor zwei Jahren auf der ganzen Welt, nur in Deutschland ersetzte man die Fraktur vorsichtshalber durch eine charakterlose Monospace-Schrift. Das typografische Tabu gilt hierzulande noch immer. Undenkbar, dass ein komplett in Fraktur gesetztes Buch mit zeitgenössischer Literatur in einem Publikumsverlag erscheinen könnte. Die Fraktur als Verkehrsschrift ist tot. Und wirkt als modisches Accessoire im gegenwärtigen Hype so lebendig wie ein Zombie.

Judith Schalansky, geboren 1980 in Greifswald, studierte Kommunikationsdesign und Kunstgeschichte in Potsdam und Berlin, wo sie als Autorin und Typografin lebt. Im vergangenen Jahr erschien ihr Kompendium Fraktur mon Amour bei Hermann Schmidt, Mainz, das über 300 gebrochene Schriften versammelt.


00:00 01.06.2007

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