Hitlers Pariser Softie

Skrupelloser Kleptomane Otto Abetz, Botschafter im nazibesetzten Frankreich, soll ein naiver Frankophiler gewesen sein, behauptet die Legende - neue Erkenntnisse widerlegen sie gründlich

Deutsche Journalisten, die sich wahrscheinlich besonders witzig vorkamen, als sie die Liste der von Otto Schily veranlassten Antiterrormaßnahmen "Otto-Katalog" nannten, haben gewiss niemals von jener "Otto-Liste" gehört, die bei Franzosen in trauriger Erinnerung geblieben ist. "Liste Otto" hieß im nazibesetzten Frankreich das Verzeichnis der Bücher, die nach dem Willen des deutschen Botschafters Otto Abetz aus Buchhandel und Verlagsprogrammen zu verschwinden hatten.
Für die mit Hitlers Besatzungspolitik befasste deutsche Geschichtsschreibung galt Abetz bisher als eher kuriose Randfigur - ein Frankophiler, der sich mit Vorliebe um die Besetzung von Redaktionen literarischer Periodika mit deutschfreundlichen Franzosen kümmerte. Bald nach seinem Amtsantritt sorgte Abetz in der Tat dafür, dass eine alte Vorkriegsbekanntschaft, der kultivierte faschistische Schriftsteller Pierre Drieu la Rochelle, die Leitung der angesehenen Nouvelle Revue Française übernahm. Den politischen Aktionsradius des Botschafters stufte der Historiker Eberhard Jäckel in seiner als Standardwerk geltenden Arbeit Frankreich in Hitlers Europa als recht gering ein, verglichen mit der Machtfülle des Militärbefehlshabers und der Pariser Gestapozentrale.
Der Zeithistoriker Roland Ray hat diese eher freundliche Lesart in seiner im Vorjahr erschienenen Arbeit über Abetz und die deutsche Frankreichpolitik einer Revision unterzogen ebenso wie die in Frankreich forschende österreichische Historikerin Barbara Lambauer. Während Rays Arbeit mit dem Jahr 1942 endet, reicht Lambauers Untersuchung allein chronologisch weit darüber hinaus.
Zum Vorschein gebracht wird die atemberaubend rasante Verwandlung eines aus der deutschen Jugendbewegung hervorgegangenen, scheinbar harmlosen Frankreich-Enthusiasten in einen gerissenen, skrupellosen nationalsozialistischen Kleinherrscher. Kaum war Abetz nach der französischen Kapitulation Ende Juni 1940 in Paris eingetroffen, begann der einstige Karlsruher Zeichenlehrer, in französischen Museen und Privatsammlungen Raubzüge zu organisieren. Wochen später traf ein erster Transport mit wertvollen Gobelins in Berlin ein. Danach wurde der Diebstahl von 1.500 im Schloss von Chambord an der Loire ausgelagerten Kunstwerken vorbereitet. Verhindert wurde der Raubzug allerdings durch das Eingreifen deutscher Militärs, die für jedes Beutestück einen Führerbefehl verlangten. So musste Abetz sich vorerst damit begnügen, in Paris einzelne Immobilien auszurauben und seine Botschaft mit dem Diebesgut zu schmücken. Kein Zufall, dass sein Blick zuerst auf das Palais Rothschild in der Rue Saint-Honoré fiel, das Gebäude der heutigen US-Botschaft. Barbara Lambauer kann in ihrer Studie belegen, dass Abetz seit seinem Amtsantritt in die antijüdischen Maßnahmen des Besatzungsregimes verwickelt war. Bei seiner Ernennung zum Botschafter hatte ihn Hitler in dieser Hinsicht persönlich "gebrieft".


Meister des politischen Gartenbaus

Nazideutschland diente Otto Abetz vor allem, indem er auf kollaborationsbereite, aber nicht unbedingt nazifreundliche französische Politiker Einfluss nahm und unter deren Mitwirkung den Gang der Geschäfte lenkte. Jetzt zahlten sich die zahlreichen Kontakte zu Franzosen aus, die der jugendbewegte badische Beamtensohn seit Beginn der dreißiger Jahre durch den von ihm begründeten deutsch-französischen Sohlberg-Kreis gewonnen hatte. Den Schriftsteller Drieu la Rochelle hatte er so kennengelernt, aber auch eine Reihe von Publizisten, Gewerkschaftsführern und Unternehmern. Zu Abetz´ Bekanntschaften zählte etwa der Herausgeber der verständigungsgeneigten Zeitschrift Notre Temps, Jean Luchaire, dessen Sekretärin Suzanne de Bruycker Frau Abetz werden sollte.
Bald nach Hitlers Machtergreifung war der parteilose Abetz mit dem Sekthändler Joachim von Ribbentrop in Kontakt gekommen, der seit 1930 Mitglied der NSDAP war und 1933 seiner Auslandserfahrungen wegen zum außenpolitischen Berater Hitlers aufstieg. Abetz ließ sich von Ribbentrop für die Nazipartei werben, konnte aber wegen einer Aufnahmesperre erst 1937 Parteimitglied werden. Den Nazis zu dienen, war er jedoch sofort bereit, wozu er ab 1934 reichlich Gelegenheit erhielt, da der von Hitler mit dem Aufbau einer NS-Paralleldiplomatie beauftragte Ribbentrop Abetz als Frankreich-Experten einstellte. Der reiste fortan nicht mehr als rühriger frankophiler Privatier in Frankreich herum, sondern als besoldeter Einflussagent im Dienst Nazideutschlands.
Bald erweckten die Umtriebe des agilen Deutschen den Argwohn französischer Polizeidienste: Kurz vor Kriegsbeginn wurde Abetz schließlich zur Persona non grata erklärt und aus Frankreich ausgewiesen. Doch bereits ein Jahr später, nach der Niederlage Frankreichs, konnte der Vertraute des 1938 zum Außenminister ernannten Ribbentrop im Triumph nach Paris zurückkehren und nun als Statthalter der Besatzungsmacht im Botschaftsanwesen der Pariser Rue de Lille Hof halten.
Die außerordentlich materialreiche Abetz-Biografie Barbara Lambauers zeichnet detailliert die vielen Schachzüge nach, die der neue Botschafter mit staunenswerter Professionalität einfädelte, um das zwischen der Naziführung und dem Vichy-Regime laufende Machtspiel im Sinne der Nazis zu entscheiden. Dank seiner Landeskenntnis handelte Abetz wesentlich effektiver, als ein dumpfer Nazi hätte handeln können. Ihm war durchaus klar, dass die französischen Arbeiter nach wie vor zu großen Teilen mit den Kommunisten sympathisierten und dass die übliche antikommunistische Propaganda der Nazis an ihnen vorbeizielen musste, also richtete er die deutschen Verlautbarungen entsprechend aus. Als der Widerstand ab 1943 immer wirkungsvoller operierte, plante er sogar den Aufbau einer Résistance-Gruppe, die im Sinne der Deutschen agieren sollte. Marcel Déat, einer der führenden Vichy-Politiker, der das Manipulationsgeschick des Botschafters am eigenen Leib erfahren hatte, nannte Abetz einen "großen Meister des politischen Gartenbaus".


Von Himmler für treue Dienste dekoriert

Mit der von Abetz selbst und seinen Getreuen später verbreiteten Legende, allein dem Reich loyal gedient und von Nazischeußlichkeiten wie der Deportation und Ermordung der Juden nichts gewusst zu haben, macht Barbara Lambauers politische Biografie ein für alle Mal Schluss. Der Botschafter war in die "Endlösung" nicht nur eingeweiht, er wirkte auch, was die Juden Frankreichs betraf, aktiv daran mit. Als 1942 die Vorbereitungen zu ersten Massendeportationen anliefen, die mit der Registratur der Juden begannen, war es Otto Abetz, der vom Militärbefehlshaber verlangte, in der besetzten Zone das Tragen des gelben Sterns zu verordnen, und der Eichmanns Frankreichbeauftragten Dannecker drängte, möglichst schnell die nötigen 400.000 Abzeichen zu besorgen. Bei einem Empfang Heydrichs in Abetz´ Residenz im Mai 1942 erfuhr der Botschafter weitere Details. Einen Monat vor Deportationen am 11. und 12. Juli, deren Opfer größtenteils in Auschwitz ermordet wurden, stimmte er sich mit der federführenden Pariser SS-Führung ab, woraufhin ihm Himmler später für treue Dienste einen hohen SS-Offiziersgrad verlieh.
Mit dem Herannahen der Alliierten im Sommer 1944 nahte auch das politische Ende des Nazi-Statthalters. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich im fliehenden Tross Marschall Pétains mit nach Sigmaringen abzusetzen, wo er als Botschafter Deutschlands überflüssig war und entlassen wurde. Doch der gerissene Abetz wäre nicht Abetz gewesen, hätte er nicht beizeiten dafür gesorgt, dass Bargeld, Goldmünzen, gestohlene Kunstwerke und Wertgegenstände außer Landes und in die Abetz-Villa bei Baden-Baden geschafft wurden. Nach der französischen Besetzung der Region gelang es ihm, sich einige Zeit zu verstecken, im Oktober 1945 wurde er von der französischen Polizei in einer Schwarzwaldklinik entdeckt - es folgte die Rückkehr nach Paris, diesmal in Handschellen.
Im Juli 1949 begann dort gegen Abetz der Prozess wegen Kriegsverbrechen und anderer schwerer Vergehen. Der brillante Strafverteidiger René Floriot, der Abetz das Verdienst zuschrieb, die "Polonisierung" Frankreichs verhindert zu haben, verfehlte seine Wirkung nicht, denn der Angeklagte wurde nicht wie erwartet zum Tode, sondern zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Bereits nach fünf Jahren konnte ein auf Druck seiner Freunde beiderseits des Rheins begnadigter Abetz das Gefängnis verlassen. 1958 kamen er und seine Frau bei einem nie restlos aufgeklärten Autounfall ums Leben: Bei dem kurz zuvor als Geschenk von einem Franzosen überreichten VW-Käfer hatte plötzlich die Lenkung versagt.
Der politische Lebenslauf, den Barbara Lambauer minutiös rekonstruiert hat, ist der eines jener Nationalsozialisten, die hinter Liberalität und Jovialität verbargen, wie virtuos sie die Klaviatur der Macht beherrschten und jene Technokratie verkörperten, die das Naziregime so furchtbar gemacht hat. "Otto Abetz zählt zu einer dem Nationalsozialismus verpflichteten Kategorie von Leuten", schreibt Lambauer, "die aufgrund ihrer scheinbaren Mäßigung in ihrem Handeln weit effizienter sind als die brutalen Nazis."

Roland Ray: Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers? Otto Abetz und die deutsche Frankreichpolitik 1930 - 1942. Oldenburg/München 2000
Barbara Lambauer: Otto Abetz et les Francais ou l´Envers de la Collaboration, Edition Fayard. Paris 2001

00:00 24.05.2002

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