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Linksbündig Die Sache mit den Vergleichen

Die neue Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland hat sich gleich mit einem lauten, wenngleich etwas zu vertraut klingenden Paukenschlag in ihr Amt eingeführt. Für Charlotte Knobloch sei der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad ein "zweiter Hitler" (und nicht etwa, was in der Sache - der angedrohten Auslöschung Israels - nachvollziehbar wäre, ein "zweiter Nasser").

Michael Scharang hat in einem Beitrag über Marcel Reich-Ranicki einmal das Wort "Blockwart" verwendet. Diplomatischer wäre es gewesen, wenn Scharang ein anderes Wort gewählt hätte, etwa "Hausmeister". Der wurde ja unter Metternich mit einer ähnlichen Funktion betraut wie der Blockwart unter den Nationalsozialisten. Es kann als missverständlich erscheinen, wenn jemand ausgerechnet ein Opfer der Nazis mit einem Begriff charakterisiert, der die Kollaboration mit dem Nationalsozialismus einschließt.

Ein Kollege Scharangs, der Schriftsteller Vladimir Vertlib, hat darauf jedoch mit einer Empörung reagiert, die ihrerseits maßlos erscheint. Michael Scharang hat sich einer Gattung bedient, die durch Übertreibung und Zuspitzung gekennzeichnet ist: der Polemik. Und sie richtet sich gegen einen Mächtigen, der seinerseits nicht zimperlich ist, wenn es um die Herabsetzung von Menschen und ihrer Arbeit geht. Da muss schon ein krasserer Ton erlaubt sein als gegenüber Wehrlosen.

In diesem Kontext hat der "Blockwart" die Funktion eines Vergleichs. Das tertium comparationis, was also den Blockwart mit Marcel Reich-Ranicki verbindet, ist die Funktion des Aufpassers und Denunzianten. Das konnte, wer Scharang nicht übel gesinnt ist, verstehen, und dass Reich-Ranicki offenbar lieber als Richter denn als Kritiker auftritt, ist manchem schon vor Scharang aufgefallen.

Nun hat aber der "Blockwart" neben der hier skizzierten Bedeutung jene Konnotation, die Vertlib in diesem Zusammenhang irritiert hat: er gehört nun einmal zum System des Nationalsozialismus. Und damit gerät man in eine allgemeine Problematik des Vergleichens: Lässt sich das tertium comparationis isolieren, oder müssen alle Konnotationen mitgedacht werden? Eignet sich "Holocaust" als Kürzel für "Völkermord" oder muss stets die konkrete Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten mitgedacht werden? Eignet sich "Auschwitz" nicht für Vergleiche, weil sich damit mehr verbindet als der industrielle Massenmord? Bedeutet es eine Verharmlosung der Nationalsozialisten, wenn wir uns darauf einstellen, dass der Genozid an den Juden zu einer Metapher für unvorstellbare Verbrechen geworden ist, die für partielle, auch schiefe Vergleiche zur Verfügung steht wie "Waterloo" oder "Stalingrad"?

Wer jemand als "Brutus" bezeichnet, impliziert nicht, dass dieser einen Mord begangen hat. Als der damalige österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky den kürzlich verstorbenen Journalisten Nenning einen "Kasperl" nannte, meinte er nicht, dass der mit einem Stock Krokodile erschlägt. Und wer von "Prüfungsterror" spricht, muss nicht befürchten, der Verharmlosung des Jakobinischen terreur bezichtigt zu werden. Man weiß sehr genau, was mit den in diesen Begriffen enthaltenen Vergleichen gemeint ist.

Lediglich wenn Vergleiche herangezogen werden, die in ihrer Konnotation an den Nationalsozialismus erinnern, werden Stimmen laut, die diese Vergleiche vehement zurückweisen, weil sie die Dimensionen der nationalsozialistischen Verbrechen bagatellisieren könnten. Dieses Argument ist ernst zu nehmen. Aber dann bitte konsequent. Dann muss auch gegen die "Verharmlosung von NS-Verbrechen" protestiert werden, wo eine Charlotte Knobloch Ahmadinedschad oder vor ihr ein Enzensberger oder ein Biermann Saddam Hussein mit Hitler und den amerikanischen Angriffskrieg auf den Irak mit dem Verteidigungskrieg der Alliierten vergleicht. Wer mit guten Gründen auf der Einmaligkeit der NS-Verbrechen besteht, muss das auch jenen gegenüber tun, die Vergleiche zur Diffamierung solcher Personen heranziehen, denen er nicht nahe steht. Das selektive Verbot von Vergleichen erweckt den Verdacht einer Immunisierungsstrategie. Wer die Wortwahl Scharangs verurteilt, Vergleiche Ahmadinedschads oder Saddams mit Hitler zur Rechtfertigung von Kriegen, in denen es um mehr geht als um die Kränkung eines Literaturkritikers, jedoch nicht mit der gleichen Leidenschaftlichkeit zurückweist, gibt Anlass zu der Vermutung, dass ihn andere Motive inspirieren als die Verhinderung einer Verharmlosung der NS-Verbrechen.


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00:00 16.06.2006

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