Hitparade der Unis: Ein Affentanz

Hochschule Immer mehr Hochschulen verzichten auf eine Beteiligung am Bertelsmann-CHE-Hochschulranking. Denn die Ergebnisse und Ziele des Wettbewerbs sind zweifelhaft

<!-- @page { margin: 2cm } P { margin-bottom: 0.21cm } -->

Heimliches Bildungsministerium

1994 kaperte Bertelsmann die (bis dahin eher betuliche) Hochschulrektorenkonferenz und gründete im Verein mit dieser das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Hatte man im Hause Mohn zunächst auf private Uni-Neugründungen gesetzt (ebenso wie die Mehrzahl der Bundesländer), so betrieb das CHE seither die konsequente Verbetriebswirtschaftlichung der öffentlichen Hochschulen. In wenigen Jahren mauserte sich der Bertelsmann-Ableger zum heimlichen Bundesbildungsministerium. Öffentlich sichtbar werden dessen vielfältige Aktivitäten in der Einführung von Studiengebühren, in der Verwandlung der Hochschulen in Marktsubjekte, in der so genannten leistungsbezogenen Mittelvergabe, in der Aufspaltung der Landschaft in wenige exklusive Forschungsunis und viele prekarisierte Lehranstalten für die breite Masse. Öffentlich sichtbar wird der hochschulpolitische Durchmarsch der Bertelsmänner aber vor allem in den akademischen Hitlisten – genannt Hochschulranking –, die der Konzern mit Hilfe eigener und vorgelagerter Medienmacht unter die Leute bringt, zunächst über den Stern und seit 2005 durch die Zeit, das alte Zentralorgan der bildungsbürgerlichen Öffentlichkeit.

Ranking als Machtinstrument

Seither erfahren Fächer, Fakultäten und Hochschulen aus der Zeitung, wo sie stehen im Rennen um die begehrten besten Plätze. Das erwies sich als genialer Schachzug der Bertelsmänner, denn fortan fürchtete jedes Fach und jede Fakultät, ein schlechter Platz im Hochschul-PISA werde sich alsbald bei der Zuweisung und Einwerbung öffentlicher und privater Mittel und vor allem bei der Studentenstatistik bemerkbar machen. In der Tat erzeugt ein jedes Ranking in der öffentlichen Wahrnehmung die Ordnung, die es zu beschreiben vorgibt. Mit dem Effekt, dass die öffentlich sortierten Institutionen nur noch ein Ziel kennen: ihren Rangplatz zu verbessern. Das verleiht dem Veranstalter des Ranking die Macht, die bewerteten Institutionen faktisch zu steuern – über die Auswahl der jeweils bewerteten Faktoren.

Was ein Ranking wirklich wert ist, erweist sich jedoch erst im Krisenfalle. Ein Gutteil der jüngst implodierten Banken verfügte noch wenige Tage vor dem Kollaps über erstklassige Rangplätze bei den Bewertungsagenturen. – Und auch an den Hochschulen verbreitet sich allmählich die Einsicht, dass man einiges zu verlieren, aber nichts zu gewinnen hat, wenn man sich auf Gedeih und Verderb dem Urteil des Medienriesen ausliefert. Zu beobachten ist eine Absetzbewegung, die zusehends an Fahrt gewinnt.

Immer mehr Unis sagen ab

Zuerst haben sich Österreich und die Schweiz bereits in den letzten Jahren mit der Mehrzahl ihrer Hochschulen aus dem CHE-Ranking verabschiedet. Auch in Deutschland haben bereits mehrere Hochschulen die Teilnahme am CHE-Ranking aufgekündigt. Schlagzeilen machte im letzten Jahr die Berliner Alice-Salomon-Fachhochschule, deren Lehrende und Studierende das CHE-Ranking mehrheitlich ablehnten. Im letzten Juli-Heft der Zeitschrift Forschung und Lehre ist ein offener Brief der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Kiel abgedruckt. Darin begründet diese ihren Rückzug aus allen kommerziellen und wirtschaftsnahen Rankings. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat jüngst jedwede Zusammenarbeit mit der Bertelsmannstiftung beendet. Der Berufsverband der Historiker (VDH) ist jetzt noch einen Schritt weitergegangen und hat auch das Peer-Ranking (im Rahmen des Forschungsranking des Wissenschaftsrates) verworfen, aus der späten, aber richtigen Einsicht, dass jedes Ranking aus einer höchst wünschenswerten Verschiedenheit der fachlichen Ansätze eine immer ungerechtfertigte Rangfolge macht. Bei so genannten Peer-Rankings sind es die Fachkollegen, die gegenseitig ihre Leistungen bewerten. Aus ganz ähnlichen Gründen diskutiert der Berufsverband der Medienwissenschaftler über den Rückzug aus der CHE-Uni-Hitparade.

Am 1. Juli 2009 hat der Fachbereichsrat des Fachbereichs 3 (Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften) der Universität Siegen beschlossen, sich mit seinen Fächern künftig nicht mehr am Ranking des von der Firma Bertelsmann gegründeten CHE zu beteiligen.

Einige der Gründe für diese Entscheidung waren:

- Wachsende Zweifel an den Methoden und Kriterien des CHE-Ranking und an der wechselnden und willkürlichen Auswahl von Vergleichsparametern.

- Die Leistungen eines Faches in Forschung und Lehre lassen sich nicht wie Aktienkurse oder Bundesligatabellen darstellen.

- Die kostenlose Bereitstellung von Daten für das CHE bedeutet einen erheblichen Aufwand für alle Beteiligten und verschlingt Steuergelder auf unverantwortliche Weise.

- Ständiges Messen, Testen, Ranken im Bildungswesen führt dazu, dass „gute Messergebnisse“ zum einzigen Handlungsziel der bewerteten Bildungsinstitutionen werden. Das ist dysfunktional und gibt dem rankenden Privatunternehmen die Möglichkeit, das öffentliche Bildungswesen faktisch zu steuern und es demokratischer Kontrolle zu entziehen.

- Das Ranking erzeugt, was es zu messen vorgibt: Ungleichheit zwischen den Hochschulen.

- Das Ranking fördert die Entkopplung von Forschung und Lehre und trägt damit zur Demontage der traditionellen Stärken des deutschen Hochschulsystems bei.

Fragwürdige Erhebungen

Zuvor hatten bereits zwei weitere Fachbereiche der Uni Siegen dem CHE-Ranking den Rücken gekehrt. Gehemmt wird diese nachahmenswerte Entscheidung durch ganz schlichte Motive. Ist man nämlich einmal „drin“ im Ranking, dann setzt ein ganz einfacher Selbstverstärkungsmechanismus ein. Wer gut gerankt wird, der kann der Versuchung nicht widerstehen, den Rangplatz zur Eigenwerbung einzusetzen. Wer schlecht gerankt wird, der fürchtet, als schlechter Verlierer dazustehen, wenn er das Ranking kritisiert. Also duckt er sich weg. Zwar lernt man schon in jedem soziologischen Proseminar, dass leicht manipulierbare Parameter nicht abgefragt werden dürfen, wenn man ein realistisches Bild von einer Institution erhalten möchte. Denn die lernt nichts schneller als die Regeln der „kreativen Selbstdarstellung“. Doch das ficht die Bertelsmänner nicht an.

Man kann sich leicht vorstellen, wie die Daten dieser Hochschulbundesliga zustande kommen. So rufen manche Studierendenvertretungen ihre Mitglieder auf, nur ja nichts Negatives beim CHE zu Protokoll zu geben, weil sie mit einem negativen Rangplatz ihrer Uni die eigenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt schmälern würden. Unter den Fragen, die Hochschullehrern vorgelegt werden, befindet sich regelmäßig auch die, ob man den eigenen Kindern die bewertete Hochschule empfehlen würde. Und so ein Affenzirkus verbreitet seit Jahren Angst und Schrecken in den Unirektoraten! Den Studierenden sollte man empfehlen, sich selbst ein Bild von der Uni ihrer Wahl zu machen, vor Ort und im Internet. Noch nie war es leichter herauszubekommen, was wirklich getrieben wird an einer Hochschule. Warum klagt eigentlich keiner über die Bevormundung des mündigen „Kunden“ durch die Firma Bertelsmann?

Keiner will es mehr

Vielleicht ist das ja der Anfang vom Ende der akademischen Sprachlosigkeit und Duldungsstarre. Die dauert nämlich nur so lange, wie unangefochten gilt: Wer an einem Ranking nicht teilnimmt, der entzieht sich dem Wettbewerb, weil er Leichen im Keller hat. Oder: Wer die Folgen von Bologna kritisiert, der ist ein schlechter Europäer. Das Gegenteil ist der Fall: Wer sich Zulauf und Reputation vom Bertelsmann-Ranking verspricht, der traut sich offenbar nicht zu, durch seine Leistungen in Forschung und Lehre zu überzeugen. Und wer Bologna kritisiert, der tut das in der Regel, weil ein vernünftig geordneter europäischer Hochschulraum 10 Jahre nach Bologna ferner ist denn je. Wie stets verstecken sich die fundamentalistischen Ideologen des Marktes hinter einwandsimmunen Werten wie „Wettbewerb“, „Autonomie“ und „Berufsbezug“. Was keiner will, das kann öffentlich nur verkauft werden, wenn es so aussieht wie das, was jeder wollen muss.


Clemens Knobloch ist Professor für Germanistik an der Universität Siegen

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

05:00 13.08.2009

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2