Hitze

Kolumne Sie füllt langsam die Stadt aus. Schon hielt sie sich auch nachts zwischen den Häusern. Sie drängte sich in die Gespräche, brachte Leute zum Reden, ...

Sie füllt langsam die Stadt aus. Schon hielt sie sich auch nachts zwischen den Häusern. Sie drängte sich in die Gespräche, brachte Leute zum Reden, die Monate lang schweigend an ihren Briefkästen nebeneinander standen und sich die Haustür vor der Nase zufallen ließen. Sie stöhnten jetzt, aber fügten gleich hinzu: Wir dürfen uns nicht beklagen. Denn im Juni war es windig, regnerisch und finster geworden wie im Herbst. Und es breitete sich wahre Angst aus, dass es in diesem Sommer nie mehr warm wird.

Eben rauschen die Bäume auf. Erst seit wir über den hohen Bäumen wohnen, kenne ich diese Vorwinde der Gewitter. Sie gehen als Böen durch die Äste. Dieser Windstoß hat gelbe Lindenblütenblättchen wie Wolken aus den Bäumen herausgewirbelt, sie trudeln nun langsam wie kleine kreiselnde Fallschirme nach unten. Bevor sie am Boden ankommen, herrscht schon wieder Stille. Der Himmel blau. Die Bäume unbewegt. Die Fenster offen. Darin hängen roséfarben und violett ein afrikanisches und ein indisches Tuch wieder brettgerade herunter. Die Sonne durchscheint sie matt.

Eine Nacht voll Hitze - vor langer Zeit. Die Körper waren heiß, die Laken, auch die dunkle Luft hinter den Fenstern und im Zimmer. Die Geschwister drehten sich in den Betten vom Rücken auf den Bauch, auf die Seiten, rutschten zum Rand, die Decken lagen längst auf dem Boden, die Nachthemden am Fußende, die Laken zerknautscht, die rauen Matratzen entblößt, auch sie heiß. Da kam die Mutter herein. Sie trug eine Schüssel, stellte sie auf den Boden, Wasser schwappte leise. Sie tauchte ein Handtuch ein und bestrich mit dem nassen schweren Tuch die Körper vom Kopf bis zum Zeh. Und es geschah ein Wunder: die Haut wurde kühl. Kurz schauderte es die Kinder, als wollte ein leichter Frost sie überziehen. Nicht abtrocknen, flüsterte die Mutter. Die quälende Unruhe verschwand. Sie fühlten noch, wie der Schlaf ungehindert über sie kam.
Ein wenig später fuhren sie mit dem Zug eine weite Fahrt, die zwei Tage dauerte. Es war ein Umzug, er führte von einer Welt in eine andere, von Rostock nach Weimar, ein paar Jahre nach dem Krieg, als die Züge noch sehr langsam fuhren. Die Familie hatte viel Gepäck, darunter einen Käfig mit einem Huhn und ein Weckglas, in dem ein Schleierschwanz schwamm. Der Bahnsteig war überfüllt. Die Mutter entfernte sich und kam endlich mit einem Schaffner zurück, der für einen Mann in Uniform ungewöhnlich gut gelaunt schien. Ob sie ihm Geld zugesteckt hatte? Oder ihn durch ihren Charme, ihr Talent zum Gespräch gewonnen hatte? Er wusste, wo es noch Plätze gab. Der Zug fuhr los. Wie einschüchternd hätten die missmutigen, verkniffenen Gesichter der Mitreisenden auf die Kinder gewirkt, wäre nicht die Mutter davon unberührt geblieben, so als merkte sie gar nichts. Sie breitete eine große weiße Serviette auf den Knien aus, schnitt Brot ab, schälte hart gekochte Eier, holte ein Schälchen Salz aus dem Korb und bot allen im Abteil davon an. Sie konnte so anbieten (bitte, machen Sie mir die Freude), dass die Leute zu ihrem eigenen Erstaunen das eingelernte Höflichkeits-Nein vergaßen. Die Reisenden dieses überfüllten Abteils verwandelten sich in eine erzählende Gesellschaft wohlmeinender Leute. Die Hitze aber nahm mit den Stunden Besitz von der Augustlandschaft, dem Zug, dem Gang, in dem sich die Menschen drängten, dem Abteil. Die Luft, die durchs offene Fenster rauschte und die Haare flattern ließ, schien aus einem Föhn zu blasen. Die Mutter hatte auch hier ein Tuch, das sie aus einer Wasserflasche nässte, sie strich den Kindern über die Gesichter, die Ohren, den Nacken, dann die Hände und Armbeuge, zuletzt noch die Kniekehlen, sie wischte die Gereiztheit weg, und wieder war es erregend, auf die endlos vorbeiziehenden Felder, sich verlierenden Wege und in die schaukelnden Telegrafendrähte zu gucken.
Nur der Schleierschwanz wurde matter, sein Wasser wollte sich nicht abkühlen lassen, er taumelte, legte sich manchmal auf die Seite, dann schwamm er noch ein wenig, stieß ans Glas. Die Kinder wollten ihn dem Vater bringen, dem er ja gehörte. Sie hielten das Glas hoch in den Fahrtwind, legten ein Tuch an die Sonnenseite, um den Fisch zu schützen, nichts half, sie sahen, wie sich der Tod näherte. Alle beobachteten irritiert den Überlebenskampf des Fischs, nur eine Oma ertrug kein Mitleid und verkehrte es in auftrumpfende Belehrung: Das konnte ja nicht gut gehen. Das hätte ich euch gleich sagen können: Irgendwann drehte sich der Fisch um, lag still mit dem Bauch nach oben, es war endgültig geschehen, es war stärker als die Mutter, als das eigene inständige Hoffen. Nun musste er rausgeworfen werden, das war auch den Kindern klar. Endlich griffen sie ihn, warteten noch auf eine weiche Wiese und bemühten sich, ihn flach hinaussegeln zu lassen. Sie sahen ihn nicht mehr ankommen, aber der Schmerz, der sich ihrer sekundenlang bemächtigen wollte, flog mit hinaus in diese Landschaft, die sich in ihrer unendlichen Ausdehnung als Rätsel darbot, das nicht zu lösen war, ebenso wenig wie der Tod.

Das Huhn lag mit ausgebreiteten Flügeln in seinem Käfig oben im Gepäcknetz. Hin und wieder ließ es klagende Laute vernehmen oder eine Flaumfeder segeln. Es werde sterben wie der Fisch, sagte die Oma voraus. Den Mitreisenden ging das Huhn im Abteil zu weit, aber wegen der Lebensmittelknappheit nahmen sie es hin. Es legte jeden Tag ein Ei, erfuhren sie, und das anerkannten sie als Argument. In Berlin, wo die Familie bei Freunden Zwischenstation machte, wurde das matte Huhn im Garten aus dem Käfig gelassen. Es trank, pickte, die Federn wurden wieder glatt und fest. Es wollte überleben. Bei der Ankunft in Weimar platzierte der Vater die Trophäe für die erste Nacht im schattigen Hof. Aber schon in dieser Nacht wurde es gestohlen. Die Kinder beachteten das kaum noch. Aber die Mutter, die selten einen Verlust bedauerte, war von diesem getroffen. Vielleicht schien es ihr ein Omen.

Während des Schreibens wird es draußen dunkel. Der Bildschirm leuchtet. Dass mit dieser Dunkelheit nicht die Nacht, sondern ein Gewitter ungeheuren Ausmaßes aufzieht, ahnt Berlin nicht. Der erste Windstoß schlägt überall Fenster zu. Dann prallt er gegen Wände, Türen. Ein roter Sonnenschirm wird von der Dachterrasse hochgehoben, über den Hof getragen und auf dem Nachbardach abgesetzt. Im Baugerüst nebenan singt der Wind wie in Orgelpfeifen. Die Bäume werden tief gebeugt, sie sind wie ein tosendes Meer unter den Fenstern. Blitze leuchten in allen Himmelsrichtungen auf, der Donner grollt nicht, sondern kracht wie Explosionen. In der Erregung schneide ich ein Brot ab, erinnere mich jedoch, dass man beim Gewitter nicht essen soll. Warum nur? Weil es eine Missachtung der Naturgewalt ist? Weil es den Allmächtigen, der seine Wut austobt, provozieren könnte? Weil es in einem selbst die Entladung und Bereinigung beeinträchtigt, die das Gewitter bringt?
In dieser Nacht gab es Tote, wird am nächsten Tag bekannt. Häuser sind abgedeckt, Bäume umgekracht, Autos eingedrückt, überall tönen elektrische Sägen, ein in den Kanal hängender Baum wird vom Boot aus zersägt. Jürgen ist traurig: der hundertjährige Baum, dessen Wipfel sich vor seinem Balkon in der vierten Etage mitten in Charlottenburg wiegte, - sein Baum wurde vom Sturz entwurzelt. Am Morgen ist kein Wind mehr in den Blättern. Die Luft ist frisch und rein. Am Himmel einige Wolken. Werden sie sich verdichten oder auflösen?

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00:00 26.07.2002

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