Hoch die Internationale

Amazon Sechs Jahre dauert der Arbeitskampf gegen den Konzern bereits. Inzwischen steht Verdi allerdings nicht mehr allein im Ring
Hoch die Internationale
Das Unbehagen hat längst alle Ländergrenzen überschritten

Foto: Peter Endig/dpa

Ende September legten Beschäftigte bei Amazon in Leipzig – wieder mal – für drei Tage die Arbeit nieder. Rund 400 der insgesamt 1.300 Versandmitarbeiter beteiligten sich laut Verdi am Streik. Standortleiter Dietmar Jüngling versicherte im MDR, man habe trotz des Ausstands „alle Pakete pünktlich auf die Lkw schaffen können“. Auch weil es in solchen Situationen üblich sei, „dass alle unterstützen und mithelfen“ – im Klartext: Auch die Verwaltungsangestellten müssen anpacken. Man könne auch „Warenströme über andere Standorte umleiten“. Im Klartext: Streikbedingte Lieferengpässe aus Leipzig werden durch die polnischen Versandzentren in Wrocław und Poznán kompensiert.

Das Szenario erscheint mittlerweile routiniert: Die Gewerkschaft und ihr Gegenspieler laufen sich warm fürs Weihnachtsgeschäft. Alles wie immer? Nicht ganz. Amazon 2019 ist nicht mehr derselbe Konzern wie 2013, als Verdi den Kampf aufnahm. Aber auch bei den Gewerkschaften ist einiges passiert. Die Zeiten, da der Onlinehändler hauptsächlich aus einer Ansammlung riesiger Warenversandlager bestand, sind vorbei. Alles wird spezieller, vernetzter, kleinteiliger und raffinierter. Amazon reorganisiert seine Logistikkette. So betreibt der Konzern in immer mehr Großstädten weltweit kleinere, innerstädtische Expressauslieferstationen (Prime Now Hubs). Um die Abhängigkeit von den großen Paketdiensten zu reduzieren, nimmt Amazon die Zustellung mehr und mehr in die eigene Hand. Seit 2016 wurde in Deutschland eine Reihe sogenannter Sortier- und Verteilzentren eröffnet und der eigene Zustelldienst Amazon Logistics aufgebaut, der wiederum kleine und mittelständische Kurierdienste unter Vertrag nimmt. Nach einem Bericht der Welt sollen mittlerweile rund 13.000 Subunternehmer-Kuriere für Amazon in Deutschland unterwegs sein. Für die großen Logistikfirmen wird der Anteil am Amazon-Kuchen kleiner: Laut Handelsblatt rechnet DHL damit, bis 2022 rund 154 Millionen Pakete weniger für Amazon auszuliefern als heute, was 30 Prozent aller DHL-Lieferungen für Amazon entspricht.

Gewerkschaft gegen Gigant

Aber nicht nur auf der „letzten Meile“ hat Amazon investiert. Auf der Langstrecke ist der Konzern dabei, in die internationale Containerschifffahrt einzusteigen, und die konzerneigene Airline Prime Air – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Drohnenprogramm – ist innerhalb weniger Jahre fast unbemerkt zur fünftgrößten Frachtfluggesellschaft der Welt aufgestiegen. Überhaupt, das schier unglaubliche Wachstum: Von 2013 bis 2019 hat Amazon seinen Umsatz von 74 auf 233 Milliarden Dollar mehr als verdreifacht. Vor sechs Jahren beschäftigte der Konzern weltweit 117.300 Menschen, 2019 sind es fast sechsmal so viele, nämlich 647.000. Weil jeden Tag im Schnitt mehr als 300 dazukommen, ist auch diese Zahl schon überholt. 2013 unterhielt Amazon weltweit 49 Versandlager in acht Ländern, inzwischen sind es mehr als 1.000 Standorte in 22 Ländern.

Wer die Aussichten des gewerkschaftlichen Kampfes bei Amazon realistisch einschätzen will, sollte ehrlich sein: Wenn ein globales Unternehmen in sechs Jahren seine Beschäftigtenzahl versechsfacht, können sich alle Gewerkschaften der Welt abstrampeln, so viel sie wollen. Mit diesem Tempo mitzuhalten, ist schlicht unmöglich. Und doch: Stand die deutsche Gewerkschaft Verdi 2013 noch allein im Ring, hat sich der Konflikt seither internationalisiert. Nach ersten Streiks in Frankreich 2014 gründete die Internationale der Dienstleistungsgewerkschaften UNI Global Union 2015 ihre „Amazon Alliance“ – ein Netzwerk, das zunächst Gewerkschaften aus Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland, Polen, Großbritannien und Tschechien zusammenbrachte. Inzwischen ist es nicht mehr auf Europa beschränkt. In diesem Frühjahr kamen in Berlin 70 Delegierte aus 16 Ländern zusammen, darunter auch aus den USA und Lateinamerika.

Tatsächlich gelang es so, Aktionen über Grenzen hinweg zu koordinieren. Mithilfe der Amazon-Allianz schaffen es Gewerkschaften in Deutschland, Italien, Polen und Spanien seit 2017, rund um den „Amazon Prime Day“ Mitte Juli und den „Black Friday“ im November regelmäßig gemeinsam zu streiken. Das funktioniert nicht zuletzt, weil die transnationale Vernetzung bei Amazon keine Erfindung der hauptamtlichen Apparate ist, sondern mehr oder weniger spontan von betrieblich Aktiven begonnen wurde. Seit 2014 bestehen Kontakte zwischen Verdi-Vertrauensleuten bei Amazon Bad Hersfeld zu Kolleginnen und Kollegen der CGT an französischen Standorten, seit 2015 treffen sich regelmäßig deutsche und polnische Beschäftigte, ganz ohne Zutun „offizieller“ Strukturen.

Amazons demonstrative Ignoranz gegenüber Gewerkschaften rührt nicht zuletzt daher, dass das Unternehmen zu Hause ein Vierteljahrhundert von ihnen nahezu unbehelligt war. Das Unternehmen nahm seine Geschäftstätigkeit zu einer Zeit auf, als die US-Gewerkschaften ausgepowert am Boden lagen. Das ändert sich langsam. Der Zuspruch zu Gewerkschaften liegt laut Gallup-Umfrage fast auf einem 50-Jahres-Hoch, 2018 streikten so viele US-Beschäftigte wie zuletzt 1986. Wendepunkt für Amazon war die Bewegung gegen den Bau einer zweiten Konzernzentrale in Long Island, New York City. Mit einer aufwendigen PR-Kampagne hatte das Unternehmen mehr als ein Jahr lang nach einem Standort für sein „Headquarter 2“ gesucht, an dem 50.000 Arbeitsplätze entstehen sollten. 283 Städte hatten sich beworben und milliardenschwere Steuergeschenke versprochen.

Aufruhr in Amerika

Amazon war perplex, als sich in New York eine lokale Allianz von Kritikern und Gegnern der Pläne formierte. Zentrales Thema war die Aussicht auf steigende Mieten und Verdrängung im Stadtteil. Zugleich wurden Arbeitsbedingungen und Gewerkschaftsfeindlichkeit in der Öffentlichkeit diskutiert. Die Handelsgewerkschaft RWDSU startete eine Organizing-Kampagne im Amazon Fulfillment-Center JFK8 in Staten Island. Politiker des linken Flügels der Demokratischen Partei wie die örtliche Abgeordnete im Repräsentantenhaus, Alexandria Ocasio-Cortez, und Senator Michael Gianaris engagierten sich in der Bewegung. Innerhalb weniger Monate nahm die Kampagne eine solche Wucht an, dass Amazon im Februar 2019 kapitulierte.

Drei Wochen später war Amazon in Minnesota mit dem wohl ersten Streik seiner Geschichte im Heimatland konfrontiert: Unterstützt von einem lokalen „Workers Center“ legten 30 Lagerarbeiter, hauptsächlich Flüchtlinge aus Somalia, die Arbeit nieder, um gegen Leistungsdruck und Arbeitstempo zu protestieren. Zum „Prime Day“ im Juli flammte der Streik erneut auf, diesmal mit 80 Leuten, und zuletzt, wie Newsweek berichtet, am 2. Oktober. So klein und lokal begrenzt der Konflikt erscheint, ist er nicht der einzige: 2.000 Amazon-Beschäftigte legten Berichten zufolge zum Global Climate Strike am 20. September US-weit die Arbeit nieder. Ende September trat eine Beschäftigteninitiative namens „Amazonians United Sacramento“ auf die Bildfläche. Es kann gut sein, dass sich bei Amazon in den USA etwas Größeres zusammenbraut.

Info

Von Jörn Boewe und Johannes Schulten ist soeben die Analyse Der lange Kampf der Amazon-Beschäftigten. Labor des Widerstands: Globale Organisierung im Onlinehandel in erweiterter und aktualisierter Auflage bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung erschienen

06:00 30.10.2019
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