Hochgeklappte Hoffnung

Fotografie Jan Banning reist um die Erde zu kommunistischen Parteien und findet viele leere Stühle
Lennart Laberenz | Ausgabe 50/2018

Der Stuhl ist eine zarte Parallelgeschichte, Symbol und ein Einstieg durch den Nebeneingang: Schon im ersten Bild der hinreißenden Serie Red Utopia des holländischen Fotografen Jan Banning steht ein leeres Sitzmöbel neben der vermeintlichen Hauptdarstellerin. Aus Plastik, ein Monobloc, stapelbar, das meistverbreitete Möbel der Welt, hat den Weg vom Massenprodukt zum Sündenbock der Gestaltungshistorie beschritten, ein Alltagsobjekt. Kennen Sie von Gartenpartys, von Campingplätzen, Muammar al Gaddafi nahm darauf vor seinem Zelt Platz, Onkel Klaus an der Riviera, er war Gegenstand von Ausstellungen, in einigen europäischen Innenstädten ist er verboten.

Vom Plastikstuhl zum Kommunismus ist es nicht weit. Auf der ersten Aufnahme streckt sich über dem roten Monobloc das Banner der kommunistischen Partei im Wind. Auch sie ist eine historische Figur, Gegenstand von Ausstellungen, Zeichen verwehter Euphorie. Das Banner steht über einer leeren Terrasse, Formgusssteine aus Beton als Brüstung, Müll, Unkraut, ein abgeschabter Holztisch. Hammer und Sichel haben gute Sicht auf Dhanusha, Region Janakpur, südliches Nepal, nah der indischen Grenze. Auch hier ist es still geworden um die rote Utopie.

Gegenspieler der Jetztzeit

Verwaiste Stühle sind neben bunten Personenkult-Memorabilien eine Art Grundton der wunderbaren und absolut unpolemischen Reise von Jan Banning. Das Motiv, das sogar häufiger auftritt als die rote Fahne. Außer in Nepal hat sich Banning bei kommunistischen Parteien in Portugal, Russland, Italien und im indischen Kerala aufgehalten: In allen Fällen buhlt die Partei um Wählerstimmen, ist keine Staatsdoktrin. In der katholischen Kirche spräche man von Sedisvakanz. Auch hier scheint sie frappierend. Selbst wenn Banning in Italien junge, gut ausgebildete GenossInnen trifft: leere Sitzgelegenheiten allenthalben. Und die GenossInnen, erzählt er nebenbei, seien trotz Doktortitel arbeitslos.

In Russland scheint die kommunistische Partei monoblocfrei, Kinosessel stehen hochgeklappt, der Verein ist wohl ziemlich untot. In Portugal konnte Banning sich nicht lange umschauen – nach einem ersten Besuch lehnte der PCP weitere Aufnahmen ab: Sie waren keiner Propaganda dienlich. Ihre Sitzmöbel wirken wie DDR-Fabrikate, warten blankgeputzt unter einem an der Wand verschraubten Klatschmohn-Hain.

Jan Banning – selbst kein Kommunist – gibt im Vorwort einige Hinweise auf seine Motivation: Der Kapitalismus verwüste die Umwelt, soziale Ungleichheit wachse dank Selbstbereicherung von Topmanagern und der Akkumulation von ererbtem Reichtum: „Diese Entwicklungen untergraben Vertrauen in soziale Institutionen und Politik generell: Angst, Ärger und Verzweiflung kulminieren in Populismus, Nationalismus und Fremdenangst – und untergraben damit schlussendlich die Demokratie.“ Gelegenheit also, sich beim historischen Gegenspieler umzuschauen. Und da sieht es mau aus: Wenn man den herrlich gedruckten Band durchmisst, gerät die Reise auch zur Möbelschau einer verblichenen Ideologie. Die wurde auf vielen Sitzungen verhandelt, Erkenntnisse im Frontalunterricht weitergereicht. Nicht nur an Stuhlformationen lässt sich lesen, dass Banning in eine analoge Welt getaucht ist: In rätselhaften Schränken vermutet man bergeweise Sitzungsprotokolle, Pamphlete liegen herum, Wände sind zugehängt mit identifikationsstiftenden Ikonen. Nostalgie hinter kargem Verwaltungsalltag.

Ganz wie der Monobloc-Stuhl ist der Kommunismus eine gewesene Massenbewegung, heute stehen beide am Rand. Kommunistische Parteien gewinnen ab und an Stimmen, waren in Nepal sogar mit an der Regierung, sind aber eigentlich zu Sozialdemokraten geschrumpft. Deren ideologisches Arsenal kennt kein Außerhalb vom Kapitalismus mehr, sie mühen sich mit Reformvorschlägen. Revolutionsbegriffe sind Folklore.

Folgt man dem französischen Soziologen Didier Eribon, korrespondieren damit die vielen geräumten Stühle, ist deshalb der Blick frei auf Bänke, bestickte, bezogene, überworfene Sessel. Bannings Bilder sind so auch ein Gegenstück zu Eribons Rückkehr nach Reimes, einer Erzählung davon, dass sich das „spontane Bewusstsein“ offensichtlich nicht nur in Frankreich in der Glitzerwelt des Konsumkapitalismus vergnügte und den Linken weglief. Im indischen Kannur-Distrikt haben sie sogar die Paradeinstrumente fallen gelassen. Banning zeigt auch: Ganz augenscheinlich ist der mechanische Parteienapparat, Sitzungen von Ortsgliederungen mit Beschlussvorlagen, eine alt gewordene Gestalt. Indem er Verwaltung und Treffpunkte abbildet, öffnet er museale Räume.

Wenn aber Orte derart verwaisen, an denen Begriffe von Ausbeutung und Klassenstrukturen präsent sind, lässt sich erahnen, wie kompliziert der zweite Teil von Eribons These ist – der Versuch, um politisches Bewusstsein und Hegemonie zu kämpfen. Am Sekretärsstuhl in Nepal hat viel Kopfschweiß den Überzug verfärbt: Vermutlich denkt hier einer heftig darüber nach, wie man das spontane Bewusstsein mit Kriterien wie „Oben“ und „Unten“ neu strukturieren kann. Platz genug, um darüber zu reden, gibt es.

Info

Red Utopia. Communism 100 years after the Russian Revolution Jan Banning Ipso Facto/Nazraeli 2018, 49,95 €

Die Ausstellung Red Utopia. Kommunismus 100 Jahre nach der Russischen Revolution von Jan Banning ist noch bis 13. Januar 2019 im Zephyr – Raum für Fotografie der Reiss- Engelhorn-Museen in Mannheim zu sehen

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