Hochliterarische Bürgerbeteiligung

Anspruch Kathrin Rögglas Kurzprosaband „Nachtsendung“ setzt auf den mündigen Leser
Konstantin Ulmer | Ausgabe 43/2016
Hochliterarische Bürgerbeteiligung
Kathrin Röggla ist seit 2015 Vizechefin der Berliner Akademie der Künste
Foto: imago/ Drama-Berlin.de

Mit Kurzprosa ist es wie mit Schnaps. Ist sie schlecht, sollte man es lassen. Ist sie gut, und man übertreibt es, dröhnt der Schädel. Doch wenn man Maß hält, brennt sie. Steigt in den Kopf. Berauscht. Es empfiehlt sich also, die 42 Geschichten, die Kathrin Röggla in dem Band Nachtsendung auf 280 Seiten versammelt, peu à peu zu lesen. Das bietet sich auch deswegen an, weil die Prosastücke sich schwer in ein Schapsglas werfen lassen: Sie erzählen von Konferenzen, Sitzungen, Bahnreisen und Flugzeugwartereien, von Lebenden, Toten und irgendwem dazwischen, von der zweidimensionalen und der unfassbaren Welt. Doch alle 42 Geschichten eint eines: Irgendwas ist komisch. Es gehen Tage verloren. Gespenster tauchen auf. Und Floskeln greifen nicht mehr.

Dass Kathrin Röggla, seit 2015 auch Vizechefin der Berliner Akademie der Künste, sich für den alltäglichen Ausnahmezustand interessiert, ist bekannt. Auch in Rögglas neuer Geschichtensammlung tritt das Unmögliche ins Leben der Figuren – doch jetzt bilden sich die Risse in der Oberfläche nicht nur in deren Köpfen. Das Unmögliche ist real oder könnte es zumindest sein, denn so genau weiß niemand mehr, was eigentlich die Realität ist. Überall ereignen sich kleine, stille Aufstörungen von Ordnungen, von Mustern, von Systemen, die einmal als verlässlich galten.

Seltene Metapher

So hat Silvia Kosminski, Hauptfigur in „Das Gebäude“, beim Gang durch ihre Institution den Verdacht, „es wären hier einige DDR-Gebäudereste am Werk“, die ihr das Handeln erschweren und ihre Kollegen gegen sie, die Frau mit Führungsansprüchen, aufbringen. Der historische Ballast wirke untergründig fort als „Bollwerk gegen umsichtige Unternehmensführung“. Das ist nicht metaphorisch gemeint: Silvia Kosminski findet nicht mehr heraus aus dem Gebäude. Nur dank der Unterstützung eines Kollegen entdeckt sie ein Schlupfloch, durch das sie „als ganzer Mensch“ entkommen kann.

Doch Happy Ends sind in Nachtsendung ausgesprochen selten. Die Aufstörungen erweisen sich meistens als nachhaltig. Eher ungewöhnlich für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ist, dass viele der versammelten Stücke ausgesprochen politisch sind. Das hängt auch mit den Milieus der Geschichten zusammen: Es ist die Arbeitswelt des Dienstleistungs- und Konferenzzeitalters, in der die Risse offenbar werden. Ein literarischer Genuss ist so das knapp sechsseitige Stück „Absolutionsgeschehen“, in dem ein Priester des Kapitals Absolution für Mieterrausschmisse und für die Kündigung chronisch Kranker erteilt. Sein Terminplan ist allerdings so voll, dass er aus gesundheitlichen Gründen runterschrauben muss und schließlich durch das Toilettenfenster des Cafés, in dem er arbeitet, verschwindet. „Mit der Stimmung im Viertel ging es seither jedenfalls steil bergab.“

Das scheint emotionslos. Und passt sehr gut zum Stil der Geschichten. Röggla schreibt in einer (aufs erste Lesen) distanzierten, fast dokumentarischen Sprache. Die Hauptfiguren werden mit Vor- und Nachnamen von beobachtenden personalen Erzählern vorgestellt. Dass die formbewusste Autorin aber keinesfalls bieder schreibt, beweist beispielsweise ihr Umgang mit direkter, indirekter und erlebter Rede, die sich mitunter alle in einem Satz verbinden. Auffallend sind auch die bildlichen Ausreißer in der beschreibenden Sprache, die seltenen Metaphern und Vergleiche, so wie in der Geschichte „Bürgerbeteiligung“, in der die Hauptfigur Heinz Conradi plötzlich als Fährmann Charon sein Tagesordnungsfloß über den Styx bewegt. Rögglas Stil schafft mit wenigen Sätzen Nähe und Ferne gleichermaßen. Das ist hochprozentige Literatur. Zu viel davon strengt an. Doch wenn man Maß hält, ist sie ein Genuss.

Info

Nachtsendung. Unheimliche Geschichten Kathrin Röggla S. Fischer 2016, 288 S., 22 €

06:00 09.11.2016

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