Hochzeit mit Putin

Porträt Karin Kneissl ist als Außenministerin Österreichs die Intellektuelle im rechten Kabinett
Hochzeit mit Putin
Als eine von wenigen durfte Kneissl im ORF den Westen für seine bellizistische Politik im Nahen Osten kritisieren

Foto: Joe Klamar/AFP/Getty Images

Seit sie Mitte August mit Wladimir Putin auf ihrer Hochzeit das Tanzbein schwang, kennt sie ganz Europa. Als hochrangige Akademikerin sticht sie aus der Riege der rechts-rechten Koalitionsregierung von ÖVP und FPÖ heraus, deren Personal größtenteils eine gewisse Einfältigkeit aufweist. Dass die parteilose Karin Kneissl Ende 2017 ausgerechnet auf einem FPÖ-Ticket zur Ministerin für Außenpolitik und Integration ernannt wurde, rief allgemeines Erstaunen hervor.

Ihr politisch konservatives Grundgerüst hatte sie bei ihrer langjährigen publizistischen Tätigkeit nie davon abgehalten, gesellschaftskritische Positionen einzunehmen. Als profunde Kennerin des arabischen Raumes wies sie stets auf das bis heute anhaltende zerstörerische Potenzial des Kolonialismus für den Nahen Osten hin, übte harsche Kritik am Zionismus und ließ kein gutes Haar an EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, dem sie Zynismus und Arroganz vorwarf. Beste Voraussetzungen also, um Chefdiplomatin eines kleinen EU-Staates zu werden.

Karin Kneissl wurde 1965 in Wien geboren und verbrachte die ersten Lebensjahre in Amman, wo ihr Vater von König Hussein I. als Pilot engagiert war. Immer wieder sollte sie später in die jordanische Kapitale zurückkehren, schon als sie in Wien, Jerusalem, Washington und Paris Völkerrecht und Arabistik studierte. Kneissl spricht neben Deutsch sechs Sprachen (Arabisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Hebräisch) und ist mithin das Gegenbild der landläufigen Vorstellung davon, wie eine von der FPÖ nominierte Politikerin auszusehen hätte. Die Gründe für einen Karriereknick im Jahr 1998 liegen im Dunkeln. Als aufstrebende Diplomatin schmiss sie eines Tages alles hin und schied im Unfrieden aus dem Dienst. 20 Jahre arbeitete sie als freie Autorin, lehrte als Gastprofessorin in Wien sowie Beirut und wurde als unabhängige Analytikerin des ORF bekannt.

Ihr Gesicht tauchte immer dann auf, wenn es Ereignisse im Nahen Osten zu erklären galt, was wegen der US- und NATO-Kriege häufig der Fall war. Als einer von ganz wenigen erlaubte ihr das Staatsfernsehen, den Westen für seine bellizistische Politik zu kritisieren. „Die Kriege der vergangenen 25 Jahre, die der Westen immer wieder in den Irak hineintrug, wurden stets im Namen des Erdöls geführt“, schrieb sie etwa in dem von Tyma Kraitt herausgegebenen Band Irak im Jahr 2015.

Überraschend tauchte Karin Kneissl dann im Jahr der großen Fluchtbewegung 2015 in der Kronen Zeitung auf, Österreichs Boulevardblatt mit der größten Reichweite. Dort nannte sie Angela Merkels Flüchtlingspolitik „grob fahrlässig“ und erklärte den Exodus der jungen Muslime aus Syrien, Irak und Afghanistan mit einem Überschuss an Testosteron, der in den Zielländern der Migration zu schweren Verwerfungen führe. Diese Analyse dürfte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache gelesen und beschlossen haben, mit Karin Kneissl Kontakt aufzunehmen. Deren Testosteron-Warnung war mit rechtem antimuslimischen Rassismus kompatibel, wiewohl nicht deckungsgleich.

So kehrte Kneissl 2017 als Chefin in jenes Ministerium zurück, das sie 20 Jahre zuvor im Streit verlassen hatte. Geschickt begann sie sogleich, Fäden mit wohlgesinnten Beamten zu spinnen, und griff auf Kontakte in höchste Militärkreise zurück, die sie bei ihrer Lehrtätigkeit an der Landesverteidigungsakademie geschlossen hatte. Zudem konnte sie auf das Wohlwollen der Kronen Zeitung bauen. Der ORF dagegen fühlte sich düpiert und griff sie wegen ihrer FPÖ-Nähe an. Als Chefinterviewer Armin Wolf Kneissl aufs Glatteis führen wollte und fragte, warum sie zwar als Außenministerin wahrnehmbar sei, als Integrationsministerin jedoch überhaupt keine Medienkontakte pflege, rutschte er selbst aus. Ihre diesbezüglichen Stellungnahmen und Interviews in arabischen TV-Sendern wie Al Jazeera konnte der ORF-Mann mangels Sprachkenntnis nicht recherchieren.

Dass es Kneissl nicht nur im arabischen Raum verstand, vorhandene Beziehungen für ihr neues Amt zu nutzen, wurde spätestens am 18. August 2018 klar. Da landeten zwei Maschinen auf dem Flughafen Graz, denen Wladimir Putin und der von ihm als Hochzeitsgeschenk mitgebrachte Donkosaken-Chor entstiegen. Von der Einladung nach Moskau erfuhr die Öffentlichkeit erst drei Tage vor der Trauung mit Kneissls Lebensgefährte Wolfgang Meilinger, als sich Sondereinheiten der Polizei in die Südsteiermark begaben, um dort eine Weinwirtschaft – den Ort der Feier – zu sichern. Nicht einmal Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP), ebenfalls zur Hochzeit gebeten, hatte im Vorfeld etwas von dem hohen Staatsgast mitbekommen. Die Einladung an Putin erging persönlich.

International bestätigte dieser Coup die österreichische Russlandpolitik, besonders jene der Außenministerin. Diese hatte sich schon im Gefolge des Attentats von Salisbury, bei dem am 4. März 2018 der britisch-russische Doppelagent Sergej Skripal vergiftet worden war, geweigert, russische Diplomaten aus Österreich auszuweisen. Kneissl betonte, dass sie nicht einmal in dem Fall, dass eine Täterschaft Moskaus bewiesen wäre, den Rauswurf von Diplomaten sinnvoll fände, da es gerade dann jemanden bräuchte, der Brücken bauen könne. So geht Diplomatie à la Kneissl.

Auch innenpolitisch setzte die Außenministerin mit der Einladung Putins zu ihrer Hochzeit einen Kontrapunkt, nämlich zum früheren Grünen-Chef und heutigen Präsidenten Alexander Van der Bellen. Der hatte im Winter seinen ukrainischen Amtskollegen Petro Poroschenko zum Wiener Opernball eingeladen, was damals international weniger Aufregung verursachte als nun der Besuch Wladimir Putins bei Kneissl.

06:00 02.09.2018

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