Hölle der Löwen

Tierquälerei Netflix drehte eine Kult-Serie über Menschen, die sich im Netz eine Großkatze bestellen und sie als Haustier halten – eine Tortur für die Tiere
Hölle der Löwen

Foto: Sam Panthaky/AFP/Getty Images

Auf den ersten Blick sieht die Bar „Puma Place“ wie eine normale Kneipe aus: Links eine Theke, rechts ein Kicker. Es gibt eine Dartscheibe, schlichte Holztische und -stühle, dunkelgrüne Wände. Die Besonderheit dieses Lokals, das nur zehn Gehminuten vom Prager Hauptbahnhof entfernt liegt, kann man im Außenbereich finden. In einem Gittergang wandelt die Pumadame Kája auf und ab – über den Köpfen der Besucher, neben Biergarnitur und Heizpilz.

Kájas Besitzer erklärt, dass der Puma zehn Jahre alt und vierfache Mutter sei. Mehr will er der Presse allerdings nicht über sein ungewöhnliches Haustier sagen. Seine Lebensgefährtin ist dagegen auskunftsfreudiger: Kája lebe nicht nur im Außenbereich der Bar, sondern habe ein weiteres Gehege sowie einen Raum in der Wohnung des Paares. Dort liege Spielzeug bereit. Allerdings könne der Puma mit quietschenden Hundeknochen nichts anfangen; er zerreiße lieber Papiertüten, die man in Schnellrestaurants zum Mitnehmen des Essens kriegt. Die Großkatze bekomme vor allem Wildschwein und Hirsch zu fressen, erzählt die junge Frau. Ihr Lebensgefährte lege regelmäßig eine Strecke von 100 Kilometern zurück, um qualitativ hochwertiges Fleisch zu kaufen. Er würde Kája lieben. Die Beziehung der beiden sei von Respekt geprägt; es sei nicht so, dass einer der Herr und der andere das „dumme Tier“ sei.

Das Phänomen der privaten Zoobesitzer ist zuletzt durch die Netflix-Serie Tiger King bekannter geworden. Sie erzählt die Geschichte des Privatzoo-Besitzers Joe Schreibvogel alias Joe Exotic, selbst ernannter „Tigerkönig“. Er soll mehr als 1.000 exotische Tiere besessen haben, darunter Dutzende Raubkatzen. Die Serie sorgte in Zeiten des Lockdowns global für Furore.

Mittlerweile sind Großkatzen, die auf dem heimischen Sofa lümmeln, keine rein amerikanische oder tschechische Leidenschaft mehr.

„In Deutschland gibt es eine große Gemeinschaft von Privathaltern“, sagt David van Gennep von der niederländischen Tierschutzorganisation und Auffangstation AAP (Animal Advocacy and Protection). Die Tierschützer haben in den letzten fünf Jahren 22 Großkatzen aus der Bundesrepublik registriert. Die Dunkelziffer dürfte weitaus größer sein. „Es gibt keine genauen Zahlen. Aber ich bin mir sicher, dass Deutschland in Europa unter den Top 5 ist. Vielleicht auf Platz 2 oder 3.“

Afrika in Heilbronn

Es sei schließlich kein Problem, an Tiger und andere Wildtiere zu kommen – man brauche nur Internet. Das zeigt auch die Studie „Endstation Wohnzimmer“ der Tierschutzorganisation Pro Wildlife von 2017. Demnach wechselten zwischen 2010 und 2014 mehr als 10.000 exotische Säugetiere den Besitzer. Sie wurden über die deutschen Internetbörsen exotic-animal.de und terraristik.com verkauft. Darunter waren neben vielen anderen Raubtieren 63 Löwen, 46 Geparden, 44 Tiger und 18 Pumas. Auch Affen, Kängurus oder Stinktiere gehörten zum Sortiment. Insgesamt lag der Marktwert bei mehr als acht Millionen Euro.

Man muss nicht lange suchen, um Beispiele weiterer Tiere zu finden, die wie der Puma Kája bei und zusammen mit Privatpersonen leben. So wirbt das Hotel Park Villa in Heilbronn mit Geparden. Ende 2018 wurde der Puma Tikam in Baden-Württemberg beschlagnahmt. Der Löwe Mojo lebte bei einem Mann in Sachsen-Anhalt. In Russland teilt sich ein Paar mit seinem Puma „Messi“ die Wohnung – und postet auf Instagram Fotos von der Großkatze im Bett, in der Badewanne oder an der Leine. In Frankreich streifte vergangenen September ein entlaufener Panther über die Dächer einer Kleinstadt. Dass die Liaison zwischen Mensch und Wildkatze nicht glücklich enden muss, zeigt ein Beispiel aus dem tschechischen Ostmähren: Anfang 2019 wurde ein 34-Jähriger von seinem Löwen getötet. Der junge Mann besaß zwei Exemplare, die er laut Medienberichten auch in der Öffentlichkeit spazieren geführt hat.

In Tschechien waren 2018 rund 250 Großkatzen in Privatbesitz gemeldet, wie die staatliche Veterinärverwaltung dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mitteilte. 150 seien in Privatzoos untergebracht gewesen. Die Dunkelziffer wird auch in dem Fall höher liegen, da nicht alle Besitzer die Behörden über ihre Raubkatzen informieren.

Den Tieren ist in der Regel kein langes Leben vergönnt: Während beispielsweise Tiger in städtischen Zoos bis zu 20 Jahre alt werden, liegt ihre Lebenserwartung „auf Privatfarmen unserer Erfahrung nach bei nur fünf Jahren“, so die tschechische Umweltinspektion. Ein Grund dürfte sein, dass die Tiere in der Regel nicht artgerecht gehalten werden. Sie würden in kleinen Gehegen leben und hätten zu wenig Bewegung, erklärt David van Gennep. „Es gibt Ausnahmen, aber selten.“

Viele Raubkatzen wären zudem verhaltensauffällig. Löwen etwa sind gesellige Tiere, sie leben in Rudeln – für die meisten Privathalter wäre es aber schier unmöglich, 15 der Tiere zu beherbergen. Also werden sie einzeln gehalten. „Dabei brauchen sie Kontakte, das ist wie beim Menschen. Soziale Wesen brauchen einen sozialen Kontext.“ Es dauere dann lange, die Tiere wieder an ihre Artgenossen zu gewöhnen und umgekehrt. „Sie haben nicht gelernt, sich angemessen zu verhalten. Würde man sie direkt mit anderen in einem Gehege unterbringen, bestünde die Gefahr, dass sie einander töten.“

Schmusen oder Fressen

Der größte Fehler sei, dass die Menschen sich keine Gedanken darüber machten, dass aus kleinen Katzen irgendwann große werden. „Die Leute sehen ein Jungtier im Internet, das schön aussieht – und das nicht allzu viel Geld kostet.“ So war im Juli dieses Jahres ein kleiner afrikanischer Serval für 3.200 Euro im Netz inseriert. Einen jungen Karakal, auch Wüstenluchs genannt, gab es zum gleichen Preis.

Mit denen hätten die Leute dann ein halbes Jahr Spaß, sagt van Gennep. „Man kann mit ihnen vor den Nachbarn eine Show abziehen.“ Doch dann wird aus der kleinen Schmusekatze ein gefährliches Raubtier, das noch dazu fünf bis sechs Kilo Fleisch am Tag verzehrt. „Das wird teuer“, konstatiert der Tierschützer. Die Freude der Besitzer verfliege dann schnell. Daher würden viele vermeintliche Liebhaber ihre große Katze wieder loswerden, um sich erneut ein Tierbaby zuzulegen.

Eine unzureichende Gesetzeslage macht all das möglich. So gibt es in Deutschland keine bundeseinheitliche Regelung zum Umgang mit giftigen oder gefährlichen Tieren. Die Bundesländer reglementieren den Kauf oder Besitz unterschiedlich oder gar nicht. Ob die Exoten artgerecht gehalten werden, ist laut der Tierschutzorganisation Pro Wildlife kaum überprüfbar – da auch hier keine bindende Reglung besteht. „Es ist schwierig für die Behörden, weil es viele Grauzonen gibt“, sagt van Gennep. Halter würden diese ausnutzen. Zumal nicht einmal klar ist, wie viele Exoten nun in deutschen Haushalten leben. Der Unteren Naturschutzbehörde München waren Ende 2019 zwar „zirka 3.000 private Halter geschützter Exemplare bekannt“ – gleicht man diese Liste allerdings mit der Buchführung der dortigen Zoogeschäfte ab, kann man davon ausgehen, dass „nur etwa jedes zehnte artengeschützte Wirbeltier angemeldet wird.“

In Tschechien ist das Thema stärker in die Öffentlichkeit gerückt, nachdem Zollfahnder im Juli 2018 einen toten Tiger, Felle und Krallen bei einer Razzia gefunden hatten. Die Behörden vermuten, dass die Tiere der Produktion asiatischer Heilmittel zum Opfer gefallen sind. Der Vorfall zog auch eine Debatte über eine Gesetzesänderung nach sich. Die sollte zunächst im Frühjahr in Kraft treten. Mittlerweile hofft das tschechische Landwirtschaftsministerium darauf, dass die Änderung ab Anfang 2021 gilt. Halter müssten dann mit einer Qualifikation nachweisen, dass sie die Tiere pflegen können – oder sicherstellen, dass eine qualifizierte Person dies tut. Es soll dann auch nicht mehr möglich sein, mit seinen Wildkatzen in der Öffentlichkeit spazieren zu gehen.

Pro Wildlife gehen solche Änderungen nicht weit genug. Die Tierschutzorganisation fordert eine Positivliste, wie sie in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden eingeführt wurde. Arten, die nicht auf der Liste stehen, dürfen privat nicht gehalten werden. „Wenn man wirklich etwas für die Tiere tun will, braucht man solch eine Liste“, meint David van Gennep. Das sei auch besser für das gesellschaftliche Leben.

„Ich würde meine Kinder nicht gerne draußen spielen lassen, wenn ich weiß, dass nebenan ein Löwe lebt.“

Claudia Wiggenbröker arbeitet als freie Journalistin im Rheinland. Häufig drehen sich ihre Geschichten um Wirtschafts- und Wissenschaftsthemen

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06:00 07.09.2020

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