Hoffentlich gefällt es meinem Sohn!

Rockmusik Bob Dylan kam gleich für drei Abende ins Berliner Tempodrom. Impressionen vom ersten Auftritt
Michael Angele | Ausgabe 44/2013
Hoffentlich gefällt es meinem Sohn!
Foto: Christopher Polk/ Getty Images Entertainment

Ich muss vorab sagen, dass ich kein „Dylanologe“ bin. Wollte einfach die Gelegenheit ergreifen, eine Legende zu erleben (die Nachricht von Lou Reeds Tod kam später, vielleicht hätte man dann das Konzert noch mehr in dieser Stimmung verfolgt). Und so kam es auch. Da spielte eine living legend mit einer Begleitband in feinen Anzügen hochwertige Rocksongs. Die Bleuchtung war spärlich, das Ganze wirkte wie eine kunstvoll vergilbte Fotografie. Fehlte nur ein Rahmen, und man hätte sich den Gig an die Wand hängen können.

Etwas gediegen langweilig war es also schon, dieses Konzert, von dem ich nicht weiß, das wievielte es war, das Dylan in Berlin gegeben hat. Dylanologen wissen so etwas natürlich. Da ich gar nicht erst versuchen möchte, in dieser Liga mitzuspielen (und die Anzahl zu googlen), sollen hier ein paar Beobachtungen zum Publikum mitgeteilt werden, die ich in der knapp halbstündigen Pause von meinem Sitzplatz aus machte – die Journalisten wurden in der ersten Reihe Oberrang plaziert. Den professionellen Dylanologen identifizierte man natürlich leicht: großer, hagerer, etwa 60-jähriger Mann mit Nickelbrille und ehrenwert ergrautem, noch vollem Haar. In seinem Nebenberuf ein Gymnasiallehrer, der vor langer, langer Zeit die Songtexte von Dylan für den Englischunterricht miterschlossen hat.

Gab auch das gut gebaute Paar Mitte 50, Mann und Frau im gleichen T-Shirt, auf dem die Daten einer Dylan-Tour durch die USA Ende der achtziger Jahre aufgedruckt waren. Gab aber auch ein lesbisches Pärchen mit großen Bierhumpen, das optisch eher bei den Meteors zu verorten war, aber schon passte, da viele Songs Rockabilly-Anklänge hatten. Und zu beobachten war der Schauspieler Christian Berkel, wie er an der Bar für sich, seinen Kumpel und zwei Jungen, seine Söhne vermutlich, etwas zum Trinken bestellte. Der eine Junge, strahlend, sah aus wie der Kinderdarsteller von Farin Urlaub. Berkel trug eine Wollmütze und war höflich zur Bedienung (am Samstag sollte ich in der Literarischen Welt seinen feinen Artikel zu Marcel Proust lesen).

Eine Geschmacklosigkeit

Auch andere reife Väter waren mit ihren Söhnen gekommen. Sie vermittelten das Gefühl „Sohnemann, gleich wirst du meinen alten Helden hören und sehen, äußerlich strahle ich, aber insgeheim fürchte ich mich davor, dass du, mein Sohn, der du einen grauenhaften Musikgeschmack hast, ihn nicht mögen könntest“.

Vor der Halle spielten ein paar Straßenmusiker Dylan-Songs. Die Halle ist ja in Wahrheit ein in Stein gegossenes Zelt, eine Monumentalisierung des alten Zelts, welches das Tempodrom war, bis es dem Neubau des Kanzleramts weichen musste. Passte also recht gut, außer dass das Tempodrom eine weitere Berliner Geschmacklosigkeit ist, wogegen der Auftritt von Dylan fast zu geschmackvoll war. Am besten hat mir „Forgetful Heart“ von 2009 gefallen, wie der Meister überhaupt fast nur neuere und neueste Songs spielte und das Frühwerk, das seine Legende begründete, links liegen ließ.

„Blowing in the Wind“ sei allerdings „auch in diesem Konzert“ als Rauschmeißer zum Einsatz gekommen, las ich anderntags in der Morgenpost. Ich war in diesem Moment schon wieder in der klaren, recht milden Berliner Nacht, habe aber das Konzert nicht vorzeitig verlassen, um dereinst die Enkelkinder mit der ihnen vermutlich eh nichts mehr sagenden Ankedote „Wie ich einmal ein Dylan-Konzert vorzeitig verließ“ zu langweilen. Eine Erkältung war schuld.

 

06:00 13.11.2013

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