Hoffnung für Nahobst

Nicht in Berlin Alle reden von der Essbaren Stadt. Unser Autor hat Appetit bekommen und sich durch Leipzig gekämpft
Tobias Prüwer | Ausgabe 33/2015 1

Ein dichtes Gebüsch am Spielplatzrand auf dem Körnerplatz, südlich der Leipziger Innenstadt. Um uns herum beobachten Eltern ihre Kinder, wir suchen Mirabellen in den Sträuchern. Statt gelber Zwetschgen leuchten dort rote, pralle Johannisbeeren. Unsere erste Ernte.

Den Hinweis auf die Mirabellen haben meine Begleitung und ich von der digitalen Obsterntekarte auf frucht-bar.org. Sie zeigt zehn Orte im gesamten Stadtgebiet, an denen man diese Früchte findet. Die Webseite wurde 2011 von einer Projektgruppe ins Leben gerufen, die unter dem Namen „Expeditionen ins Connewitzer Holz“ den Stadtbewohnern Naturschutz und Umweltverständnis näherbringen möchte. Das kann mit dem Bau eines Nistkastens geschehen oder während einer Nachtwanderung. Bei solchen Expeditionen ist dann häufiger die Frage aufgetaucht, welche der nebenbei gesichteten Pflanzen sich essen lassen und welche nicht. So kam es zu der Obstkarte, die etwa 23 Sorten listet, von Apfel über Mahonie bis zur Berberitze. Je nach Saison lassen sich individuelle Routen erstellen, es werden sogar geführte Touren angeboten. Wir ziehen den Selbstversuch vor.

Von der gründerzeitlich geprägten Südvorstadt wollen wir uns zu Fuß bis in die kleinstädtisch wirkende Peripherie nach Dölitz (Luftlinie sechs Kilometer) durchschlagen, dort soll es Brombeeren geben. Schon bei der Planung unserer Wanderung sind Erinnerungen an den Pflaumenbaum im Kindergarten und die Kirschen in Nachbars Garten wachgeworden.

Schweizer Pionier

Schnell spüren wir, dass wir uns zeitlich verschätzt haben, wir klappern an einem halben Tag nur zwei Stadtteile ab. Denn wir sehen in den Grünanlagen das Obstgehölz vor lauter Bäumen nicht, dabei ist die Karte recht genau, verschiedene Icons lokalisieren das Vorkommen bestimmter Obstsorten eindeutig. Leipzig ist die Hauptstadt der Kleingärtner – und die Selbsternte der neue Auswuchs des Urban Gardening.Nach der Renaissance der Laubenpieper (hier wurde vor gut 150 Jahren der erste deutsche Schrebergarten angelegt) und der Verbreitung kollektiver Nachbarschaftsgärten wirkt das selbstgepflückte Obstessen wie eine Erweiterung der Stadtgrünbewegung. Immer mehr regionale Erntekarten entstehen, die Webseite mundraub.org zeigt sogar bundesweit Fundstellen an. Stark befeuert wurde die Idee des Selber-Erntens von einem Buch, Essbare Stadt von Maurice Maggi (2014).

Darin stellt der Schweizer Koch und Landschaftsgärtner Gerichte vor, die er mit Pflanzen vom Wegesrand zubereitet. Er verwendet vor allem Wildkräuter. Auf die Idee, nach ihnen zu suchen, kam er, als er sich fragte, wie sich Menschen vor 200 Jahren ernährt haben, wie sie überleben konnten. Maggi entdeckte Löwenzahn, Brennnesseln und Bärlauch, fand heraus, dass die einen sehr hohen Mineral- und Vitamingehalt haben, und verwendete die Kräuter als Koch zunehmend selbst. Er will mit ihnen auch das Zürcher Stadtbild verändern, geht oft im öffentlichen Raum ernten oder nutzt die Flächen, um selbst Kräuter anzupflanzen.

Mittlerweile hat sich die Idee einer Essbaren Stadt auch in Deutschland verbreitet, in Kassel, Bayreuth und etwa 20 weiteren Städten. In Andernach, einer Kommune nördlich von Koblenz, schlägt man sogar Kapital aus dem Konzept. Touristen strömen in Bussen in die Essbare Stadt, um sich deren selbst angelegte Gärten anzusehen, Kongresse werden veranstaltet. In Andernach ist das Prinzip Urban Green ein Wirtschaftsfaktor.

Dieses Ostseegefühl

Wir fahnden derweil in Leipzig weiter nach einem Mirabellenbaum, den wir dann doch noch entdecken. Er ist sogar reich behängt. Auf dem Boden liegen schon faulende Früchte, eigentlich könnte sich jeder Passant ein paar mitnehmen. Doch selbst an kommunalem Besitz darf man sich nicht einfach vergreifen, das Entwenden von Lebensmitteln ist immer noch schlicht Diebstahl. Die Frucht-Bar listet daher nur die Standorte, deren Besitzer ihr Einverständnis geben. Kennt man einen Standort, der auf der Seite nicht verzeichnet ist, kann man ihn dort melden. Der entsprechende Eigentümer wird dann von Frucht-Bar kontaktiert und um Ernteerlaubnis gebeten.

Die bierseligen Männer gegenüber dem Amtsgericht in der Südvorstadt schauen uns ein bisschen irritiert beim Felsenbirnenkosten zu. Jetzt registrieren sie, dass auf dem Grünstreifen zwischen imposantem Gerichtsgebäude im Neorenaissance-Stil und Plattenbauten solche Früchte wachsen. Connewitz dagegen ist für die Leser der Leipziger Volkszeitung eine No-go-Area. Das Quartier wird meist nur mit Autonomen, Krawallen und Hundekot assoziiert. In das Viertel mit seinen Antifa-Graffiti und Fanbekundungen für den Fußballverein Roter Stern kommt man wegen seiner Subkultur, an Ernte dachte man beim Wort Connewitz bisher nicht. Neben dem Streetballplatz an der zentralen Kreuzung entdecke ich als Ziergewächse gedachte Sanddornbüsche. Die umstrittene Videoüberwachungskamera hat mich sofort im Blick, als ich einige Früchte von der stachligen Pflanze zupfe. Der Backsteinbau der Kulturfabrik Werk II blinkt in der Sonne, von weitem sehe ich die Punks vor dem Rewe, während mich der Sanddorn an die Ostsee erinnert. „Pflücken Sie die Hagebutten?“, fragt ein mittelalter Mann, als wir in der Nähe seines Hauses ernten. Als wir ihm von unserem Obsttrip erzählen, wirkt er überrascht. „Ist eine gute Idee. Sonst würden die Dinger ja nur am Boden vergammeln.“

Dieses Herumstreifen auf der Suche nach Obst verändert auch die Art, wie man den öffentlichen Raum wahrnimmt, man kann seine Stadt neu erobern. Ich habe das in letzter Zeit mehrmals ausprobiert: Was früher ein Gebüsch am Car-Sharing-Parkplatz war, ist nun ein Holunderstrauch, der liefert die Basis für die Marmelade im Winter. Und aus den Johannisbeeren am Spielplatz zaubere ich einen Likör.

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06:00 26.08.2015

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