Hoffnungsvoll und treu

Kommentar Polen und der rot-grüne Aufguss

Die Weichsel blieb glatt wie ein Säuglingspo, als es nach den ersten Hochrechnungen danach aussah, als werde die rot-grüne Koalition ihr Regierungsmandat in dem für Polen wichtigsten Land Europas verlieren. Die Honoratioren gaben sich umgehend staatsmännisch: mit jeder Regierung in Berlin werde Warschau gutnachbarschaftlich zusammenarbeiten.

Präsident Kwasniewski hatte zuvor schon die Devise ausgegeben, Deutschland bleibe in jeder Regierungskonstellation berechenbar. Der Grund für diese Selbstermutigung liegt auf der Hand: Polen erwartet vom baldigen EU-Gipfel in Kopenhagen definitive Entscheidungen darüber, wann genau der Beitritt zelebriert wird - Schröder wie Stoiber waren als Kronzeugen dafür vereinnahmt, dass es keinerlei Verzögerungen mehr gibt. Dies gilt um so mehr, als der fast bedingungslose Pro-Amerikanismus der sozialdemokratischen Regierung von Premier Miller gern als indirekte Aufforderung an den deutschen Partner firmiert, sich nicht zu anti-amerikanisch darzubieten. Deutschlands politische Eigenständigkeit rufe so manches in Erinnerung, deutet der Präsident zuweilen mit einem ins Historische greifenden Unterton an.

Am Montagmorgen landete dann die Zeitung Rzeczpospolita - wie man auf Polnisch sagt - mit der Hand im Nachttopf. Als einziges Blatt vermeldete sie den "Sieg der Christlichen in Deutschland", dazu das Foto eines strahlenden Stoiber als Aufmacher. Kommentar: "Deutschland auf Rechtskurs, Europa schreitet weiter in diese Richtung!" Genau das hatte sich ein großer Teil der "politischen Klasse" Polens sehnlich gewünscht. Adenauer-Enthusiast Janusz Reiter, erster Botschafter in der Bundesrepublik nach 1989 und bis heute diensthabender Deutschlandkenner Warschaus, wusste dann auch sofort, als die Würfel anders gefallen waren, in Berlin werde mit Rot-Grün nur ein schwaches Kabinett amtieren und nicht lange durchhalten. Diese Prognose durfte selbstverständlich nicht abgegeben werden, ohne zugleich die "pazifistische, anti-amerikanische Stimmung in der deutschen Bevölkerung" ausdrücklich zu bedauern, die durch ernsthafte Fehler Schröders hervorgerufen worden sei. Zur gleicher Stunde konferierte nämlich in Warschau US-Verteidigungsminister Rumsfeld mit der polnischen Regierung über die Aufstellung einer 20.000 Mann starken internationalen Einheit, die "zu schnellsten Antworten" auf den globalen Terrorismus fähig sein soll. Als sich Rumsfeld der Presse stellte, fiel ihm auf die Frage nach den deutsch-amerikanischen Beziehungen zuerst nichts ein, er schwieg eine Weile bedeutungsvoll und sagte dann, die deutsche Wahlkampagne habe die Beziehungen Berlin-Washington vergiftet. Marek Siwiec, Sicherheitsberater von Präsident Kwasniewski setzte stolz dazu: "Polen steht treu zu seinem großen Freund". Damit war Amerika gemeint.

00:00 27.09.2002

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