Hofnarren der Economy

Showtime Politiker haben immer weniger zu entscheiden - und kompensieren dies zunehmend mit effektheischenden Auftritten vor den Fernsehkameras

Seine Logik hat es schon, dass Politiker nun auch über die Posten der Talkmaster bestimmen wollen. Dass sie die Richter unserer höchsten Kammern festlegen und über die Intendanten wie manch andere Leitungsfunktion in Sendeanstalten, inzwischen auch - wie in Bayern - über ihnen genehme Fussballreporter entscheiden, wissen wir seit langem. Nun also rücken die Ringrichter der politischen Boxarenen in ihr Blickfeld - wie beim MDR, dem der thüringische Ministerpräsident die Bestellung Gregor Gysis zum Talkmaster ausreden wollte. Bernhard Vogel genügt nicht die Fernbedienung zum eigenen Gebrauch; er möchte sie stellvertretend für das ganze Zuschauervolk handhaben. Aber - wie gesagt - das hat seine Logik, ist doch die Talkshow mehr und mehr zum allseits bevorzugten Ort politischen Debattierens geworden.

Kein Abend vergeht, an dem sich nicht irgendwo auf dem Bildschirm die Münder öffnen; was sie hervorbringen, nähert sich inzwischen oft dem Niveau der Nachmittagsrunden der Privatsender. Manche Talkshows, wie die Elefantenrunden der Sabine Christiansen oder der Maybritt Illner, bemühen sich wenigstens noch um gefällige Wortdressur, rutschen aber dennoch oft in niedrigstes Keif- und Zank-Niveau ab. Einige sind von vornherein als Hahnenkämpfe angelegt, bei denen ein Moderator wie zum Beispiel Michel Friedman seine vorrangige Aufgabe darin sieht, die Kontrahenten durch gezielte Stiche in die Weichteile so zu reizen, dass zumindest verbal alsbald Blut spritzt.

Und doch, die Politiker reißen sich um die "heißen Stühle" oder "roten Sofas" in den Studios, klagen sich gar ein, wenn sie den Proporz verletzt wähnen, leiden unter Nichtbeachtung. Auf den Homepages der Parteien werden die Auftritte der eigenen Größen stolz angekündigt, nicht hingegen ihre Reden in Bundestagsdebatten.

Nun kündigt sich bereits eine neue Stufe dieses Politainments an. Dessen Darsteller scheinen im Begriff, die Kunstwelt der Studios zu verlassen und deren Inszenierungen ins eigene Haus zu holen - vorausgesetzt, die Kameras folgen ihnen. Da diese das aber nur tun, wenn die Show nach ihren Gesetzen abläuft, arbeitet man intensiv daran, die parlamentarischen Geschäftsordnungen dem Fernsehgeschäft anzupassen.

Also negierte Roland Koch die abgeklärte Atmosphäre des vornehmen Ministerpräsidentenklubs Bundesrat und trommelte zwar noch nicht mit dem Schuh, aber doch schon mit der flachen Hand auf den Tisch. Im heimischen Landtag in Wiesbaden begnügt er sich längst nicht mehr mit dem Trommeln, wie erst vergangene Woche zu beobachten war; hier schießt er Pfeile ab, die auch von einem Jürgen Möllemann hätten kommen können. Aus dem Vermittlungsausschuss zwischen den beiden Parlamentskammern, leider noch nicht öffentlich, traten immerhin schon die Hauptdarsteller, derzeit die Wahlkämpfer Koch und Gabriel, heraus, um - antiken Chronisten gleich - das Ringen zu schildern und unter gebührender Berücksichtigung der eigenen Rolle zu kommentieren. Untersuchungsausschüsse mussten bisher der direkten Fernsehöffentlichkeit entbehren, doch auch hier hatte sich das Berichtswesen rapide entwickelt, und beim Spendenausschuss des Bundestages gewann man bald den Eindruck, zumindest die großen Parteien hätten ihre Obleute weniger nach Sach- als nach Medienkompetenz ausgewählt.

Das neue Gesetz über Untersuchungsausschüsse lässt die Fernsehübertragung ausdrücklich zu, sofern die Beteiligten einverstanden sind. Werden sie? Roland Koch, dem die SPD bereits eine Ladung androhte, obwohl der von der Union formulierte Ausschussauftrag allein gegen die Regierung zielt, hat bereits freudig zugestimmt. Und zumindest die Öffentlichkeitsarbeiter des Politapparats werden ihm folgen, bietet sich doch hier eine Bühne an, auf der - wie zumeist auch im richtigen Theater - zwar nicht die dringenden Alltagsprobleme des Publikums verhandelt werden, auf der sich aber trefflich chargieren lässt. Dort wird man von heiliger Empörung bis zu aufbrausender Ungeduld alles erleben, was die darstellende Kunst zu bieten hat, und die Union hofft gar auf den einen oder anderen spektakulären Bühnentod - Hauptsache, im richtigen Moment. Also kurz vor den Wahlgängen in Hessen und Niedersachsen. Daher hat sie, als die SPD Zeugenaussagen des Kanzlers und des Finanzministers noch in diesem Jahr anbot, damit deren Wirkung im weihnachtlichen Kerzenlicht verblasse, erst einmal die Einsetzung des Ausschusses verzögert und sieht nun die SPD mit dem gleichen Bemühen, durch das die brisanten Auftritte nach dem Wahldatum terminiert werden sollen, "am Randes des Verfassungsbruchs".

Der politische Ort wird zur Showbühne. Gewiss hat es im Bundestag schon immer zugespitzte und nicht selten auch unterhaltsame Debatten gegeben, aber - so räumt sogar die Welt voller Wehmut ein - das Hohe Haus war doch "nicht Etzels Saal, nicht die Arena permanenten Nachwahl- und Vorwahlkampfes, sondern Wettkampfstadion der Ideen". Jetzt aber löst sich die darstellerische Attitüde vom Inhalt, dominiert in - nicht einmal guter - Comedy-Manier das Inszenatorische den Text. Ideen verschwinden hinter Gesten - wohl auch deshalb, weil diese einfacher vorzuführen als jene durchzusetzen sind.

In einer Welt, wo sich das Politische immer mehr dem Ökonomischen unterordnet, werden Politiker zu Hofnarren dieser die Politik determinierenden Economy. Nicht einmal ihre Erklärungs- und damit Kanalisierungsfunktion wird noch wirklich gebraucht. Die globalisierte Wirtschaft erklärt sich aus sich selbst und kanalisiert - wenn nötig, mit Brachialgewalt. Viele Politiker erfahren immer schmerzlicher ihre Hilflosigkeit - so wenn sie etwa dem Hartz-Konzept einen sozialen Akzent hinzufügen wollen und erleben müssen, wie der Zug um Zug wieder wegretuschiert wird. Oder wenn ein Bundeskanzler die Nichtteilnahme am Irak-Krieg proklamiert und diese Position Schritt für Schritt räumt, sobald aus der allgemeinen Absicht konkretes Handeln werden soll. Die Folge der Ohnmacht ist eine torkelnde, unstete Politik ohne klaren Weg oder gar ein überzeugendes Ziel. Die Lösungssuche wird in Expertenrunden delegiert, bei deren Mitgliedern oft unklar bleibt, wem sie sich eigentlich verantwortlich fühlen. Politiker, gleich ob regierend oder opponierend, scheuen die Mühe, langfristig zu denken, Visionen zu entwickeln und von da aus an Konzepten zu arbeiten. Sie schnappen nach dem Tageserfolg und sehen den oft schon im gelungenen Fernsehauftritt. Weshalb in diesen mitunter mehr investiert wird als in die Suche nach politischen Entwürfen.

Damit aber geben sich die Politiker selbst auf, wie große Teile ihres Publikums wandeln sie auf dem Boulevard des leichten Lustgewinns, des kurzlebigen Erfolgs und überlassen das Feld seelenlosen Optimierungsprozessen und ihren geschäftigen Nutznießern. Zwar reden sie seit Jahr und Tag davon, dass die ökonomische Globalisierung der politischen Gestaltung bedarf, doch der eigene Beitrag reduziert sich mehr und mehr auf theatralisches - und damit folgenloses - Rollenspiel im mediengerechten Showgeschäft.

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00:00 20.12.2002

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