Höhere Tochter und Legionär

Waldtraut Lewins Roman "Mond über Marrakesch"

Eine Postkarte: "Mond über Marrakesch". Einziges Lebenszeichen von Sidonies Eltern. Sidonie, Ritas Stiefmutter, die zweite Frau ihres Vaters, eines Kommerzienrates und Bankers, ist Jüdin. Die Ehe besteht seit 1933 nur noch auf dem Papier. Rita, siebzehn, ist, nach den Nürnberger Rassegesetzen, Halbjüdin.

Die beiden, die sich ausgezeichnet verstehen, leben zurückgezogen in Berlin. Der Banker wohnt seit einem halben Jahr als Repräsentant seiner Bank in der Schweiz. Es ist Frühling. Mai 1940. Ein Brief: Ritas Vater hat seine Ehe für nichtig erklären lassen. Damit ist Sidonie allen Schutzes beraubt. Rita aber will der Vater zu sich in die Schweiz holen.

Angst, Trotz und Mut: Rita will sich nicht von Sidonie trennen, selbst nicht, wenn sie abgeholt würde. Die beiden schmieden einen Plan. Rita kennt Nummer und Kennwort vom Banksafe ihres Vaters, kommt an Bargeld, Schecks, Schmuck und Rohdiamanten. Der Vater erfährt schnell davon. Sidonie wird in der Nacht vor der geplanten Flucht abtransportiert. Rita klammert sich an Sidonie, wird brutal von ihr getrennt, mit dem Kopf an die Wand geschlagen. Sie muss sich, mit Gehirnerschütterung, allein auf die Reise machen. Sie will nach Marrakesch. Das ist sie Sidonie schuldig.

Eine zügige Exposition. Waldtraud Lewin, geboren 1937, in der DDR eine bekannte Autorin, versteht ihr Handwerk. Nach Jahren als Operndramaturgin und -regisseurin schreibt sie seit 1977. Allein bei Ravensburger sind sechzehn Bücher von ihr erschienen. Mond über Marrakesch ist ihr neuestes Jugendbuch.

Nach einer abenteuerlichen Reise landet Rita in Straßburg und lernt dort Gabriel kennen, einen Deutschen. Der zwielichtige Mittdreißiger, der sich als Schieber und Schwarzhändler betätigt, kümmert sich um das erschöpfte Mädchen. Kommt hinter das Geheimnis ihrer Diamanten, findet den Amethyst, der Sidonie gehörte. Auch er muss sich aus Straßburg absetzen. So schließen die beiden einen Deal: Diamanten gegen falschen Pass und Aufenthaltsgenehmigung. Aber dann müssen sie weg, die Deutschen sind soeben in Holland, Belgien und Luxemburg einmarschiert, das ungleiche Paar macht sich auf die Flucht.

Wenn dies ein Film wäre, müsste man von einem Road Movie sprechen. Einem Road Movie mit ansteigender Spannungskurve und dramatischen Ereignissen, mit Atempausen und wenigen komischen Einlagen. Mit zwei Hauptfiguren, deren Gegensätze sich Lewin geschickt zunutze macht: die (jedenfalls früher) verwöhnte "höhere Tochter", wie sie sich selbst nennt, und der Widerstandskämpfer und spätere Fremdenlegionär, der wegen seiner Herzkrankheit entlassen wurde. Ein "odd couple" der besonderen Art, wie, sagen wir, einst Katherine Hepburn und Humphrey Bogart. Und natürlich bricht irgendwann auch die große Liebe aus zwischen Katze und Hund.

Das alles ist sehr überlegt gesetzt. Das Buch ist bis ins kleinste Detail durch-, wenn nicht überkonstruiert. Eine gnadenlose Zufallsdramaturgie kommt schließlich durchaus logisch auf den Punkt. Immer hart an der Grenze zur Kolportage, ohne große literarische Ambition, lässt Lewin kaum etwas aus. Die Balance hält sie aus mehreren Gründen. Sie bettet ihre Geschichte historisch genau ein, sie vermeidet jede Sentimentalität und sie bedient sich eines erzählerischen Tricks, der eine reizvolle Distanz schafft: Sie lässt Rita und Gabriel abwechselnd die Geschehnisse erzählen, was wechselseitige Charakterisierung ermöglicht. Das Ganze im Präsens. In diesem Fall gelingt tatsächlich Vergegenwärtigung. Das Buch liest sich wie ein ausgeschriebenes Drehbuch.

Waldtraut Lewin: Mond über Marrakesch. Ravensburger, Ravensburg 2003, 288 S., 13,95 EUR


00:00 05.12.2003

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