Hohn der Angst

Analyse einer Absage "Barebacking" ist schwuler Sex ohne Kondom. Für die einen ein Akt der Verzweiflung, für andere der ultimative Kick

2.600 Personen infizierten sich nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in Deutschland 2005 neu mit HIV - das bedeutet einen Anstieg der Neuinfektionen um etwa 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Hauptbetroffenen sind mit über 70 Prozent Männer, die Sex mit Männern haben. In diesem Zusammenhang wird oft "Barebacking" diskutiert. Die Gruppe, die es betrifft, ist mit vermutlich ein bis zwei Prozent der Schwulen recht gering. Das Phänomen selbst aber spricht für eine neue Lust an Selbstdestruktion.

Ursprünglich bedeutet das Wort "Bareback" "Reiten ohne Sattel" und ist der sinnlich-verschwitzten Welt der Rodeoreiter entlehnt. Nicht von ungefähr kommt es dann, dass eine der heißesten Partys in den Schwulenszenen von Hamburg und Berlin "Fickstutenmarkt" heißt. Männer, die Lust auf Sex haben, stellen sich zunächst die Frage, ob sie "Hengst" oder "Stute" sein möchten. Zuerst werden die Stuten in den Raum geführt und von helfenden Stallknechten ausgezogen und dann wird ihnen ein Baumwollsack über den Kopf gestülpt. Ist er weiß, bedeutet es, dass der passive Mann als Stute Sex mit Kondom wünscht. Ist er rot, ist es ihm egal. Danach werden sie an den Händen gefesselt und angeleint. Anschließend kommen die Hengste in den Raum, suchen sich eine Stute und es kommt zur "Deckung". Wichtige Regeln sind, dass die Stuten den Hengsten keinen Wunsch abschlagen dürfen und dass der Baumwollsack zu keiner Zeit entfernt wird. Erst nachdem der letzte Hengst den Raum verlassen hat, dürfen sich die Stutenmänner die Sichtblenden abnehmen.

Nun kann man(n) über solche Partys geteilter Meinung sein. Und mit Sicherheit zieht die Mehrheit der Schwulen einen netten Abend mit Freunden einer Nacht im Stall vor. Aber es bleiben Fragen: Sind alle, die diese Party als HIV-negative Männer begonnen haben, es hinterher auch noch? Hat sich vielleicht sogar jemand vorsätzlich infiziert?

Szenenwechsel. Sagen wir Oslo. Irgendwo in der Stadt wird eine Party organisiert. Es treffen sich mehrere Männer aus Norwegen und Schweden. Sie ziehen sich aus. Dann kommt es zum Sex. Grundregel hier: ohne Kondom. Mindestens einer, so wissen alle, ist HIV-positiv. Der Kick hierbei: Vielleicht ist es gerade der Mann, mit dem du in diesem Moment Sex hast, der positiv ist. Eine wahre Geschichte. "Das Spiel mit Aids", entrüstete sich die Welt seinerzeit. Aber Moral, sagte schon Marx, ist "eine Art Kritik, welche die Gegenwart zu be- und verurteilen, aber nicht zu begreifen weiß".

Moral oder Doppelmoral helfen also nicht, wenn man verstehen möchte, warum sich zum Teil sehr junge Männer fahrlässig oder vorsätzlich mit dem HI-Virus infizieren. Einen ersten Erklärungsansatz bietet wohl die sinkende Angst vor einer Aids-Erkrankung. Während eine Infektion in den achtziger Jahren das sichere Todesurteil bedeutete, leben heute manche Betroffene schon über 20 Jahre mit dem positiven Immunstatus. Seit 1996 existieren zuverlässigere Medikamente, die in einer euphemistisch als "Cocktail" verabreichten Kombination die Erkrankung zwar blockieren, aber das Virus bis heute weder heilen noch aus dem Körper entfernen können. HIV-positiv zu sein - so informiert die Internetseite deutschland.hiv-facts.net - ist trotz der heutigen Behandlungsmöglichkeiten immer noch eine ernste Sache. Die HIV-Infektion ist eine schwere chronische Erkrankung, deren Behandlung das Leben häufig stark beeinträchtigt, auch durch die Nebenwirkungen. Bei längerer Einnahme der Medikamente können schwere Folgeschäden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leber- und Nervenschädigungen. Neuere Untersuchungen, so ein Fachmediziner, hätten gezeigt, dass es als Folge vereinzelt auch zu Darmkrebs kommen kann. Aber nur ein Drittel der über 16-Jährigen hält Aids laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für eine schwere Erkrankung.


Aids in den Medien, das ist wie das Ritual des Adventsgestecks: Mitte November wird es ausgepackt, überall sieht man für eine Weile rote Schleifchen und nach Weihnachten ist es wieder gut, und beide, der Kranz und die Krankheit, werden für elf Monate eingemottet. Blättert man in den schwullesbischen Magazinen der Großstädte, strotzen diese vor jungen, muskelgestählten Kerlen, hart an der Softpornogrenze. Eine Ausnahme bilden allenfalls vereinzelte Todesanzeigen oder die ganzseitigen Annoncen der Chemiekonzerne, die eine kuschelige Homezone abbilden, wo ein Mann seinem offenbar HIV-positiven Freund schützend den Arm um die Schulter legt. Das Leben als Positiver kommt in der Werbung mit viel Geborgenheit daher.

Stark fällt immerhin eine Anzeige ins Auge, die Anfang des Jahres gleich in mehreren Blättern ein krankes schwarzes Mädchen abbildete, das in die Kamera lächelt - ein Fotowettbewerb zum Thema HIV/Aids, bei dem ein Pharmakonzern der Hauptsponsor ist. Ungewollt zeigt das Foto einen weiteren Grund, weshalb vor allem junge Menschen die Gefahr einer Infektion nicht mehr in Deutschland verorten: Aids findet für viele in Afrika statt. Gegen die düsteren Zahlen von Millionen von Neuinfektionen auf dem Subkontinent nehmen sich die neuen Fälle in Deutschland gefährlich harmlos aus. 2.600 Neuinfizierte bei einer Gesamtzahl von 49.000 HIV-positiven Menschen erscheinen irgendwie überschaubar. Und nur selten wird den Warnungen des Robert-Koch-Instituts Beachtung geschenkt, dass sich die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen vier Jahren um stetig erhöht hat. In Berlin, so wurde errechnet, infiziert sich im Moment pro Tag ein Mensch mit HIV. Dennoch benutzen mittlerweile nur noch 70 Prozent bei einem neuen Sexpartner ein Kondom. Vor vier Jahren waren es noch 78 Prozent. Immer wieder ist auch von einer Art Kondommüdigkeit zu hören. Gerade schwule Männer aus der Generation der unter 40-Jährigen, die ihre Sexualität nie ohne Kondom gelebt haben, fragen sich nach dem Warum, wünschen sich nur einmal den hautnahen, direkten und ungeschützten Kontakt - und infizieren sich möglicherweise genau bei diesem einzigen Mal.

Ein anderer, gern übersehener Aspekt sind Sexdarstellungen in der Pornographie. Es mag sich nicht in Prozent belegen lassen, aber surft man im Netz oder macht einen Streifzug durch die Berliner Anmachbars für Schwule, laufen dort in aller Regel Streifen, die unsafen Sex zeigen. Bei den Filmproduktionsfirmen heißt es, man finde für Safer-Sex-Pornos einfach keinen Absatz. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage? Oder bestimmt hier das Angebot den Markt? What you see is what you get. Nicht nur junge Schwule lassen sich von diesen Bildern gern animieren, selbst auch einmal die sprichwörtliche Sau rauszulassen.

Das Rudelverhalten unter schwulen Männern ist nicht zu unterschätzen. So soll es auch auf den so genannten Safer-Sex-Partys, die es seit den frühen Neunzigern gibt und deren Zahl gerade in den letzten fünf Jahren enorm zugenommen hat, immer wieder vorkommen, dass einige Männer den Anfang machen und sich oder anderen die Kondome entfernen. Nicht selten soll das eine Party regelrecht gekippt haben. Und so mancher, der sich und sein Handeln erst hinterher begreift, hat im Rausch einfach mitgemacht. Die Frage auf diesen Partys ist nicht "Wieso haben einige hier Sex ohne Gummi?" Sie müsste vielmehr lauten: "Wie schaffe ich es, auf dieser Party trotzdem Safer Sex zu praktizieren, und was mache ich, wenn man mich nicht lässt?"

Auch an anderen Orten wie dem "Glory Hole" in Toiletten oder Sexkinos sind zunehmend rauere Umgangsformen auszumachen. Ein Befragter, der sich zum Baresex bekennt, sagte, er habe auf der großen Berliner "Snax"-Party vor Kurzem in nur wenigen Stunden über 50 Sexkontakte gehabt - nicht einer der Männer habe ein Gummi benutzt oder darum gebeten. Als er anderntags in einer Sauna jemandem, der ein Gummi benutzen wollte, sagte, er mache es nur "bare", habe dieser das Gummi abgezogen und gesagt: "Klar. Auch okay."


Warum aber lassen es Männer zu, sich wissentlich mit einem Virus anzustecken, der mindestens eine erhebliche Einschränkung der Gesundheit nach sich zieht und der auch im Jahr 2006 noch immer tödlich enden kann? Eine Antwort findet sich vielleicht bei Gayromeo, dem wohl populärsten Chat-/Sex- und Flirtforum für Schwule. Es ist Samstag, gegen 21 Uhr, beste Anmachzeit. Jeder hier hat sein Profil. Darin sagt er nicht nur, was er gern macht oder lässt. Er sagt auch, was er von "Safer Sex" hält. "Immer", "Nach Absprache", "Keine Angabe" oder "Niemals" sind die Optionen. An diesem Abend liegt die Zahl derer, die nie ein Kondom benutzen, deutlich unter einem Prozent. Aber das sind eben nur die, die sich auch dazu bekennen. Eine Vielzahl, heißt es, gebe "immer" an, weil es sozial gewünscht sei, aber halte sich nicht wirklich daran. Die echten Barebacker sind sehr oft Positive, die ihren Suchradius auf andere Positive eingrenzen und die Sexkontakte zu Negativen meistens ablehnen, erst Recht Anfragen derer, die sich gern "pozen", das heißt, wissentlich anstecken lassen wollen.

Befragt nach ihren Motiven, ergaben sich vier bis fünf Hauptmotive. Zum einen sind da die Hasardeure, die Spaß haben wollen, die "ohne geiler" finden, das Gummi als widernatürlich ansehen und eine Infektion in Kauf nehmen. Dann gibt es die Perspektivlosen, diejenigen, die Angst vor dem Alter, vor einem Leben in sozialer und finanzieller Armut, haben und das HIV-Risiko einkalkulieren, um trotzdem wenigstens noch ein paar sexuell aktive, ungehemmte Jahre zu haben. Eine weitere Gruppe ließe sich als die Einsamen beschreiben, die sich über eine Infektion die Sorge oder das Interesse von Freunden und Familie erhoffen oder gar selbst die Infektion an Kindes Statt annehmen, als etwas, worum man sich sein ganzes restliches Leben kümmern muss. Etwas seltener ist offenbar der "soziale" Typ, der einen HIV-positiven Partner hat oder der letzte Negative in einer Gruppe HIV-positiver Freunde ist und sich plötzlich in der Rolle des Ausgegrenzten sieht.

In allen Fällen, auch bei der ersten Gruppe der Hasardeure, die auf dem Vulkan tanzen und deren Sexualverhalten treffend und in Anlehnung an "Serial Killer" als "Serial Fucker" kategorisiert wird, ist das zentrale Thema: Angst. Der Hohn der Angst vor dem drohenden Ende. Die Angst, den Freund oder die Freunde zu verlieren. Die Angst, im Alter ohne Sex und ohne soziales Netz dahin zu vegetieren, und die Angst, nicht im Hier und Jetzt alles mitgenommen zu haben, was sich anbot. Auch die Angst, vernachlässigt oder gar vergessen zu werden, und das Gefühl, die Verbindlichkeit einer Selbsthilfegruppe oder regelmäßiger Arzttermine einem Leben in Langeweile vorzuziehen. Und nicht zuletzt ist die Infektion ein, wenn auch brutales, Ende der oft lebenslangen Angst, sich mit dem Virus infizieren zu können.


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00:00 28.04.2006

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