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Paradigmenwechsel Abschied von der kostenlosen "Bildung für alle". Die Museen und ihre Eintrittspolitik

Wie das Überbleibsel eines Ideals wirkt der Donnerstagabend der Staatlichen Museen Berlin. Ab 18 Uhr gilt freier Eintritt für die Museumsinsel. Obwohl die Häuser dafür kaum werben, hat sich der Termin unter Besuchern gut herumgesprochen. Der Donnerstagabend ist das, was früher der erste Sonntag im Monat war. Und er ist das, was viel früher in der alten Bundesrepublik und West-Berlin täglich galt - dass der Eintritt ins Museum frei sein soll. Doch von jener kostenlosen "Bildung für alle" haben sich die großen staatlichen Museen in Deutschland längst verabschiedet.

"Im Zuge der knapper werdenden Haushalte gab es in den neunziger Jahren einen Paradigmenwechsel", sagt Monika Hagedorn-Saupe. Sie ist stellvertretende Leiterin des Berliner Instituts für Museumskunde, das jährlich Museumsdirektionen befragt. "Von den Landesmuseen Baden-Württemberg bis zu den Häusern der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erhoben die großen Museen mit einem Mal Eintrittsgeld", sagt sie. "Die Forderungen kamen damals von den entsprechenden Finanzministerien."

Obwohl jeder weiß, dass die Museumsbetriebe nicht-wirtschaftliche, staatlich unterhaltene Kultureinrichtungen sind, hat sich dennoch über die Jahre der pekuniäre Anspruch des Eintrittsgelds verselbständigt. Selbst in der Kulturpolitik stößt man heute parteiübergreifend auf die weit verbreitete Meinung: Was nichts kostet, sei auch nichts wert! Ein psychologisches Argument, das sich unlängst die Enquete-Kommission des Bundestags "Kultur in Deutschland" von ihren Sachverständigen einholte. Einer, der dort Rede und Antwort stand, war Thomas Müller, Direktor der Mühlhäuser Museen in Thüringen: "Ich bin gegen freien Eintritt", sagte Müller. "Der Ticketpreis soll aber auf einem vernünftigen Maß gehalten werden und darf nicht utopische Summen annehmen." Solch bereitwillige Museumsdirektoren im Ohr, wird sich wohl kein Kulturpolitiker dazu entschließen, in weiteren Debatten ›Kostenlose Bildung für alle‹ zu fordern.

Laut Statistik 2004 - aktuellere Daten liegen derzeit noch nicht vor - herrschen bei der Eintrittpreispolitik zwischen Ost und West große Unterschiede. Von den 4.749 befragten westdeutschen Museen bieten 1.503 freien Eintritt. Das sind 41 Prozent. In Ostdeutschland sind es weitaus weniger, das heißt lediglich 219 von 1.428 befragten Museen, was insgesamt nur 19 Prozent entspricht. "Das hat historische Ursachen", sagt Monika Hagedorn-Saupe. Früher in der DDR habe man schon immer einen Eintrittspreis erhoben. "Der war zwar sehr gering", sagt sie, "aber er wurde immer verlangt." Die öffentliche Hand in den neuen Bundesländern hat diese DDR-Tradition auch heute fortgesetzt. Was aber hat es mit den Ausnahmen der eintrittsfreien Museen auf sich? Das Datenmaterial liefert eine ernüchternde Antwort.

Die meisten der in Ost wie West eintrittsfreien Museen sind sehr kleine und mit unter 10.000 Besuchen pro Jahr wenig frequentierte Einrichtungen wie Heimatmuseen oder als Museum genutzte Kirchen. Der Erlös über Tickets wäre bei ihnen geringer, als etwa die Personalkosten, die man für eine besetzte Kasse aufzuwenden hätte. Eintrittsgeld einzuziehen, zu zählen und zu transportieren, verursacht Kosten, die eine - aus öffentlichen Geldern finanzierte - Kultureinrichtung zusätzlich teurer machen würde. "Aus finanziellen, nicht aus ideellen Überlegungen, bleibt deshalb bei kleineren Sammlungen der Eintritt frei", kommentiert Monika Hagedorn-Saupe die Zahlen.

Bei den großen Museen hingegen findet die Suche nach dem schlauesten Eintrittspreis kein Ende. Unermüdlich wird spekuliert, welche Beträge dem Staatsbürger zuzumuten sind, zumal der die staatlichen Museen ohnehin schon über seine Steuern mit unterstützt. Wenn Museen einen Eintrittspreis erheben, liegt er meistens zwischen einem und drei Euro. Das scheint akzeptabel, allzumal in der Regel zusätzlich Ermäßigungen für Schüler, Studenten, Rentner eingeräumt werden. Im Osten berücksichtigt man etwas stärker finanzschwache Besucher, da hier die geringeren Eintrittspreise von 1,50 oder 2 Euro prozentual häufiger vorkommen.

Je nach Publikumsandrang mögen die Museen mit jenen Minimalbeträgen durchaus Geld einspielen. Einen effizienten Gewinn im betriebswirtschaftlichen Sinne (wie es private Ausstellungshäuser verfolgen), erzielen die Museen damit nicht. Deshalb lässt sich der tiefere Sinn der erhobenen Entgelte oftmals nur politpsychologisch erklären. Den Museen dienen die Eintrittspreise als Rechtfertigung gegenüber der Politik, dass sie sich redlich um die immer wieder eingeforderte größtmögliche Rentabilität bemühen. Ein Paradigmenwechsel eben.

Besucher akzeptieren vor allem bei bekannten Museen, die nicht zuletzt touristische Anziehungspunkte sind, hohe Beträge. Das belegen die Studien des Instituts für Museumskunde. Das Problem hierbei ist, dass die Pinakothek München, die Kunstsammlungen Dresden oder eben die Berliner Museumsinsel aus mehreren Häusern bestehen, die das Publikum gerne zusammen besucht. Bei separatem Eintritt pro Sammlung entstünden schnell jene "utopischen Summen". Um das Gefühl der Abzocke zu vermeiden, sind in den vergangenen Jahren Eintrittspreise in ungeahnter Variantenvielfalt entwickelt worden. Sie sollen dem Besucher ein finanzielles Entgegenkommen suggerieren. Die Wahl des passenden Tickets wird dadurch nicht selten zur Tortur.

So gibt es zum Beispiel für Berlins Staatliche Museen den 8-Euro-Normaltarif, die 12-Euro-Standortkarten oder das 15-Euro-Drei-Tages-Ticket. Sonderausstellungen allerdings gehen nochmals extra. Und dort wird mit Spezial-Preis-Paketen ein regelrechter Zirkus veranstaltet. Mal mit, mal ohne Audio-Guide, mal mit, mal ohne Bevorzugung der VIPs, der Very Important Persons, die dann nicht an den Warteschlangen anstehen müssen. Das Gleichheitsprinzip "Museum für alle" wird hier gewollt ins genaue Gegenteil gekehrt. Die großen Sonderausstellungen versteht man beim Freundeskreis der Nationalgalerie in Berlin bewusst als so genannte Blockbuster-Veranstaltungen, die selbstverständlich möglichst viel Geld einspielen sollen. Dieses Event-Gehabe hat insofern allumfassend den Siegeszug angetreten, als dass sich generell bei Kämmerern, Politikern und Trägern der Maßstab erfolgreicher Ausstellungsarbeit an Publikumsquoten und Bilanzzahlen orientiert.

Das bemängelte in jener Enquete-Kommission-Sitzung auch Michael Eissenhauer, Präsident des Deutschen Museumsbundes. Kaum eines der 6.500 Museen habe von seinem Träger ein klares Auftragsprofil. "Die Museen sollen sammeln, forschen, bilden", zählte Eissenhauer auf. "Sie sollen Dauerausstellungen präsentieren, ab und zu aber auch ein Event anbieten". Die Forderung nach kostenlosem Eintritt hingegen stellt keiner. Es sei denn, man ist bereits in die kuriose Notlage geraten, dass freier Eintritt unterm Strich mehr einbringt, wie das Beispiel Rostock zeigt. Seit März dieses Jahres sind dort die Museen - kulturhistorisches Museum, Kunsthalle und Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum - eintrittsfrei. "Weil unsere Häuser überwiegend von Ermäßigungsberechtigten oder Schulklassen besucht werden", sagt Rostocks Kultursenatorin Ida Schillen, "waren die Einnahmen gering." Es gab einen Stellenabbau. An den Kassen wäre es zu personalen Engpässen gekommen. Eine Auslagerung der Kassier-Dienstleistung an private Firmen hätte sich nicht gerechnet. "In der Bürgerschaft musste ich dennoch große Überzeugungsarbeit für den freien Eintritt leisten", sagt Ida Schillen. Was nichts kostet, sei nichts wert, hieß es. Jetzt gibt die Statistik ihr Recht. Beim kulturhistorischen Museum im Kloster zum Heiligen Kreuz hat sich die Besucherzahl seit März auf 16.000 mehr als verdoppelt. Das "Experiment" läuft in Rostock bis 2009. Dann will man entscheiden, ob es beim freien Eintritt bleibt. Ein Paradigmenwechsel?


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00:00 25.08.2006

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