Holde Kabelerin

Redeweise Was in der Debatte um Sprache und Geschlecht wirklich fehlt, ist die Freude am Experiment

Das Kabel ...“ sinnierte meine Tochter halblaut, während sie am Staubsaugerkabel zog. „Oder der Kabeler? Die Kabelerin?“ Bevor jetzt die Ersten aussteigen und böse Kommentare schreiben, weil sie mutmaßen, ich lasse meine Kinder am Essenstisch hungern, bevor sie nicht nach „der Salzstreuerin“ gefragt haben: Nein, in unserem Haushalt ist allein das Substantiv „das Kabel“ geläufig. Es war ein Sprachexperiment meiner Tochter

Schade, dass in der Debatte um Geschlecht und Sprache nicht mehr Vierjährige zu Wort kommen. Sie wird oft so fantasielos geführt, als gehe es um Kommaregeln und nicht um die großartige Aufgabe, die ganze weite Welt changierender Geschlechterrollen sprachlich auszudrücken.

Das Aufregerpotenzial ist allerdings höher als das von Kommaregeln. Das ließ sich neulich beobachten, als der Rat für deutsche Rechtschreibung ankündigte, über geschlechtergerechte Schreibung zu beraten. Panikwellen im Netz: Müssen jetzt alle Sternchen verwenden? Amtlich verordnet vom unantastbaren Rechtschreibrat? Gelenkt von der Gender-Lobby?

Laxer Rechtschreibrat

Peter Eisenberg, Sprachwissenschaftler und schon vor einiger Zeit aus dem Rechtschreibrat ausgetreten (übrigens im Streit über Kommaregeln), sagte im Deutschlandfunk: „Was im Augenblick passiert, ist eine politische Bewegung einer Pressure-Group, die der deutschen Sprache gefährlich werden kann.“ Das ist natürlich Unsinn. Die deutsche Sprache ist kein Museumsstück. Wer sie verwendet, darf sie verändern.

Deshalb ist es auch sehr hübsch, dass der Rechtschreibrat dann nur sagte: Wir gucken mal. Man nahm zur Kenntnis, dass verschiedene orthografische Ausdrucksmittel eingesetzt werden, um nicht nur männliches und weibliches, sondern auch weitere Geschlechter zu bezeichnen: etwa Unterstrich (Gender-Gap), Asterisk (Gender-Stern) oder der Zusatz männlich, weiblich, divers (m, w, d). Bisher habe sich aber noch keines so durchgesetzt, dass man es den anderen vorziehen wolle. Die Experimentierphase geht also weiter.

Mit den grammatischen Ausdrucksmitteln, also dem hart umkämpften generischen Maskulinum oder etwa den Passivkonstruktionen (Studierende statt Studenten), hat sich der Rat gar nicht befasst. Eisenberg nahm das dennoch zum Anlass, um das emanzipative Potenzial des generischen Maskulinums zu betonen: Damit sei niemand gemeint, weder Männer noch Frauen, sondern lediglich die Personen, die die bezeichnete Tätigkeit ausübten. Das Problem ist nur: Grammatik hin oder her, unter einer Gruppe „Bäcker“ stellen sich die meisten tendenziell eine Gruppe männlicher Bäcker vor. Das ist empirisch belegt.

Es könnte aber schon sein, dass wir Frauen uns mit der Forderung, bei Berufsbezeichnungen die in-Form zu verwenden, auf einen Holzweg begeben haben. „A woman is a mechanic, not a ‚lady mechanic‘ “, schreibt Chimamanda Ngozi Adichie in Dear Ijeawele, or A Feminist Manifesto in Fifteen Suggestions. Im Englischen ist das leichter zu handhaben, weil man sich nicht mit drei verschiedenen Artikeln herumplagen muss. Aber seitdem verbessere ich meine Tochter nicht mehr, wenn sie „Arzt“, „Müllmann“ oder „Dirigent“ werden will.

Die Frage, wie ich mir meine Sprache aneigne und wie ich sie verändere, ist eben zunächst auch eine sehr persönliche.

Ich gebe zu, dass ich mich auch in fast Eisenberg’scher Manier aufgeregt habe, als beim Kirchentag 2017 Der Mond ist aufgegangen gegendert wurde und aus „So legt euch denn, ihr Brüder, / in Gottes Namen nieder“ ein „So legt euch Schwestern, Brüder ...“ gemacht wurde. Nicht weil ich meine, dass man Matthias Claudius vor dem Gendern retten muss. Ach was, sein zweihundert Jahre altes Abendlied ist von einer solchen Klarheit und Schönheit, dass es auch das übersteht. Aber es hat mich geärgert, weil nicht nur den Klang dieser wohlgeformten Zeile „verhunzt“ wurde, sondern auch, weil ich es immer selbstverständlich fand, dass es eine „Brüderlichkeit“ gibt, die Menschen gleich welchen Geschlechts unbedingt umfasst. Die Kirchentagsfassung hat mich darauf gestoßen, dass das vielleicht gar nicht der Fall ist.

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass es in fast allen klassischen Gute-Nacht-Liedern um eine Mutter und ihren Sohn geht? Ob Schlafe, schlafe, holder süßer Knabe, Schlaf, Herzenssöhnchen oder Schlafe mein Prinzchen, offenbar fanden es viele Dichter nicht notwendig, ihre Töchter besingen zu lassen. Ich habe deshalb auch das wunderbare Schlaflied für Anne von Fredrik Vahle wieder ins Programm genommen, und zwar gerne auch für meinen Sohn.

Neutrales BGB

Der Literatur ist alles erlaubt. Um das klarzustellen: Man kann und darf sich mit Texten auseinandersetzen, indem man sie verändert, um- und nachdichtet, zitiert, interpretiert, analysiert. Lyrik und Literatur sind ein Experimentierfeld, wie sich Geschlecht in der deutschen Sprache abbilden lässt – und das könnte für die Gender-Debatte sehr fruchtbar sein.

Von Yoko Tawada gibt es einen Text, in dem sie ihren Versuch beschreibt, sich das ihrer japanischen Muttersprache völlig unbekannte grammatische Geschlecht deutscher Substantive einzuprägen, und so auf ihrem Schreibtisch plötzlich eine Ansammlung ausgesprochen männlicher Schreibgegenstände – den Füller, den Bleistift, den Kugelschreiber – vorfindet, wie auch eine neue „Sprachmutter“, ihre Schreibmaschine. Wer das liest, wird sich über die „Kabelerin“ kaum noch wundern.

Julie Otsuka hat eine Erzählung über japanische Frauen in den Vereinigten Staaten konsequent in der 1. Person Plural geschrieben (The Buddha in the Attic). Es gelingt ihr mit faszinierender Sicherheit, gleichzeitig die gemeinschaftliche Erfahrung dieser Frauen und ihre so verschiedenen Schicksale zu beschreiben.

Literarische Sprache hat den großen Vorteil, dass sie alles darf, was ästhetisch funktioniert. Sie muss sich nichts vorschreiben lassen. Dagegen ist es ja richtig, dass sich Gesetzestexte und Behördenschreiben an ein bestimmtes Regelwerk halten. Hier verlassen wir die Ebene persönlicher Sprachvielfalt und brauchen Vorgaben, die eben, sorry Herr Eisenberg, auch politisch verhandelt werden müssen. Dazu gehört, dass Frauen, Männer und Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen, angemessen bezeichnet werden können. Das hat auch der Rechtschreibrat betont und außerdem gefordert, dass geschlechtergerecht formulierte Texte unter anderem verständlich, lesbar, vorlesbar und in andere Sprachen übertragbar sein sollten.

Es ist aber vielleicht gar nicht sinnvoll, alle diese Kriterien auf einmal anwenden zu wollen. Es lohnt sich, weiter ganz grundsätzlich darüber nachzudenken, was Kontext, Stimme, nicht sprachliche Zeichen, Laute und Performance bewirken. Preisfragen: Macht es einen Unterschied, ob ein Gedicht in einem Buch oder an der Wand der Alice-Salomon-Hochschule steht? Was passiert mit dem lyrischen Ich in Schuberts Winterreise, je nachdem ob sie von Peter Schreier oder Christine Schäfer interpretiert wird? Und kann man Fisches Nachtgesang vorlesen?

Man kann durchaus zu dem Schluss kommen, dass Asterisk- und Unterstrich-Konstruktionen beim stummen Lesen stören. Andererseits lassen sich „Bürger_innen“ oder „Bürger*innen“ – anders als viele glauben – gar nicht so schlecht aussprechen. So hat der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch ausführlich dargestellt, wie hier der glottale Verschlusslaut (also eine kurze Sprechpause zwischen Bürger und -innen) verwendet werden kann.

Im Bürgerlichen Gesetzbuch sind übrigens schon seit mehr als hundert Jahren viele Formulierungen geschlechtsneutral gefasst, etwa wenn es heißt: „Wer verpflichtet ist ...“ Wobei es durchaus noch genug Normen gibt, die überarbeitet werden müssten. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte beginnt mit „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“„Alle Menschen“ ist eine sehr leicht verständliche, klare, geschlechterneutrale Formulierung. Sie scheint uns nur oft zu pathetisch. Vielleicht sollten wir davor die Scheu verlieren. Sprache ist, was richtig und schön genug ist.

06:00 26.11.2018
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