Homo-Ehe: Alles in die Mitte!

Wandel Der Mainstream ist schon irgendwie links und Katherina Reiche hat keine Chance. Muss ja nicht schlecht sein...
Andrea Roedig | Ausgabe 10/2013 8

Vor rund einem Jahr hat der Kollege Harald Martenstein in der Zeit einen bemerkenswerten Essay über den „Sog der Masse“ veröffentlicht. Er wunderte sich nämlich darüber, dass er in fast allen gesellschaftspolitischen Fragen vom genauen Gegenteil dessen überzeugt ist, an was seine Großeltern noch glaubten, ob es sich nun um Wehrdienst, Frauenemanzipation, Umweltschutz oder Homosexualität handele. Martenstein, der mit Querdenken sein Geld verdient, findet diese 180-Grad-Kehrtwendungen allgemeiner Wertvorstellungen beängstigend. Er erklärt sich den wankelmütigen Mainstream als eine Art „Schwarmintelligenz“. Der Mensch, das Herdentier, folge eben der Meinung der meisten und der einfachen Regel: „Bewege dich in Richtung des Mittelpunkts. Bewege dich in dieselbe Richtung wie alle anderen. Vermeide Zusammenstöße.“

Man muss die Sache mit dem Commonsense nicht ganz so negativ sehen. Was Martenstein als Phänomen beschreibt, ist eben kultureller Wandel und die Tatsache, dass diesen Wandel die Masse macht. Ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Meinung umschlägt, wie neue Denkweisen sich nach langer Latenzzeit und mit genügend akkumulierter kritischer Masse durchsetzen, gab Günther Jauchs Talkrunde zur Homo-Ehe am vergangenen Sonntag. Hier sah nämlich die knallkonservative CDU-Position, vertreten durch die Staatssekretärin Katherina Reiche, kein Land mehr. Wie an einen dürren Ast klammerte Reiche sich an das Argument potenzieller Zeugungsfähigkeit als Grundlage der Ehe. Mit einem Lächeln versuchte sie immer wieder, den Trumpf der reproduktiven Impotenz schwul-lesbischer Partnerschaften auszuspielen: „Aber es bedarf immerhin noch eines Mannes und einer Frau, um Kinder zu zeugen.“ Das ist durchaus richtig. Nur musste Reiche feststellen, dass dieses Faktum als Argument bei niemandem in der Runde mehr zog. Es ist taub geworden, gilt nicht mehr. Der Schwarm – oder sagen wir besser: der Zeitgeist, die Gesellschaft samt ihrer Rechtsprechung – ist längst woanders.

Indem das Bundesverfassungsgericht nach und nach, zuletzt beim Adoptionsrecht, die Lebenspartnerschaften stärkt und angleicht, erfährt das bürgerliche Institut der Ehe unaufhaltsam eine Umdeutung, der man sich nicht wird entziehen können. Interessant zu beobachten ist dabei, wie sehr die biologische Reproduktion – obwohl sie immer noch wichtig ist, man möchte ja vorwiegend „eigene“ Kinder – ihren Stellenwert für die Definition von Ehe verliert. Nimmt man den Jauch-Talk als Gradmesser, dann gelten jetzt gemeinsames Kinderaufziehen und Diskriminierungsverbot als die relevanten Argumente in der Debatte darum, was als eine „Ehe“ oder „Familie“ zu schützen sei. Dieser Wandel ist nur gerecht. Schließlich ist ja das angeblich natürliche Fundament der Ehe selbst eine kulturelle Setzung. Klar pflanzen wir uns fort, aber mit der Ehe hat das, wie wir wissen, nicht unbedingt etwas zu tun.

Doch der Umschwung im Commonsense trifft nicht nur das bürgerliche Lager. Auch die normalitätskritische Avantgarde der Queer Community muss umdenken. Wer hier noch am liebgewonnenen Schreckbild der Ehe als Instrument patriarchaler Unterdrückung festhält, schwimmt hoffnungslos dem mittlerweile glücklich verpartnerten Homo-Schwarm hinterher. Wir treffen uns alle in der Mitte.

Andrea Roedig schreibt im Freitag auch, aber nicht nur über Genderfragen

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