Homo Humus

Geopoesie Am bedrohten Element Erde hängt immer noch der Geruch von Blut und Boden

The mountains shall bring peace to the world." Den Werbespruch in einem Erholungsort in den Rocky Mountains können die cleveren Amerikaner, die ihn aus dem Alten Testament abgekupfert und dort an einem schönen Aussichtspunkt angeschlagen haben, bald abhängen. Denn auch bin Laden kam vom Berge. Wenn er überhaupt je existierte. Spätestens seit der Führer der islamischen Bruderschaft der Al´Qaida per Video die Terroranschläge von New York kommentierte, dürfte es vorbei sein mit dem Mythos vom friedbringenden, der Menschen Hader entrückten Refugium. Auch wenn dieser entterritorialisierte Terrorismus mit seiner Mischung aus Steinzeit, High Tech und globalem Netzwerk nicht mehr, wie der Münchener Kulturwissenschaftler Ulrich Raulff meint, mit Carl Schmitts Begriff vom "tellurischen Krieger" zu beschreiben ist, war doch auffällig: Als ob es erst der Versicherung mit einem Urelement bedürfe, um seiner Botschaft die nötige Durchschlagskraft zu verleihen, stand der Mann mit Bart und Maschinengewehr stoisch vor einem zerklüfteten Gebirge und gab die letzten Gebote.

Die Rückversicherung auf die Erde ist aber, um allen kulturellen Stereotypen gleich vorzubeugen, keine orientalische Spezialität. Diese Vorliebe teilt der Ferne Osten mit dem Nahen Westen. Auch der plante, sich zum Endkampf in die Erde zurück zu ziehen. Und zwar in den sogenannten Regierungsbunker im idyllischen Ahrtal. In einem undurchschaubaren Labyrinth von 19 Kilometern Gesamtlänge unter einem Schieferberg des berühmten Weinanbaugebiets beabsichtigte die Regierung der Bundesrepublik Deutschland (West) 30 Tage lang einen atomaren Angriff zu überstehen. Der kürzlich ventilierte Gedanke, diesen zugespitztesten Ausdruck der Schizophrenie der Abschreckung und des Kalten Krieges wiederzubeleben und als Leitzentrale im Kampf gegen den internationalen Terrorismus islamischer Prägung zu nutzen, hat das Bundesinnenministerium nach eingehender Prüfung nun offenbar doch verworfen. In diesen Tagen beginnt der rückstandslose Rückbau eines der markantesten Dokumente deutscher Nachkriegsgeschichte. Dem Aachener Fotografen Andreas Magdanz gelang es noch kurz zuvor, diesen Irrweg der geplanten Apokalypse zu dokumentieren. Zufall oder Notwendigkeit, dass sich dieser Kommandostand unter der Erde eingrub und nicht in die Luft schwang oder unter Wasser ging?

Was macht die "Erde" zu einem scheinbar so unhintergehbaren, letztgültigen Plafond? Wenn sich eine Konferenzserie in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in der postpolitischen Gartenstadt Bonn seit ein paar Jahren mit den fünf Sinnen oder den vier Elementen beschäftigt, offenbart sich darin das Bedürfnis nach dem Elementaren in einer immer unwirklicheren, utopisch ausgenüchterten Welt. Zugleich schwingt darin etwas von der latenten Naturalisierung aller Fragen mit, unter der Gesellschaft und Kultur derzeit begraben zu werden drohen. Andererseits: Wer weiß schon noch, dass Erde, dieser ungenaue Mischbegriff aus Gattungsbezeichnung, Metapher und biologischer Konkretion, dritter der "Rhizomata" genannten "Wurzelkräfte" des griechischen Philosophen Empedokles, die uns aus eigener Anschauung meist gerade noch vom Balkonblumenkasten in Erinnerung ist, vor 62 Dekaden auf der kosmischen logarithmischen Zeitskala begann? Die aus zwei kollidierten Sonnennebeln zu Staub kondensierten Dreckmoleküle verdichteten sich zu Planeten. Die ältesten Gesteine auf diesem Abfallprodukt aus erkalteten Nebeln namens Erde sind vier Milliarden Jahre alt. Erst wenn Vulkane aufbrechen, wird man sich der Eigendynamik des über 5.000 Grad heißen Eisenkerns ein paar Tausend Kilometer tiefer bewusst. Ohne den dünnen Humus fragilis darauf könnte der Homo sapiens nicht existieren. Hinter dem symbolischen Bezug der Politik auf die Erde, wie ihn nicht nur Figuren wie bin Laden inszenieren, scheint der Versuch einer kosmischen Legitimation von Ideologie auf.

Dabei wird verdeckt, dass die mythische Schutzgestalt in Bedrängnis geraten ist. Der gefährlichste Teil der schleichenden, globalen Umweltkatastrophe ist der Fakt, dass "Mutter Erde" jede Sekunde 1.000 Tonnen ihres "Mutterbodens" verliert. Weltweit sind, so der Hamburger Geowissenschaftler Günter Miehlich, dem Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats Bodenschutz beim Bundesumweltminister, ungefähr 20 Millionen Quadratkilometer, also circa 15 Prozent der nutzbaren Fläche der Erde, von Bodendegradation betroffen. An ihrer schlimmsten Form, der Erosion, leiden die Entwicklungsländer in Trockengebieten am meisten. Allein in Deutschland gehen pro Tag nach übereinstimmender Meinung der Experten 20-30 Hektar Erdfläche durch das Zubauen und Versiegeln der Landschaft verloren. Zählt man die weltweite Wüstenbildung hinzu, kann man sich, wie im Fall der Schere aus steigenden Personalkosten und sinkenden Zuschauerzahlen des deutschen Stadttheaters ausrechnen, wann nichts mehr geht im Naturtheater Erde.

Substanzverlust ganz anderer Art droht der Erde aber auch von ihren gut rechnenden Freunden. Auf der einen Seite sind die modernen Erdwissenschaften ein aufschlussreiches Beispiel für die hochimaginativen Verfahren der scheinbar harten Naturwissenschaften. Denn sie erhellen etwas, was es nicht mehr gibt. Auf den Bildern von Geologen ist die einzigartige Fossilienlagerstätte und Zeitfenster in das 50 Millionen Jahre zurückliegende mittlere Eozän, die Grube Messel, von Palmen umstanden. Wie die des Tyrannosaurus Rex sind sie reine Phantasieprodukte, piktoriale Hochrechnungen, Phantombilder auf schmaler Indizienbasis: ein paar versteinerte Blätter, Backenzähne oder zerbrochene Schwanzwirbel. Geopoesie könnte man Paläontologie und Geologie mindestens ebenso zutreffend nennen. Auf der anderen Seite verflüchtigt sich die immaterielle Dimension ihres Gegenstandes. So wie Mineralogen heute ihre Disziplin nüchtern "moderne Materialwissenschaft" nennen, wird ihr Untersuchungsobjekt zu einem chemischen und physikalischen Datensatz abstrahiert, der nichts mehr von dem ganzheitlichen Wissenschaftsverständnis eines Novalis hat. Das Bergmannskapitel seines Romanfragments Heinrich von Ofterdingen ist die Metapher für Abstieg in die Tiefe als Gang der Erkenntnis. Im Aufbau der Gesteine fand der romantische Denker, Poet und Mineraloge sein Modell für die Welt und das Leben. Der Stein als Spiegel der Erdgeschichte - im Druckreaktor des Bonner Mineralogischen Instituts, bei dem man Drücke wie im Erdinnern simulieren kann, sieht man davon nur noch eine Komponentengleichung. Und selbst bei dem Versuch der auditiven Semiologie, die den Klang von Erdbeben aufzeichnet, daraus Rückschlüsse auf ihr Vorkommen und ihre Spezifik ziehen und die verlorengegangene Sinnlichkeit eines Elementes neu einfangen will, verselbstständigt sich der Grundstoff Erde zum bloßen Zeichen.

"Tauchen Sie ihre Hände einmal in die Schüssel mit Erde. Sie werden sehen, Sie machen sich nicht dreckig, sondern nur erdig." Der Aufforderung der österreichischen Umwelthistorikerin Verena Winiwarter auf dem Bonner Kongress zur Erde mochten nur wenige folgen. Als Modell für eine atemberaubende Vielfalt, vom einfachen Bergkristall bis zu den grauglänzenden Stabbündeln des Arsenkieses, lässt man sich Erde vielleicht noch gefallen. In den Mineralogischen Museen der Welt kann man gut 3.800 bislang identifizierten Mineralarten nachspüren. Als Medium zur Wiederverzauberung der rationalistisch ausdifferenzierten Welt taugt Erde weniger als Wasser und Feuer, die die moderne Stadt- und Raumplanung wieder zu sinnlich erfahrbaren Alltagsphänomenen machen will. Denn spätestens seit den Nazis ist das an sich unschuldige Element kompromittiert.

Den ideologischen Vorlauf für den perfiden NS-Ideologiemix aus Natur und Kultur lieferten deutschnationale Geographen wie Friedrich Ratzel. Der definierte schon 1898 als Aufgabe seiner Disziplin, zu demonstrieren, "wie Volk und Boden zusammengehören". 1939 prägte der von den Nazis hochgeschätzte Bonner Geograph Carl Troll den Begriff "Landschaftsökologie". Sein Kollege Arnold Scheibe, so der kalifornische Kulturgeograph und Afghanistan-Experte Nigel Allan, untersuchte auf mehreren Hindukusch-Expeditionen für die SS-Stiftung "Ahnenerbe" Bevölkerung und Pflanzen auf ihre Verwendbarkeit für das Projekt einer "deutschen Landschaft" und einer deutschen Elite. Mit ihnen wollte der züchtungsbesessene SS-Führer und Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums, Heinrich Himmler die Autarkie der nordischen Rasse sichern. Vor diesem Hintergrund gewinnt die deutsche Unterstützung für den Krieg gegen Afghanistan den unangenehmen Beigeschmack der Bewältigungsarbeit. Ebenfalls in der Weimarer Republik entwickelte der Bonner Geograph Carl Haushofer seine expansionistische "Geopolitik". Es ist nur der logische Schlusspunkt, wenn Himmler 1942 Richtlinien für die "artgemäße Gestaltung deutschen Lebensraumes" erließ. Eine bis zur Waldstreifenbegrünung detaillierte Landschaftsplanung sollte den besetzten Ostgebieten ein "deutscher Wesensart entsprechendes Gepräge" geben. Und die "Fratze des Ungeistes" der slawischen Völker ausmerzen, die keine Kulturlandschaft hervorbringen könnten. Der völkisch-rassische Missbrauch der heute geschätzten "Kulturlandschaftspflege" wurde allzu oft vergessen, kritisieren der Bonner Geograph Karl Fehn oder der Hannoveraner Geobotaniker Hansjörg Küster. Auch wenn heute keiner mehr politisches Denken auf die berüchtigte Ackerkrume gründen mag. Bis in die bundesdeutsche Landschaftsplanung der sechziger Jahre hinein sehen die Wissenschaftler eine Kontinuität dieser Denkrichtung und ihrer Vertreter. Global gesehen ist die erdgebundene Identitätspolitik im Postkolonialismus keineswegs verschwunden. Wie der Fall der von den Südafrikanern als Heiligtum verehrten Matopos-Berge in Zentralzimbabwe zeigt. Die UNESCO hat diesen Gebirgszug nun in ihr Verzeichnis des Weltkulturerbes aufgenommen. Das romantische Rheintal um Remagen soll bald folgen. Doch als nationalen Mythos würde es hierzulande sicher niemand mehr anbeten.

Der jüngste westeuropäische Versuch, die sphärische Gebundenheit menschlichen Handelns neu zu fassen, heißt Erdpolitik. Das Konzept des SPD-Politikers Ernst Ulrich von Weizsäcker ist der Versuch, die isolierte Umweltpolitik einzelner Länder zu einer der Bedrohungslage angemessenen Globalstrategie zu weiten. Wenn Weizsäcker davon spricht, dass die Natur mit am Verhandlungstisch dieser Politik sitzt, wächst sie zwar in die Rolle eines eigenständigen Wesens. Doch sie soll nicht wie die Erdkunde der Nazis ins biologisch-mythische abgleiten und essentialistische "Raumnotwendigkeiten" exekutieren. Mit seinem "Neuen Wohlstandsmodell", der Abkehr von der Raubbaumentalität und der "Effizienzrevolution", will der ehemalige Leiter des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie einen kulturellen Wandel durchsetzen.

Am Ende ist also alles Kultur. Aber lässt sich die Schimäre Erde wirklich zu einem reinen Imaginationsszenarium auflösen? Zwar entsteht Landschaft, das wissen wir Imagineure seit der Besteigung des Mont Ventoux durch den Kollegen Petrarca, erst durch die "Zuwendung des Subjekts". Und Planungen wie die zwei Berge, die Landschaftsdesigner vor ein paar Jahren über ein aufgegebenes Waliser Atomkraftwerk bauen wollten oder die vielen Versuche die ausgeräumte Kohlelandschaft Nordrhein-Westfalens künstlich zu re-naturalisieren, belegen, dass sie durch und durch Projekt ist. So fiktiv wie für Nigel Allan das heutige Afghanistan. Geschaffen hat es sich der britische Kolonialismus als Pufferstaat zwischen Zentral- und Südasien. Bei geschätzten 50 ethnischen Gruppen und fast ebensoviel Sprachen sei es aber weder Nation noch Staat, sagt Allan und empfiehlt eine Teilung nach dem Vorbild Zyperns.

Doch ist auf dem Weg zu der bewusst etablierten und nicht nur vorgefundenen, zur postimperialistischen und postindustriellen Landschaft der Erde wirklich alles machbar? Dieses Motto der Berliner Kulturwissenschaftlerin Susanne Hauser wenden die Amerikaner gerade in Afghanistan an. Fast könnte man meinen sie wollten partout die Postmoderne retten, so wie sie diesen ohnehin fiktiven Staat noch weiter entmaterialisieren, die Erde mit Bomben pulverisieren. Doch am Ende dieses Aktes extremer Kulturlandschaftspflege bleiben an diesem Ort der seit Jahrhunderten wild wuchernden Phantasie wahrscheinlich doch noch: Sand und Steine.

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00:00 02.11.2001

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