Yasmina Banaszczuk
Ausgabe 3914 | 08.10.2014 | 06:00 14

Homo ludens

Games In der Videospielszene tobt eine Sexismusdebatte. Aber erstmals reagieren die Produzenten auf Kritik

Homo ludens

Letztes Level Morddrohung: die Feministin Anita Sarkeesian

Foto: Alex Lazara

Entgegen einer verbreiteten Vorstellung ist die Szene der Videospielfans ziemlich vielfältig. Es sind nicht nur picklige Jungs, die Stunden vor der Konsole oder dem PC verbringen. Genauso gibt es ältere Frauen und Männer, die gern daddeln – und fast die Hälfte der Gamer ist weiblich. In den vergangenen Wochen machten Videospielfans aber mit anderen Eigenschaften Schlagzeilen. Als sexistisch, maßlos, gemein und hetzerisch wurde die Szene beschrieben. Was war passiert?

Es kam einiges zusammen. Zuerst musste die feministische Kritikerin Anita Sarkeesian die Polizei einschalten, nachdem Todesdrohungen gegen sie und ihre Familie eingingen. Dann wurde die Spielemacherin Zoe Quinn Opfer einer so groß angelegten Schmierenkampagne, dass diese inzwischen sogar das FBI beschäftigt. Gegen Sarkeesian, die seit Jahren gegen Sexismus in Spielen ankämpft, gibt es immer wieder Drohungen bis hin zu vermeintlichen Bomben bei Veranstaltungen, bei denen sie auftritt. Beschimpfungen sind normal. Bei Quinn organisierten antifeministische Gruppen auf Seiten wie 4chan und reddit gezielte Aktionen: Ihre Webseite wurde gehackt, sie und ihr Umfeld bekamen Drohanrufe und ein Unterstützer fand seine privaten Daten samt Sozialversicherungsnummer veröffentlicht.

In beiden Fällen waren zudem Verleumdungen im Spiel. Feministinnen und Aktivistinnen würden die Gameindustrie unterlaufen und nach ihrem Willen verändern, besagt eine beliebte Verschwörungstheorie. Immer wieder machen Teile der Spielecommunity gegen jene mobil, die sie als „Social Justice Warrior“ betiteln (vergleichbar mit dem deutschen Hasswort Gutmensch). Man wolle den Gamern ihre Spiele wegnehmen, kaputtreden, zerstören, mit all den Hinweisen auf sexistische oder andere diskriminierende Facetten.

Doch etwas war anders dieses Mal. Größen der Videospielindustrie stellten sich hinter Sarkeesian und Quinn. Tim Schafer, Pionier der Szene und Schöpfer des Klassikers Monkey Island, erklärte, dass jeder, der Spiele mache, sich die Videos Sarkeesians ansehen müsse. In denen zeigt sie, wie Frauen in Spielen zu Objekten sinnloser Gewalt degradiert werden – sehr zum Missfallen lautstarker Teile der Spielecommunity. Doch die Beispiele sprechen auf bedrückende Weise für sich: In manchen Spielen gibt es virtuelle Auszeichnungen für den Spieler, wenn er Frauen auf eine bestimmte Weise umbringt. Und sie werden geschlagen, vergewaltigt, alles, um eine vermeintlich düstere Atmosphäre aufzubauen, ohne jedoch etwa das Thema sexuelle Gewalt tiefergehend zu behandeln. Es ist hier nur Teil der Unterhaltung.

In anderen Bereichen gelernt

Auch Quinn, deren Privatleben in Blogs ausgebreitet und diskutiert wurde, bekam öffentliche Unterstützung. Ausgangspunkt des Shitstorms gegen sie war ein verletzter Exfreund, der in verschiedenen Foren Details über ihre Beziehung postete und andeutete, Quinn würde Affären mit Spielejournalisten und -produzenten ausnutzen und so die Branche korrumpieren. Ein Fressen für die Teile der Community, die dem Wandel hin zu mehr Diversität feindlich gegenüberstehen. Verschiedene Programmierer und Autoren der Branche unterstützten Quinn jedoch: Ja, Teile der Gamerschaft hätten ein Sexismusproblem. Und ja, die Industrie müsse sich damit auseinandersetzen.

Das war ein Wendepunkt in der Diskussion um Sexismus in der Videospielewelt. Dass derzeit kaum ein großer Titel ohne die übliche Dosis Diskriminierung auskommt – und dass sich das auf das Frauen- und Männerbild der Spielenden auswirkt –, wurde bereits wissenschaftlich belegt. Nun folgt erstmals die selbstkritische Auseinandersetzung in der Industrie selbst. Ein Grund für die neue Offenheit könnte sein, dass die Branche in anderen Bereichen bereits gelernt hat, Kritik anzunehmen.

Betrachtet man die großen Publisher und ihre Titel der vergangenen Jahre, so gibt es keinen, der sich nicht mit enttäuschten und wütenden Fans auseinandersetzen musste. Viele Titel kämpften zum Launch mit Serverproblemen und zogen so den Unmut der Fans auf sich, einige Titel kamen gleich mit einer Onlinepflicht, die ebenfalls Unmengen wütender Kommentare auslöste. Aber nicht nur technische Probleme machten den Produzenten zu schaffen: Ubisoft musste sich einiges an Häme und Spott anhören, als die Firma verlauten ließ, es sei zu schwierig, eine Frau als Charakter im neuen Assassin’s Creed zu animieren statt der üblichen männlichen Protagonisten. Nintendo wurde kritisiert, weil es im neuen Simulator Tomodachi Life keine gleichgeschlechtlichen Beziehungen erlaubte. Square Enix machte noch vor Veröffentlichung des neuen Tomb Raider negativ auf sich aufmerksam, weil man versuchte, den Beschützerinstinkt der Spieler durch eine versuchte Vergewaltigung bei Lara Croft zu wecken.

Natürlich gibt es dabei Abstufungen, welche Form von Kritik man als berechtigt ansehen sollte. Todesdrohungen, weil es beim Launch Probleme mit der Serverkapazität gibt, sind ebenso abstrus wie beleidigte Gamer, die sich bei plötzlich gleichwertig beworbenen spielbaren Heldinnen entmannt fühlen. Auch die Richtungen, aus denen die Kritik kommt, sind unterschiedlich. Betrifft sie unerfüllte Erwartungen an ein Spiel, wird die Anhängerschaft schnell zornig. Die fehlende Auseinandersetzung mit sexistischen oder diskriminierenden Themen bemängeln hingegen häufig Spielejournalisten und Aktivisten. Zwar gibt es diese Stimmen auch innerhalb der Fangemeinschaften, doch richtige Reichweite haben meist entweder die kleinen, wütenden Fangruppen oder eben Personen mit Verbindungen zu Publikationen. Thematisieren diese das dann, fühlen sich leidenschaftliche Anhänger sofort in ihrer Freiheit zu spielen bedroht. David Gaider, Chefspieleautor bei der Electronic-Arts-Tochter Bioware, sieht die Mitverantwortung der Produzenten. Es sei der Industrie vollends bewusst, dass es einige männliche Fans gibt, die ihre Herrschaft über die Domäne der Videospiele bedroht sehen und ihren Frust in maßloser Kritik ausleben. Was die Industrie in ihren Foren und Chats zuließe, gebe aber den Ton vor, wie Diskussionen geführt würden – und ob Kritikerinnen wie Sarkeesian Todesdrohungen bekämen.

Konstruktives Feedback

Den Ton sachlich halten und den Dialog suchen, das ist die Aufgabe der Communitymanager. Sie agieren im Auftrag der Publisher und managen die Fangemeinschaften von Videospielen, moderieren Diskussionen, beantworten Fragen. Denn Fans einzubinden, ist mittlerweile Standard in der Industrie. Während der Branchenmesse Gamescom lud der Publisher Electronic Arts Fans ein, um vor Ort in Köln mit ihnen über einzelne Funktionen eines Spiels zu sprechen. Sich Feedback vorab einzuholen, spart möglicherweise auch einiges an Entrüstung und schlechter Presse. Und treue Anhänger sind wichtig: Bei vielen Spielen werden jährlich neue Teile veröffentlicht, die meist von jenen gekauft werden, die auch die älteren Versionen gespielt haben.

Das Einbinden der Fans scheint zu funktionieren: Als der Release von Battlefield: Hardline nach Tests zunächst verschoben wurde, blieb der Shitstorm aus. Die Industrie scheint also einen Weg gefunden zu haben, mit aufgebrachten Gruppierungen umzugehen – zumindest solange es um Spielefeatures geht. Bei Themen der Vielfalt innerhalb von Games sieht es noch etwas schwieriger aus.

So holte sich Bioware für den kommenden Titel Dragon Age: Inquisition immer wieder Feedback aus den Foren. Resultat ist nun ein Rollenspiel, das neben der Möglichkeit zu heterosexuellen Romanzen auch explizit bisexuelle, schwule, lesbische und asexuelle Charaktere bietet. Zugleich werden die Bioware-Titel innerhalb der Gamerschaft oft belächelt. Es würde zu viel Gewicht auf die Romanzen gelegt, zu sehr werde versucht, Frauen anzusprechen. Die Diversität von Spielen bleibt also ein kontroverses Thema, sowohl auf Produzenten- als auch auf Fanseite.

Trotzdem: Den konstruktiven Ansatz des Dialogs nun auch auf Themen wie Sexismus und andere Diskriminierungen zu übertragen, könnte vielversprechend sein. Sowohl der Wut über technische Probleme als auch der Rage über zu viel oder zu wenig Vielfalt liegt ja etwas Gemeinsames zugrunde, nämlich dass leidenschaftliche Gamer sich darin bedroht sehen, ihre Liebe zum Spiel so auszuleben, wie sie es gern möchten.

Es liegt daher vor allem in der Hand der Industrie, den Anhängern klarzumachen, dass weder von schwächelnden Servern eine Bedrohung für ihre spielerische Freiheit ausgeht noch vom Engagement für weniger Diskriminierung. Die selbstkritische Auseinandersetzung damit, was den Umgang mit wütenden Fanhorden angeht, ist ein wichtiger Schritt auf diesem langen Weg.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 39/14.

Kommentare (14)

Hunter S.T. 12.10.2014 | 20:02

Als würden nur Frauen in diversen Games gekillt, gegrillt, gedemütigt, verprügelt, zerschreddert, zerfleddert, gehäckselt, gemetzelt usw. Was sollen dann erst die Zombies, Monster und Außerirdischen sagen ;) So wie manche Linke an jeder Ecke rechtes Gedankengut wittern, so sehen manche Feministinnen überall Sexismus-Gespenster. Sollen die doch einfach einen -Achtung sexistischer Content- Aufkleber überall draufknallen, wenn es sie glücklich macht und die Zocker in Ruhe zocken lassen. Mit der USK hat man sich ja auch arrangiert ^^ Meine Güte als hätte die Menschheit keine wichtigeren Probleme... (nicht falsch verstehen, die krassen Anfeindungen und Drohungen halte ich natürlich für daneben).

Lethe 13.10.2014 | 09:20

Entschuldigung. Wenn mich ein Spiel oder Aspekte eines Spieles stören, spiele ich es nicht. Aber ich fordere nicht von den Produzenten und anderen Spielern, gefälligst die Welt zu verändern.

Wie Sie sehen können, befindet sich Ihre "Argumentation" ungefähr auf dem gleichen Niveau wie diverse Victim blamings.

Tut mir leid, ich kann das nicht sehen. Vielleicht weil ich es gewohnt bin, die Konsequenzen meines Wollens selbst zu tragen, statt von anderen Änderungen der Welt zu verlangen, damit ich bleiben kann, was meine Trägheit verlangt.

Kurt C. Hose 13.10.2014 | 12:10

Das Problem mit Anita Sarkeseean ist nicht das sie gegen Männer ist oder sonst etwas, es ist das sie kontinuierlich Spiele misrepräsentiert und sie paranoid liest... Wenn man Hitman zeigt, ein Spiel in dem man an dem Ankleidezimmer von Stripperinnen vorbeischlichen soll und bei dem Punkte abgezogen werden wenn man unbeteiligte tötet und es als sexistisch dargestellt wird das man die Stripper töten kann wenn bei jedem anderen NPC das selbe möglich ist kann man von paranoidem lesen ausgehen... Anita Sarkesean sollte kein Teil der Spieleindustrie sein... Zum Thema die Hälfte der Gamer seien Frauen lässt sich sagen dass das stimmt wenn man Solitär und Farmville in eine Kategorie mit COD steckt, was relativ absurd wäre... Zu der Zoey Quinn Geschichte finde ich dass das Hastag Gamergate genannt werden sollte. Bei Zoey ging es nicht um sexismus oder ähnliches es ging darum das sie mit den Journalisten die ihr Spiel positiv bewertet haben, kurz bevor sie dies taten, geschlafen hat. Es geht um Journalistische Integrität nicht um Sexismus. Wenn ein Journalist ein Spiel hochlobt interessiert mich ob er mit der Entwicklerin schläft oder sie finanziell unterstützt, diese Informationen wurden zurückgehalten und das ist worum es bei Gamergate geht. Dass es Trolle im Internet gibt sollte jedem klar sein, und dass sie genau das sagen werden was das Gegenüber triggert auch.

Trias 13.10.2014 | 15:52

"Das Problem mit Anita Sarkeseean ist nicht das sie gegen Männer ist oder sonst etwas, es ist das sie kontinuierlich Spiele misrepräsentiert und sie paranoid liest."

Das sehe ich anders. Es geht bei ihren Videos um einzelne Tropes, also "Erzählmotive", die immer wieder in Videospielen, bzw. eigentlich in allen Medien auftauchen. Im konkret angesprochenen Fall bei 'Hitman' z.B. um "Frauen als Hintergrunddekoration". Dass sie bei den Fakten tatsächlich gepatzt hat - soweit ich weiß, bekommt man aber zumindest keine oder weniger Punkteabzüge, wenn man die Leichen der umgebrachten NPCs versteckt - widerlegt nicht die grundsätzliche Aussage.

Feministische Kritik an einem Medium ist per definitionem "einseitig", da hier ein ganz bestimmter Teilaspekt als problematisch hervorgehoben werden soll. Das ist z.B. bei feministischer Literaturkritik auch nicht anders; es geht nicht um ein objektives Urteil sondern um das empirische Aufzeigen problematischer Motive und Strukturen. Sarkeesian hat stets und in jedem einzelnen ihrer Videos betont, dass die von ihr zitierten Spiele dadurch nicht "böse" oder "schlecht" sind - schon gar nicht diejenigen, die diese Spiele spielen. Es geht lediglich um den Vorschlag, dass "rette die Prinzessin" und "räche deine getötete Ehefrau" nicht die einzigen Handlungsmotive sind, die Spieleentwicklern als Storyelemente zur Verfügung stehen.

Zum Thema die Hälfte der Gamer seien Frauen lässt sich sagen dass das stimmt wenn man Solitär und Farmville in eine Kategorie mit COD steckt, was relativ absurd wäre.

"Kein wahrer Schotte"? Der Übergang zwischen "casual" und "hardcore" ist weitaus fließender. Es gibt genug Frauen, die auch mit AAA-Games wie CoD, Skyrim oder sonstigen Titeln was anfangen können. Andererseits war und ist immer noch die Haupzielgruppe, für die "richtige" Spiele produziert werden, die "jungen, männlichen Weißen". Was würde es denn schaden, wenn nun in Zukunft mehr Spiele produziert würden, die eine breiter Zielgruppe ansprechen? Auf den neuen CoD-Teil muss ja trotzdem keiner verzichten, solange sich das weiterhin wie geschnitten Brot verkauft, werden auch neue Titel in der Richtung produziert.

"Bei Zoey ging es nicht um sexismus oder ähnliches es ging darum das sie mit den Journalisten die ihr Spiel positiv bewertet haben, kurz bevor sie dies taten, geschlafen hat."

Dieses Gerücht ist seit Wochen widerlegt - derjenige, der es in die Welt gesetzt hatte - Zoe Quinns Exfreund - hat es selber dementiert. Die meisten anderen "Korruptions"-Vorwürfe unter dem GamerGate-Hashtag konzentrieren sich darauf, dass Spieleentwickler und -journalisten - o schreck - teilweise miteinander befreundet sind, und über Patreon oder Kickstarter auch teilweise die Entwicklung von Indie-Spielen mitfinanziert haben. Natürlich gibt es in dem Bereich durchaus Dinge zu kritisieren, aber viele Beteiligten auf Seite von GamerGate haben zugegebenermaßen ein sehr merkwürdiges Bild von "Objektivität" und "Transparenz".

schorsch klunie 30.11.2014 | 16:02

wenn der autor schreibt mit dragon age inquisition seie "nun" ein rollenspiel entstanden "das neben der Möglichkeit zu heterosexuellen Romanzen auch explizit bisexuelle, schwule, lesbische und asexuelle Charaktere bietet" so erinnert dies an die journalistischen standards des boulevard. denn bereits in dragon age origins (2009) konnte die charaktere neben hetero- auch homo- und bisexuell entwickelt werden.

überhaupt bestach die serie damals schon durch reflektiertes durchbrechen von rollenklischees und stereotypen, dennoch wurde es von sarkeesian als sexistisch verissen.

natürlich sind einige reaktionen auf ihre kruden thesen widerlich und unentschuldbar, allerdings ist dies auch kein novum im internet und leider vernachlässigt ein großteil der medien in ihrer berichterstattung über das genre dass es auch inhaltlich einiges an gegenkritiken zu bsp. sarkeesians ansichten gibt.