Homogen und autogen - hallo Gen, auf Wiedersehn

Griff in die Trickkiste Gene bestimmen unser Leben - oder auch nicht

"Gene kommen, Gene geh´n. Ich kann die Gene gut verstehen", textete Ende der neunziger Jahre der Pop-Poet Funny van Dannen und lag damit voll im Trend. Auch in der Wissenschaft sind die Gene schon seit langem ein Top-Hit - von einem tatsächlichen Verständnis kann aber derzeit wohl eher nicht die Rede sein.

Wissenschaftler streiten darüber, wie der Mensch sich zu einem vergleichsweise kultivierten Wesen entwickelt hat, obwohl er doch nur genauso viele Gene hat wie eine ordinäre Maus. Ist er bloß Sklave seiner genetischen Mitgift oder vielmehr Gestalter einer formbaren genetischen Grundausstattung? Auch in der Populärwissenschaft erfreuen sich Fragen dieser Art derzeit größter Beliebtheit.

In Unsere Gene sehen der Ökonom Terry Burnham und der Genetiker Jay Phelan den Menschen in einem ständigen Kampf gegen eine genetisch tief verwurzelte Triebhaftigkeit verstrickt: Schulden, Fett, Drogen, Risiko, Habgier, Geschlechterspiele, Schönheit oder Untreue - alles Lasterhafte ist begründet in unserem genetischen Erbe. Zum Beispiel die Sache mit dem Fett: In der Zeit der Jäger und Sammler war Nahrung rar, sobald ein Tier erlegt war, galt es, sich für schlechte Zeiten einen möglichst großen Vorrat anzufressen. Ein Drang, der bis heute in den Genen konserviert und jeden Versuch, fettem Essen zu widerstehen, überlegen sei. "Genetisch gesehen sind wir immer noch Höhlenmenschen", behaupten die Autoren. Die Evolution, so paradox es klingt, hinke der Entwicklung hinterher.

Auf ähnliche Weise verleiten die Gene zur Untreue: als logische Folge eines übermächtigen Urtriebs helfen Seitensprünge, möglichst viele eigene Gene in die nächste Generation hinüberzuretten. Richard Dawkins´ Theorie über "Das egoistische Gen" folgend, wird Untreue als konsequente Umsetzung "genetischer Interessen" gedeutet.

Ist die Macht der Gene also unbesiegbar? "Nein", meinen die Autoren. Die Lösung der Probleme mit den Genen liegt allerdings, wie könnte es anders sein, in den Genen: "Schließlich haben wir mit unseren Genen auch die Anlage zur Erzeugung von Willenskraft mitbekommen und damit die Fähigkeit, unsere Verhaltensweisen bewusst zu beherrschen." An dieser Stelle verlassen die Autoren den wissenschaftlichen Diskurs und bemühen sich, die im Untertitel versprochene "Gebrauchsanleitung für ein besseres Leben" zu liefern. Um die Gene zu überlisten, bemühen sie die Trickkiste: Wer abnehmen will, möge sich Mayonnaise auf verführerische Süßigkeiten schmieren. Und den Partner hält man mit kleinen Geschenken vom Fremdgehen ab.

Wem derartige Tricksereien zu blöd sind, dem sei Das Gedächtnis des Körpers von Joachim Bauer ans Herz gelegt. Seine Theorie: nicht nur die Gene steuern uns, sondern auch wir unsere Gene. Lebensstile und insbesondere zwischenmenschliche Beziehungen haben massiven Einfluss auf die Regulation zahlreicher Gene und so nicht nur seelische, sondern auch weitreichende biologische Auswirkungen.

Er betont dabei den Zusammenhang biografischer Erfahrungen mit der Entstehung von Krankheiten. Auslöser für eine Depression sei etwa häufig der Verlust oder die Bedrohung einer zwischenmenschlichen Beziehung. Die Krankheit selbst führe im Gehirn zur Aktivierung von "Stressgenen", die wiederum eine ganze Kaskade anderer Substanzen mobilisieren. Diese, so Bauer weiter, können Erkrankungen des Herz-Kreislauf- oder Immunsystems auslösen und gleichzeitig auf das Gehirn zurückwirken: sie schädigen die Nervenstrukturen und verfestigen die abgelaufene Reaktionskette - die Hemmschwelle für eine neue Depression sinkt.

Neben einem übersichtlichen Einblick in die wissenschaftlichen Grundlagen hält der Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychiater mit seiner Interpretation der neurobiologischen und genetischen Erkenntnisse auch ein Plädoyer für die Psychotherapie. Die Behandlung mit Psychopharmaka ließe die in den Nervenzell-Netzwerken gespeicherten Erfahrungen unberührt. Psychotherapie hingegen könne die neurobiologischen Veränderungen zurückbilden, wirke also auf Seele und Körper gleichermaßen. Das Buch ist vor allem für Laien gedacht und liefert in einer verständlichen Sprache Argumente gegen die angebliche Allmacht der Gene.

Um die Entstehung zwischenmenschlicher Beziehungen geht es auch bei Sabine Riedl und Babara Schweder in Wie Frauen Männer gegen ihren Willen glücklich machen. Ihre von einer wissenschaftlichen Untersuchung gestützten Theorie: Frauen sind die Architektinnen des Glücks. Ihres eigenen, aber vor allem des Beziehungsglücks. Beziehungen sind demnach "ein genetisches Programm im Dienste der Paarbildung". Geleitet vom Urinstinkt, ein Nest für die Familie zu schaffen, ist aber die Frau diejenige, die dieses Programm am besten steuern kann. "Sie" wählt den besten Partner nach den Kriterien aus, die für eine dauerhafte Partnerschaft entscheidend sind und macht "ihn" - wenn schon nicht gegen seinen Willen, so zumindest ohne sein Zutun - glücklich. So scheine die Frau instinktiv zu wissen, dass Männer mit hohem Testosterongehalt - muskelstrotzende Machos mit kantigem Gesicht - keine guten Familienväter abgeben und räumt dem "Softie" den Vorzug ein. Im Verlauf der Evolution entwickelten sich so aus haarigen Affen die sensiblen Brad Pitts und Johnny Depps, die heute bei Frauen so hoch im Kurs stehen.

Die Frage nach Macht oder Ohnmacht der Gene bleibt weiterhin ungelöst - und lässt auch in Zukunft noch einiges an populärwissenschaftlicher Literatur erwarten. Um es mit Funny van Dannen zu sagen: "Homogen, Heterogen, Autogen: Hallo Gen - Auf Wiedersehn!"

Terry Burnham, Jay Phelan, Unsere Gene. Eine Gebrauchsanleitung für ein besseres Leben. Argon Verlag, 2002


Joachim Bauer, Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern. Eichborn Verlag, 2002


Sabine Riedl, Barbara Schweder, Wie Frauen Männer gegen ihren Willen glücklich machen. Ueberreuter Verlag, 2003

00:00 22.08.2003

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