Homophob sind immer die anderen

Lesben und Schwule In Europa wird vielerorts über ihre rechtliche Gleichstellung diskutiert. Trotzdem ist Homophobie noch lange nicht besiegt
Peter Rehberg | Ausgabe 27/2013 24
Homophob sind  immer die anderen

Foto: Alexander Demianchuk / Reuters

Vor ungefähr 30 Jahren fand ein erstaunlicher Tauschhandel statt: Die Schwulen und Lesben in der westlichen Welt gaben ihre experimentelle Sex- und Beziehungskultur auf und bekamen dafür rechtliche Gleichstellung. Der Anlass dafür: HIV und Aids. Ausgerechnet jene Epidemie also, die in den Achtzigern zunächst dafür sorgte, dass gleichgeschlechtliche Liebe und Sexualität erst einmal wieder als Krankheit begriffen wurden, brachte die Homosexuellen letztlich in die Situation, dass die sogenannte bürgerliche Lebensform auch auf sie ausgeweitet und universell gültig wurde.

Wenn man heute, wie beispielsweise bei Anne Will vor drei Wochen, fragt: „Gleiche Rechte für Homosexualität – ist die Ehe nicht mehr heilig?“, dann sind wir nun an einem vorläufigen Endpunkt ebenjener Entwicklung angekommen. Und die Fragen sind grundlegend andere als damals: Inzwischen geht es in den deutschen Medien hauptsächlich darum, ob Lesben und Schwule gute Väter und Mütter sein können. Die Bundestagsabgeordneten Michael Kauch (FDP) und Erika Steinbach (CDU) unterhalten sich da mit Malte Czarnetzki, einem sympathischen und eloquenten 18-Jährigen, der von zwei lesbischen Müttern großgezogen worden ist.

Malte war rührend und in seiner coolen Art, seine Mütter in Schutz zu nehmen, ziemlich unschlagbar. Ach ja, und natürlich ist er bei dem Ganzen nicht schwul geworden! Dagegen konnten die anderen dann wenig einwenden und gaben ein schlechtes Bild ab. Sie kamen einem vor wie böse Stiefeltern. Auch wenn konservative Politiker selbst es bisher kaum so sehen, die Homoehe als Aneignung eines heterosexuellen Lebensmodells kann als ein Erfolg des konservativen Familienbilds verstanden werden.

Gleichberechtigung heißt hier und jetzt, dass jeder seinen individuellen Neigungen nachgehen darf. Das kann man als Menschenrecht verstehen. Mit der Globalisierung verwischt aber gerade der Unterschied zwischen Liberalität als Menschenrecht und Liberalität als Deregulierung des Marktes. Schwer zu sagen, ob es bei der Toleranz gegenüber anderen Sexualitäten noch um das eine oder schon um das andere geht.

Und ob das allerdings auch ein Schutz gegen Diskriminierung und Homophobie ist, darf stark bezweifelt werden. Die jüngsten Entwicklungen in Europa beweisen eher das Gegenteil.

Viele Länder verhalten sich innenpolitisch oft zurückhaltender als außenpolitisch. Neben Frauenrechten sind es vor allem die Rechte Homosexueller, über die ein Unterschied in der politischen Kultur zwischen dem Westen und Russland oder der arabischen Welt markiert wird.

In Europa bleibt die Situation insgesamt schizophren: Umfragen zufolge ist eine Mehrheit der Franzosen für die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen. Aber im Frühjahr gingen Woche für Woche Hunderttausende auf die Straße, um gegen die Homoehe zu protestieren. Das war die größte Protestwelle, die Frankreich seit dem Mai 1968 erlebt hat. Nur mit dem Unterschied, dass es diesmal nicht darum ging, Rechte zu erkämpfen, sondern sie einer gesellschaftlichen Gruppe zu verweigern.

In Deutschland geht es bisher weniger dramatisch zu als in Frankreich. Aber hier hat sich auch noch keine Regierung für die vollständige Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen eingesetzt. Wo es kaum Fürsprecher gibt, gibt es auch weniger Protest.

Das von Rot-Grün 2001 verabschiedete Lebenspartnerschaftsgesetz ist bisher noch immer eine Ehe zweiter Klasse. Es enthält mehr Pflichten als Rechte und ist deswegen unter Lesben und Schwulen verständlicherweise nicht besonders populär. Nur 34.000 Männer und Frauen sind in Deutschland verpartnert, schätzungsweise ein Prozent des lesbisch-schwulen Anteils an der Gesamtbevölkerung.

Die Politik ist ignorant

Die Große Koalition und anschließend auch Schwarz-Gelb haben trotz eines schwulen Bundesaußenministers in dieser Sache seit dem Jahr 2005 nichts gemacht. Die Politik der kleinen Schritte, für die Angela Merkel bekannt ist, verwirklichte sich ganz ohne ihr Zutun: Die Nachbesserungen bei der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft in Deutschland sind in den letzten Jahren nicht über politische Entscheidungen, sondern über Einzelklagen, Druck aus Brüssel oder wie jetzt beim Thema Ehegattensplitting vom Bundesverfassungsgericht ausgegangen. Aktive Antidiskriminierungspolitik sieht anders aus.

Die deutsche Gesellschaft insgesamt verhält sich so wie die bürgerliche Familie, wenn Tochter oder Sohn sich outet: Einmal kurz über die Sache sprechen, um dann bitte nie wieder ein Wort darüber verlieren zu müssen. Dass ein Coming-out so nicht funktioniert, sondern eine lebenslange Aufgabe ist, bei der man Mut beweisen muss, wissen Lesben und Schwule nur allzu gut. In einer Gesellschaft, in der die Annahme vorherrschend ist, dass die meisten Menschen heterosexuell leben, muss man sich immer wieder erklären: gegenüber Freunden, der Familie, Kollegen und manchmal schon, wenn nach dem Partnertarif für das Handy gefragt wird.

Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Medien: Es ist ohne Frage ihre Aufgabe, auf die Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung Homosexueller in anderen Teilen der Welt hinzuweisen. Aber oft dient diese Berichterstattung unter der Hand noch einem anderen Zweck. Sie erscheint wie ein blütenreiner Beweis für die Musterhaftigkeit der eigenen Demokratie. Homophob sind immer die anderen.

So kam die niederländische Regierung vor einigen Jahren auf die Idee, Migranten, die sich um einen dauerhaften Aufenthalt bewarben, Videos von sich küssenden Homopaaren zu zeigen, um ihre Demokratiefähigkeit zu testen. So sehr man sich auf den ersten Blick über die Solidarität des Staates mit Lesben und Schwulen freuen mag, irritierend ist, dass hier Maßstäbe angelegt werden, die einen großen Teil der einheimischen Bevölkerung wahrscheinlich auch nicht repräsentieren würden. Der Verdacht liegt nahe, dass eine Minderheit gegen die andere ausgespielt wird, und Schwule und Lesben zu fremdenfeindlichen Zwecken instrumentalisiert worden sind. Übrigens scheuen sich ja inzwischen weder die europafeindliche „Alternative für Deutschland“ noch die ausländerfeindliche „Bürgerbewegung Pro-Köln“, auf lesbisch-schwulen Veranstaltungen in Deutschland Präsenz zu zeigen.

Auch wenn Homosexuelle zahlenmäßig eine eher kleine Gruppe ausmachen, symbolisch sind sie also ein großes Thema. Das Problem ist, dass ihre Präsenz im öffentlichen Leben und in den Medien nicht unbedingt als Ausdruck gesellschaftlicher Realitäten und Befindlichkeiten verstanden werden kann. Inszenierung und Wirklichkeit klaffen noch immer weit auseinander.

Sichtbarkeit führt zu Gewalt

Das lässt sich zunächst ganz einfach anhand der Reaktion auf die Darstellung von Homos in den Medien zeigen. Die Bilder von gut aussehenden, glücklichen und wohlhabenden Männern, die sich vor den Kameras das Ja-Wort gegeben haben und sich küssen – so wie Vincent Autin und Bruno Boileau, die in Montpellier als erstes Homopaar von dem neuen Recht zu heiraten in Frankreich Gebrauch machten –, werden wahrscheinlich auch Neid bei den Fernsehzuschauern ausgelöst haben.

Wenn gesellschaftliche Minderheiten nicht als Opfer, sondern als erfolgreiche Menschen gezeigt werden, wird es schon schwieriger mit der Toleranz. In Frankreich hat man jüngst gesehen, wie sich im Protest gegen die Homoehe eine nur auf den ersten Blick erstaunliche Allianz aus Einwanderern ohne Aufstiegschancen und eigentlich ausländerfeindlichen Nationalisten ergeben hat. Eine stabile Gender-Identität wird hier zur Zufluchtsstätte, zu einer Art kleinstem gemeinsamem Nenner der Unterprivilegierten.

Mit anderen Worten: Sichtbarkeit produziert auch Gewalt. Denn diese schönen medialen Bilder besitzen ihre eigene Dynamik, sie führen ein Parallelleben, dessen negative wie auch positive Rückkopplungseffekte keineswegs immer klar sind. Nur weil Homos als Kapitalismus- und Demokratie-Maskottchen entdeckt worden sind, heißt das noch nicht, dass damit auch das Problem von Homophobie wirklich angegangen wird. Symbolpolitische Inanspruchnahme und Interesse an der Kaufkraft einer Konsumentenschicht sind nicht unbedingt ein zuverlässiger Schutz gegen Homophobie. Darin liegt die aktuelle, verblüffende Gleichzeitigkeit von Homoakzeptanz und Homophobie begründet.

Denn abseits der Medienbilder existiert Homophobie weiterhin. In Frankreich genauso wie in Deutschland. Wer sich wann wo outen kann, ohne mit persönlicher Diskriminierung und beruflichen Nachteilen rechnen zu müssen, hängt vom Wohnort, dem Milieu und der Machtposition ab. Die deutsche Wirtschaft ist keinesfalls ein homofreundliches Umfeld, wie mir ein Freund, der eine Führungsposition in der Autoindustrie innehat, immer wieder versichert. Intelligenz und Leistungsfähigkeit reichen oft nicht, um es mit den männerbündlerischen Dynamiken von Betrieben, die ja bisher auch immer noch ihre Privilegien gegenüber Frauen erfolgreich verteidigen, aufzunehmen.

Sich als Schwuler oder Lesbe nicht erkennen zu geben, kann immer noch eine private und berufliche Überlebensstrategie sein. Dass mein Freund kein Einzelfall ist, hat vor vier Jahren auch der Fall von Harald Christ bewiesen, der im Schattenkabinett von Frank-Walter Steinmeier als Wirtschaftsminister vorgesehen war. Erst sein geschäftlicher Erfolg machte ihn schließlich so unangreifbar, dass er sich zu einem Coming-out entschloss.

Jenseits einer zunehmenden rechtlichen Gleichstellung kann Homophobie immer noch lebensbedrohlich sein. Das haben eine Reihe von Selbstmorden unter schwulen Teenagern in den USA im Herbst 2010 gezeigt. Innerhalb weniger Wochen brachten sie sich um, weil sie die Diskriminierung in ihren Schulen nicht länger ertragen konnten.

Vor allem seit seiner Wiederwahl im vergangenen Herbst versäumt Barack Obama es nicht mehr, bei wichtigen Anlässen wie seiner Vereidigung oder auch bei seiner Rede gerade eben vor dem Brandenburger Tor, auf die Rechte von Lesben und Schwulen hinzuweisen. Auffällig ist, dass selbst seine Fürsprache erst in dem Moment erfolgt, wenn politisch nicht mehr viel auf dem Spiel steht. Obama kann nicht wiedergewählt werden. Deutschen Regierungspolitikern gehen Sympathiebekundungen mit Lesben und Schwulen vor laufenden Fernsehkameras allerdings gar nicht erst über die Lippen. Das muss schon Claudia Roth machen.

Aber kommen wir noch einmal auf das Verhältnis von Sexualität und Liberalität zurück: Das Modell der Wahlfreiheit hat sich heute ja auf alle Lebensbereiche übertragen. Vor allem aber auf Sex und Partnerwahl – wie man an Kontaktanzeigen in Zeitungen und in Online-Foren sehen kann. Sexualität ist in westlichen Gesellschaften alles andere als ein Tabu – selbst wenn man noch irgendwelche moralischen Bedenken haben sollte. Jedenfalls solange es um eine Plug-and-play-Mentalität geht, die sich als Modell einer präsentablen, einsatzbereiten und flexiblen Sexualität versteht, in die jeder sich schnell ein- und wieder ausklinken kann. Affektive, körperliche Zustände sind längst derart ökonomisiert ausgerichtet, dass sich eine kapitalistische Gesellschaft ihre Tabuisierung nicht länger erlauben kann.

Deswegen ist das eigentliche Tabu in der Debatte um die Gleichberechtigung nicht etwa die Homosexualität selbst – jedenfalls nicht, wenn wir sie als Beispiel individueller neoliberaler Wahlmöglichkeiten verstehen. Ein Tabu ist es heute, umgekehrt die Wahlmöglichkeiten einzuschränken und der Produktivität Grenzen zu setzen. In der Toleranz gegenüber Homosexuellen beweist sich die Allmacht des neoliberalen Prinzips, das sich im Feiern individueller Vorlieben ausdrückt.

Außerdem gibt es in der Tat noch grundlegende Unterschiede zwischen Heteros und Homos, die eigentlich auch im Interesse von Homosexuellen diskutiert werden sollten. Aber nicht zuletzt sie selbst wollen das im Wohlfühlklima von TV-Talks kaum noch zugeben. Das Trennende kommt paradoxerweise nur noch in den hilflosen Sätzen einer Erika Steinbach vor, die, auch das konnte man in besagter Talkshow von Anne Will sehen, keine Argumente außer den biologischen dafür hat, um über Unterschiede in der sexuellen Orientierung und ihre psychischen, sozialen und kulturellen Folgen zu sprechen. Der Rest fügt sich einer Egalitätsrhetorik, die unwidersprochen bleibt.

Vor allem Homosexualität selbst, so paradox das klingt, bleibt ein Tabu. Gemeinsam mit der Mehrheitsgesellschaft hat die lesbisch-schwule Bürgerrechtsbewegung in den letzten 30 Jahren das Kunststück vollbracht, über Homosexualität zu reden und gleichzeitig zu schweigen.

Über Sex wird geschwiegen

In der neoliberalen Fantasie, wenn man das mal so nennen kann, kommt Sexualität zwar vor, aber nur als jugendliche Tüchtigkeit und sportliche Selbstoptimierung. Als Betätigungsfeld kalkulierbarer, risikoarmer Wünsche und ihrer Befriedigung. Sex als Verausgabung und Grenzüberschreitung, die sowohl mit Lust als auch vielleicht mit Angst besetzt ist, gibt es in der gut ausgeleuchteten Zone einer pornografisierten Gesellschaft nicht. Insofern ist auch eine schwule oder lesbische Sexualität light bestens kompatibel mit dieser Propaganda.

So hat Homosexualität ihre rechtlichen Fortschritte erzielt. Sexuelle Orientierung wird dabei behandelt wie das Identitätsmerkmal Hautfarbe oder Religion. Mit dem Unterschied, dass Homosexualität trotz dieses Anerkennungsprozesses noch immer stärker versteckt werden muss: Die Sexualität selbst jedoch bleibt abstrakt. Wenn diese Strategie vielleicht auch notwendig war, um das potenzielle Skandalthema Sexualität zu umschiffen, so hat sie nicht nur einen hohen Preis, sondern verkennt auch das Problem.

Denn Homophobie bleibt auch deswegen bestehen, weil Bilder liebender schwuler Väter und lesbischer Mütter keinen Einfluss auf die Phobie vor der anderen Sexualität haben. Denn die bleibt dabei unangetastet. Lesben und Schwule geben das nicht gerne zu, wissen sie doch intuitiv, dass von ihrer entsexualisierten Darstellung ihr Erfolg im Mainstream abhängt.

Ein wirksamer Kampf gegen Homophobie müsste aber genau dort ansetzen, wo solche Ängste sitzen. Schwule oder Lesben, die darauf insistieren, dass sich ihre Sexualität und damit auch ihr Leben von Heterosexuellen nicht unterscheidet, sind sich mit ihnen darin einig, dass Gleichstellung über Gleichheit funktioniert. Aber Toleranz läuft ab über das Anerkennen von Unterschieden, die nicht nur gemütlich sind. Denn der eigene Lebensentwurf, das heißt die eigene Sexualität, wird durch die Sexualität der anderen nicht zwangsläufig bestätigt. So lauert am Grund der gegenwärtigen schizophrenen Gleichzeitigkeit von Toleranz und Homophobie immer noch die Verdrängung von Sexualität selbst.

Peter Rehberg, geboren 1966, arbeitet als Associate Professor beim Germanic Studies Departement der University of Texas Austin. Zuvor war er viele Jahre Chefredakteur der Magazine Männer und Siegessäule . Er lebt in Berlin und Austin

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06:00 18.07.2013
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