Homophobe Verniedlichung

Entsexualisierung Wenn sich queere Paare trauen lassen, bekommen sie auf dem Amt häufig zu hören, dass sie „einander jetzt knuddeln“ dürften. Was soll das?
Homophobe Verniedlichung
Solange homosexuelles Begehren still und heimlich passiert, wird es hingenommen

Foto: Andreas Solaro/AFP/Getty Images

Küssen, Streicheln und andere Liebesbekundungen in der Öffentlichkeit sind für homosexuelle Paare schwierig bis gefährlich. Schwule sehen sich häufig mit Hass und Ekel konfrontiert. Lesbische Paare rufen zudem mitunter männliche Erregung hervor. Die Erregung rührt aus der Fantasie von heterosexuellen Männern, einmal in ihrem Leben einen Dreier mit zwei Frauen zu haben. Wahlweise treten sogar Ekel und Erregung zeitgleich in einem verstörend abwechslungsreichen Verhältnis auf. Nie ist es die Angst vor Homosexuellen. Das griechische Wort Phobie deutet auf ein gänzlich falsches Verhältnis. Es ist nicht die Furcht vor gleichgeschlechtlicher Liebe, sondern vielmehr die Furcht, die Vormachtstellung des eigenen Hetero-Begehrens abzutreten, wenn man auch andere Formen des Begehrens anerkennt. Ich habe noch nie die Erfahrung gemacht, dass Menschen Angst vor meiner Sexualität hatten, nie habe ich ihnen ihre eigene aberkannt. Doch habe ich in meinem Leben schon auf unterschiedliche Weisen suggeriert bekommen, dass es besser wäre, meine Sexualität nicht in der Öffentlichkeit zu zeigen. Es könnte als aufdringlich empfunden werden.

Solange homosexuelles Begehren still und heimlich passiert, wird es hingenommen. Bei Heterosexualität wird sich dagegen nicht zurückgenommen. In der Werbung zum Beispiel: Hetero-Paare auf Plakaten für Hochzeitsmessen, in Aufklärungswerbung zu sexuell übertragbaren Krankheiten, kuschelnde Hetero-Paare auf Urlaubsplakaten. Aus der Zuneigung und Körperlichkeit von Mann und Frau wird scheinbar eindeutig ersichtlich, dass sie heterosexuell sind. Anders bei homosexuellen Paaren. Selten bis nie küssen sie sich auf Plakaten, außer es ist ein explizit queeres Thema. Wenn sie sich im Standesamt trauen lassen, dann bekommen sie seit kurzem häufiger den Satz zu hören „Sie dürfen einander jetzt knuddeln“, statt des altbekannten „Sie dürfen einander jetzt küssen“. Verniedlichung als neue Form von Homophobie?

Wenn auf diese Weise homosexuelle Menschen entsexualisiert werden, dann beschränkt man sie auf eine engezwischenmenschliche Beziehung und bewahrt die Vormachtstellung der Hetero-Beziehung. Homo-Beziehungen werden mit Freundschaften gleichgestellt, wenn ihre Sexualität ausgeblendet wird. In einer Gesellschaft, in der der Satz „Wir sind nicht zusammen, sondern wir sind nur Freunde“ eine starre Hierarchie widerspiegelt, wird somit die homosexuelle Beziehung auf die Ebene der Freundschaft gestellt und abgewertet.

06:00 10.12.2017

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