Homophobie ist machbar

Backlash Die größere Sichtbarkeit von Schwulen und Lesben in der Öffentlichkeit bewirkt paradoxerweise eine größere Abwehr gegen sie

Homosexuelle Identität macht nur Sinn innerhalb der dramatischen Dialektik von Unterdrückung und Befreiung. Damit ist dem politischen Projekt schwuler Emanzipation immer schon der Wunsch ihrer eigenen Überwindung eingetragen: In einer Welt jenseits einer zwanghaften sexuellen Norm wäre die Differenz homo/hetero tatsächlich nicht mehr der Rede wert. Daher auch all die Rufe nach mehr Gelassenheit und dem Ende der Homosexualität als nerviger politischer Selbstbehauptung, egal, ob sie jetzt "metrosexuell" oder "anti-gay" heißen, wie der britische Autor Mark Simpson schon in den neunziger Jahren vorgeschlagen hat. Selbst die im Zuge des Aids-Aktivismus Ende der achtziger Jahren in Umlauf gebrachte Vokabel "queer" muss daraufhin getestet werden: Inwieweit bietet ein Konzept, das noch andere marginalisierte Identitäten und Praktiken mitmeint, ein effektiveres Beschreibungsmodell, oder arbeitet es nicht auch einem eigenartigen Verschweigen des Schwulen und Lesbischen zu?

Wegen der Paradoxie - in der sich Minderheiten in der Regel befinden - dass eine Befreiung die Abschaffung ihrer Identität beinhaltet, steht die Sprache der Befreiung selbst immer unter dem Verdacht, mit einer homophoben Verneinung des Lesbischen und Schwulen zu paktieren. Welchen Vorteil das Leugnen existierender Probleme mit sich bringen würde, ist klar: Nicht nur eine heterosexuelle Mehrheit ersparte sich dann einen Antidiskriminierungsaufwand, wenn das Problem Homosexualität als abgehakt gilt und man endlich wieder zur "Tagesordnung" übergehen kann. Auch Lesben und Schwule selbst wären verständlicherweise erleichtert, wenn ihr Schicksal nicht permanent auf der politischen Waagschale liegt, und sie nicht mehr dafür gebraucht würden, als Maskottchen die Liberalität westlicher Gesellschaften zu illustrieren (oder das Gegenteil).

Aber diese Erleichterung gibt es nicht, und wer das sagt, gilt schnell als Spielverderber. Ein Blick auf die Landkarte im Jahr 2007 zeigt mindestens ein widersprüchliches Bild, wie inzwischen selbst die liberal-konservative Zeit bereit ist, in einer Titelgeschichte zu zeigen. Und so katastrophal die Lage in den meisten osteuropäischen EU-Ländern und Russland auch ist (und so skandalös Angela Merkels Schweigen als EU-Ratspräsidentin dazu), man muss gar nicht erst nach Warschau oder Moskau schauen, um Homophobie zu finden.

Faktisch lässt sich zwar sagen, dass es in den letzten 15 Jahren deutliche rechtliche Verbesserungen in Deutschland gegeben hat: angefangen 1994, also noch unter der Regierung Kohl, mit der Abschaffung des Paragraphen 175, der für homosexuelle Handlungen ein anderes Schutzalter festschrieb als für heterosexuelle. Dann mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz von Rotgrün vor sechs Jahren. Und schließlich letztes Jahr mit dem AGG (Allgemeinem Gleichstellungsgesetz), das auch Diskriminierung sexueller Minderheiten am Arbeitsplatz unter Strafe stellt, und mit dem die große Koalition endlich Vorgaben aus Brüssel erfüllt hat.

Auch wenn das Lebenspartnerschaftsgesetz in seiner jetzigen Form als Ehe zweiter Klasse mit vielen Pflichten und wenig Rechten nicht akzeptabel ist (der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands - LSVD - versucht zur Zeit über die Aufnahme einer Klausel zur sexuellen Gleichbehandlung im Grundgesetz, dem Abhilfe zu schaffen), das Zwischenergebnis lässt sich sehen, jedenfalls in Relation zur Bürgerrechtssituation zum Beispiel in den USA. Im Vergleich mit Staaten wie Spanien und Südafrika schneidet Deutschland homorechtlich hingegen schlecht ab.

Selbst wenn man den aktuellen Zwischenstand der Homorechte in einer konservativen, von christlichen Werten geprägten Gesellschaft wie der deutschen als Erfolg wertet, genauso wie es einerseits die Eigenheit gesellschaftlicher Minderheiten ist, die bestehenden Schwierigkeiten lieber zu leugnen, gehört es andererseits auch zu ihrer Identität, dem Frieden niemals zu trauen. Aus gutem Grund gibt es so, wie es den berühmten jüdischen Verfolgungswahn gibt, auch eine homosexuelle Paranoia - die, wie die jüdische, in erster Linie ein durch Angst geschärfter intelligenter Überlebensinstinkt ist. Diese beiden für die Moderne so emblematischen und in Deutschland so ungeliebten Figuren haben aus gutem Grund Misstrauen zu einem wesentlichen Bestandteil ihrer Kultur gemacht.

Während vor allem im schwulen Lifestyle immer wieder neue Utopien entworfen werden, pornografische (Pornografie: Leitkultur der Schwulen), halluzinatorische (Drogenparties als letzte Utopie) oder einfach kitschige (der Rainbow-Aufkleber am VW-Golf), bleiben die Lesben und Schwulen politisch dennoch auf der Lauer. Egal, wie sorglos sich in den abgedichteten Räumen von Sexpartys, Clubs und Wohnzimmern Freiheit exzessiv erfahren und feiern lässt, Diskriminierung kennen die meisten auch.

Trotz Wowi, Thomas Hermanns und Maren Kroymann: 52 Prozent aller Lesben und Schwulen haben sich am Arbeitsplatz nicht geoutet. Mehr als die Hälfte der schwulen Jugendlichen in Deutschland, 56 Prozent, sind Spott ausgesetzt. "Schwul" ist das beliebteste Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen. Bei der mit 24.000 Teilnehmern bisher größten Umfrage zum Thema, die das Berliner Anti-Gewalt Projekt Maneo durchführte, gaben mehr als ein Drittel der Befragten an, sie seien in den letzten zwölf Monaten Opfer von Gewalt gewesen. Das sind nicht nur abstrakte Zahlen, sondern dahinter verbergen sich Geschichten von Menschen in diesem Land. Die Folgen der Angriffe hat Maneo gerade mit einer Fotoausstellung dokumentiert.

Wie kommt es also, dass man in der Gegenwart gleichzeitig den Fortschritt homosexueller Rechte und sein Gegenteil, die Zunahme an Gewalt und Diskriminierung feststellen muss? Ein naheliegender Grund ist natürlich, dass Emanzipation niemals ein natürlicher, sondern immer ein politischer Vorgang ist, der deshalb auch nie sicher sein kann, sondern stets wiederholt und bekräftigt werden muss: genauso wie ein Coming-out - es sei denn, man ist berühmt. Und solange die Schulen nicht die Aufklärungsarbeiten leisten, zu der die meisten Eltern nicht fähig sind, wird Wissen über sexuelle Minderheiten mit jeder Generation neu umkämpft und nie an einem sicheren kulturellen und sozialen Ort angekommen sein.

Es gibt aber noch eine andere Erklärung. Der US-amerikanische Drehbuchautor und Aidsaktivist (Gründungsmitglied von "Act-Up") Larry Kramer glaubt, dass in der nordamerikanischen Gesellschaft die Homophobie proportional zur Befreiung der Lesben und Schwulen steigt - einfach weil sie sichtbarer geworden sind. Die Hollywood-Produktion Brokeback Mountain - ein Melodrama über schwule Cowboys - verpasste letztes Jahr nicht nur knapp den Oscar als bester Film, sondern wurde in einigen Bundesstaaten auch boykottiert. So ist es wohl auch in Deutschland: Klaus Wowereit mit seinem Freund Jörn Kubicki Arm in Arm am Abend des Wahlsieges, oder Thomas Herrmans, der bei der Verleihung der Goldenen Kamera zur besten Sendezeit im deutschen Fernsehen Coming-out-Hilfe für Jugendliche anbietet, helfen damit nicht nur dem Mut und Selbstbewusstsein der Schwulen, sondern beschwören gleichzeitig auch Hass herauf. Anders ist Emanzipation nicht zu haben, der Backlash ist ein Teil davon.

Die ambivalente Stimmung der Gegenwart hat also historische Ursachen. Wir befinden uns in einer Phase der Homobewegung, wo die gewonnene Sichtbarkeit von Lesben und Schwulen zugleich einen Backlash provoziert. Auch wenn viele gesellschaftliche Gruppen, wie Kirchen und Gewerkschaften, oder private Unternehmen wie Ford inzwischen dazu beitragen, dass Lesben und Schwule ihren festen Platz in der deutschen Konsensgesellschaft haben, den gegenwärtigen Zeitpunkt einfach in eine Fortschrittslogik einzusortieren, wäre falsch und naiv.

Die Liberalität in Deutschland erweist sich also vielmehr daran, wie die Gesellschaft mit der augenblicklichen Backlash-Situation umgeht. Wird den Lesben und Schwulen in diesem Land signalisiert, dass sie sich nun mal zurückhalten sollen (dann wird ihnen ja auch nichts passieren)? Oder bekennt sich diese Gesellschaft dazu, dass es ganz selbstverständlich sein muss, dass zwei Frauen oder Männer sich in der Öffentlichkeit küssen? Gerade hat die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag deutlich geäußert, was schon lange alle annahmen, dass homopolitisch für sie das Maß ausgereizt ist. Anders als die große Koalition machen die deutschen Medien in dieser Hinsicht zur Zeit tatsächlich Hoffnung. Noch nie ist das Thema Homosexualität mit so einer Selbstverständlichkeit regelmäßig auf den vorderen Seiten der deutschen Tages- und Wochenzeitungen zu finden gewesen - auch jenseits der Christopher-Street-Day-Paraden.

Der Auftrag, die Sichtbarkeit nicht zurückzunehmen, sondern voran zu treiben, richtet sich aber auch an Lesben und Schwule selbst. Dafür gibt es nach wie vor die CSDs, die Straßenparaden, die diesen Sommer wieder durch die deutschen Großstädte ziehen. Und auch wenn für viele Lesben und Schwule der homosexuelle Feiertag inzwischen den gleichen spießigen Beigeschmack hat wie überflüssige Familienfeste, viele sind auch immer noch ergriffen, wenn sie zum Beispiel beim Berliner CSD von der Siegessäule aus auf die Straße des 17. Juni blicken und 400.000 lesbische und schwule Menschen und ihre Freunde trotz Regengüssen feiern und tanzen sehen.

Der Vorwurf, dass die Paraden nichts anderes als Entertainment und Eskapismus sind, die den oftmals noch schwierigen Alltag lediglich überblenden, ohne Impulse zu bieten, ihn zu ändern, ist genauso alt wie die Paraden selbst. Seit den Siebziger-Disco-Tagen war die Straßenparade genauso wie der schwule Dancefloor immer beides: Weltflucht wie Identitätsvergewisserung, die auch gerade hilft, den Alltag mutig zu meistern.

Man könnte also die Begriffe Unterdrückung und Befreiung, die das Spektrum der homosexuellen Identität markieren, auch durch die von Politik und Party ersetzen. Denn dass für die CSDs diskutierte Verhältnis von Party und Politik wiederholt das Paradox, dass der homosexuellen Identität selbst eingetragen ist: Schwule Identität ist notwendig, damit sie in einer freien Gesellschaft nicht mehr notwendig sein wird, und schwule Politik ist notwendig, damit sie einmal nicht mehr notwendig sein wird und der politische Protest von der Partystimmung abgelöst werden darf. In diesem Spannungsverhältnis stehen dann auch die Straßenszenen des CSD.

Keine Frage: nicht alles am CSD ist toll. Man kann zum Beispiel sagen, dass sich das Verhältnis von Politik und Kommerz auf perverse Weise gewandelt hat: Kommerz ist keine Verlängerung politischer Absichten mehr, sondern eher umgekehrt: Schwule Politik wird als Etikett für Geschäftsinteressen instrumentalisiert. Und manchmal kann man sich auch fragen, ob man eigentlich gerade auf einer homosexuellen Veranstaltung ist, denn bis zur Unkenntlichkeit sind die Homoparaden in die großstädtische Entertainment-Kultur integriert.

Gleichzeitig sind die karnevalesken Paraden immer auf ganz simple Weise politisch: Für den französischen Wissenschaftsjournalisten und Foucault-Biographen Didier Eribon zum Beispiel ganz einfach durch ihre Existenz: Zeigen, dass es Homosexualität gibt. Wenn Minderheiten feiern, ist das immer schon Politik, auch wenn die Party irgendwann vorbei ist und man auf dem Nachhauseweg immer noch nicht ohne seine antrainierten Überlebensinstinkte auskommt. Auch nicht in diesem Land.

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Peter Rehberg, geboren 1966, lebt als Journalist, Autor und Literaturwissenschaftler in Berlin. Er ist Chefredakteur der Zeitschrift Männer aktuell. Zuletzt erschien von ihm der Band Lachen lesen. Zur Komik der Moderne bei Kafka.
00:00 29.06.2007

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