Hongkong blues

Proteste Als Schnittstelle zwischen dem westlichen Neoliberalismus und Chinas Staatskapitalismus hat die Stadt an Bedeutung verloren
Hongkong blues
Protestierende in Honkong mit Gasmasken. Die chinesische Polizei setzt mitunter Tränengas ein

Foto: Philip Fong/AFP

In den 22 Jahren, seit die Souveränität der britischen Ex-Kolonie an China übertragen wurde, besaß Hongkong eine Art Zwischenexistenz. Es diente als Schnittstelle zwischen westlichem neoliberalen Globalismus und chinesischem Staatskapitalismus. Das Leben unter diesen Bedingungen war nicht leicht. Dieselben Deals, die Hongkong zu einem so gefragten Finanzzentrum und einem der wichtigsten Absatzmärkte für Kapital aus Festlandchina machten, haben der Stadt auch einen der höchsten Gini-Koeffizienten weltweit beschert: Jeder fünfte Bewohner lebt heute unter der Armutsgrenze. Exorbitante Mieten zwingen einen durchschnittlichen Hochschulabsolventen, 13 Jahre lang das gesamte Einkommen beiseite zu legen, um eine Wohnung nur anzahlen zu können. Doch selbst ganz gewöhnliche Hongkonger glauben, dass ihre Kultur und Lebensart solange unangetastet bleiben, solange die Stadt für Chinas Elite ein „Fenster zur Welt“ ist. Lieber das, als ganz geschluckt zu werden.

Nun schließt sich dieses Fenster. China ist nicht länger auf Hongkong angewiesen, was bedeutet, dass der Westen die Stadt ebenfalls nicht länger braucht. Fast schon grotesk wirkt die Erinnerung an progressive Politiker in Hongkong in den 1990ern, als sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf ein Viertel des chinesischen belief. Man glaubte, die Stadt könnte China eines Tages zu einer liberalen Demokratie verhelfen. Inzwischen ist Chinas BIP gut 30mal so hoch wie das der Sonderverwaltungszone.

Seit 1997 hat Peking zudem systematisch die einflussreichsten Institutionen übernommen, Oligarchen ausbezahlt und in Investruinen geschleift, um das Erbe der Kolonialmacht zu recyclen. Hongkong hat darauf mit einer Mischung aus Protest und resignativer Anpassung reagiert. Das Scheitern der Regenschirm-Bewegung von 2014, als Demonstranten 97 Tage lang Straßen und Plätze besetzt hielten und ein allgemeines Wahlrecht forderten, war ein herber Schlag. Die von Peking öffentlich unterstützte Polizeigewalt bestätigte die Befürchtung der Hongkonger, dass ihr Leben in den zentralen Planungen für die Zukunft der Stadt keine Rolle mehr spielt.

Unter einigen Demonstranten kursiert ein gängiges Sprichwort: „Wir allein können unser Hongkong retten.“ Wie viele Slogans hat der Satz mehrere Ebenen: Er kann ein Aufruf sein, doch ebenso ein Verweis auf die Ohnmacht des globalen Neoliberalismus und seine leeren Versprechen, die „Freiheit“ in (wohlhabenden) Gesellschaften zu verteidigen. Schließlich gibt es so gut wie keine Anzeichen dafür, dass der Westen in den jetzigen Konflikt hineingezogen sein will. Selbst als die Demonstranten verzweifelte Versuche der „Volksdiplomatie“ unternahmen, britische Fahnen schwenkten, Anzeigen in ausländischen Zeitungen schalteten, dazu Lobbyarbeit leisteten, wollten britische wie US-Politiker nicht mehr Hilfe anbieten als ein paar Tweets und sparsame Symbolpolitik. Was es davon gab, wurde untergraben, als Donald Trump ausposaunte, was viele andere aus Gründen der Höflichkeit nicht sagen wollten: Dass es sich bei den Protesten um „Unruhen“ handle und „China diese beenden“ könne, wenn es das wolle.

Dass die Götter der Globalisierung noch nicht einmal auf die Notsignale dieser kapitalistischen Zitadelle in Asien reagieren, sollte als bislang deutlichstes Beispiel dafür gewertet werden, was die Unterdrückten rund um den Globus schon lange wissen: Der Neoliberalismus war noch nie ein System für transnationale Solidarität. Er folgt vielmehr einfach seiner Logik. Die Hongkong-Krise zeigt, dass der Neoliberalismus nicht deshalb untergeht, weil die Linke ihn zurückdrängt, sondern weil er von der effizienteren Praxis einer autoritären kapitalistischen Gewalt ersetzt wird. Es zeigt sich, wie gefährlich die Welt wurde, seit ihr eine einheitliche internationale Linke fehlt.

Für die Hongkonger gibt es keine postkolonialen Modelle der Selbstbestimmung, mit denen sich die Stadt aus dem Griff der chinesischen Staatsmacht befreien könnte. Selbst der bei den Protesten beliebteste Slogan „Befreit Hongkong, Revolution unserer Zeit“, klingt ideologisch verworren, da unklar bleibt, ob die Parole nach vorn oder nach hinten gerichtet ist. Soll die historische Agenda zurückgewonnen oder eine positive Vision entwickelt werden? Nichts ist erreicht, werden einfach nur wiederbelebte westliche Rahmenbedingungen auf Hongkong übertragen. Gebraucht wird der Mut, eine antikapitalistische, antiautoritäre Politik aus der Perspektive dieses Zwischenortes aufzulegen.

Nur kann eine Grenzstadt mit sieben Millionen Einwohnern nicht im Alleingang die Hegemonien zerschlagen, die sie umgeben. Was nicht heißt, auf die Suche nach einer Gesellschaft jenseits des kapitalistischen Musters zu verzichten. Dann wären die Bewohner Hongkongs womöglich in der Lage, sich am Aufbau dessen zu beteiligen, was Bernie Sanders die „internationale progressive Front“ nennt. Er will damit all denen entgegentreten – ob unverantwortlicher Regierungs- oder unverantwortlicher Unternehmensmacht –, „die versuchen, uns zu spalten“. Mit dem Tod dieser neoliberalen Stadt kann eine neue emanzipatorische Geschichte bevorstehen.

Wilfred Chan schreibt aus der Hongkong-Diaspora, lebt in New York und berichtete 2014 über die Regenschirm-Bewegung. Eine längere Version dieses Textes hat Chan zunächst bei dissentmagazine.org veröffentlicht. Wir danken dem Dissent Magazine für die Möglichkeit zur Übernahme dieses Textes.

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 23.08.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 2