Honig und Zunder

Zeitschriftenschau Kolumne

Es gibt literarische Themen, die es verdienen, weiterverfolgt zu werden, auch und gerade dann, wenn sich die Feuilletons nicht um sie scheren. Von Raoul Schrotts kühnem Versuch einer Neufassung der Ilias, deren erster Gesang im Juniheft der Akzente abgedruckt wurde, war hier bereits die Rede. Nun also, im Augustheft, der zweite Gesang und dazu - um vielleicht doch noch eine Diskussion anzustoßen - ein brillant argumentierender Aufsatz von Joachim Latacz, emeritierter Gräzist und Homer-Experte. Während der Arbeit an den ersten beiden Gesängen war er Schrotts wichtigster Berater ("Vers für Vers und Wort für Wort"), nun bezieht er erstaunlich klar eine Gegenposition und rückt die Dissenspunkte ins Licht.

Grundsätzlich vertritt Latacz die Ansicht, dass eine Homer-Übertragung "zu Homer hin" unterwegs sein sollte, statt sich von ihm weg in ein wie immer definiertes "Heute" zu bewegen. Daraus folgt, dass der Hexameter unbedingt zu erhalten ist, während Schrott ihn zwar nicht durch rhythmische Prosa (wie einst Wolfgang Schadewaldt), wohl aber durch Verse in freien Rhythmen ersetzt hat. Die prägende Form fortzuwerfen bedeutet für Latacz eine "Verkrüppelung" der Dichtung.

Mit der Eliminierung des Hexameters sind weitere Opfer verbunden, so etwa "die Verwerfung der spezifisch Homerschen Diktion", des parataktischen Stils, zugunsten der "Alltagsrede". Latacz moniert ferner den Verlust der sprachlichen Formeln, schmückender Beiworte wie die "rosenfingrige" Eos oder der "fußschnelle" Achilleus, die sich wie das feste Versmaß einer mündlichen Sangestradition verdanken, und konstatiert abschließend "eine gravierende Beschneidung der Größe Homers."

Eröffnet wird das neue Heft der Akzente mit (leider nur) einem Gedicht von Reinhard Paul Becker, einem längst vergessenen Dichter, der - unbemerkt von den politisierenden Feuilletons - im vergangenen Juni in New York gestorben ist. Becker wechselte, wie sein Freund Reinhard Lettau, 1953 mit einem von Peter Wapnewski vermittelten Stipendium von Heidelberg nach Yale. Seit 1965 war er Professor für Deutsche Literatur an der New York University. In den fünfziger Jahren erschienen einige Gedichtbände von Becker, zuletzt Veränderungen auf eine Briefstelle (im Limes Verlag 1960) sowie Werk-Übersetzungen von Dylan Thomas.

Als Toter ist Reinhard Paul Becker nun wieder in das Heidelberg seiner jungen Jahre zurückgekehrt. Er wurde in einer Urne in Buchform beigesetzt, es erklang die Titelmelodie aus dem Dritten Mann, und als ich am Grab eine alte Dame im Rollstuhl fragte, ob sie den Dichter schon in ihrer Studienzeit gekannt habe, antwortete sie: "Natürlich". Gleich beim ersten Zusammentreffen habe er zu ihr gesagt: "Sie erinnern mich an Honig", was doch irgendwie homerisch klinge.

Über mangelnde Zuwendung beklagt sich inständig der Lyriker Heinz Czechowski auf immerhin zwölf Seiten der Akzente. Fern von ihm vertrauten Städten wie Dresden, Leipzig oder Amsterdam muss er im tristen Frankfurt am Main vegetieren: "Nichts als Verdruß in Hessen." Er ist krank, seine Schulden "steigen ins Unermeßliche", ein "Armenbegräbnis" erwartet ihn, während "die Arschlöcher,/Die ich einst/meine Freunde nannte", jetzt "wichtige Posten" innehaben oder wenigstens, wie Karl Mickel, unweit von Brecht "ein Ehrengrab" bewohnen. "Von mir aus", so Czechowski neidzerfressen, "Soll doch zugrunde gehen,/Was uns kaputt macht."

Vom Durchhaltevermögen alter Kämpfer wie Hemingway oder Céline schwärmt der seit 30 Jahren in Paris lebende Schweizer Autor Paul Nizon mit leicht überdrehtem Pathos (im vorletzten Heft von Sinn und Form). In seinen Arbeitsjournalen fühlt er sich - wie sie - mit dem Mythischen verbunden, doch zugleich in die neue Zeit geworfen und so "durch Gebrochenheit" modern: "Die Lebensplätze und Lebensländer, die ich so tief verehre und abgrundtief liebe wie Rom und Barcelona und Paris sind in meinen Augen und Ohren schon immer und heute noch voller Partisanentod und Mordlärm, da ist ein Chor der Tapferkeit und Opferbereitschaft...", ein heroisches Rauschen, das der heutigen Unterhaltungskulisse in diesen Städten kaum noch entspricht. Auch das Geniegehabe, das Nizon kultiviert - Schreiben als "todesmutige Existenz-Befragung" und manisch-einsame Jagd nach Bildern - wirkt schon etwas angejahrt.

Auch im Gespräch mit Renatus Deckert spart Nizon nicht an erhabenen Worten. Seine Liebe zu Paris sei ungebrochen: "Noch immer ist diese Stadt die schöpferische Herausforderung, die große Fremde, die mich immerzu anstachelt, lockt und dazu verführt, ihr schreibend beizukommen." In Paris erst habe er seine Schweizer Provinz hinter sich gelassen und bewege sich seither "auf dem Feld der Weltliteratur", in einer gewissen Nähe zu Peter Handke. Dagegen sei in Deutschland die Luft dünn und "wie entfettet". In einer Stadt wie Berlin herrsche Leere und Nüchternheit; es fehle das "Getümmel", das auch "die Tröstlichkeit der großen Illusion" erzeugt.

Der Lyriker und Erzähler Nicolas Born, einer der sprachmächtigsten Autoren der sogenannten 68er, ist im Dezember 1979 mit 42 Jahren an Krebs gestorben. Lange schien es so, als ob er - zusammen mit der viel geschmähten Literatur der siebziger Jahre - aus der literarischen Öffentlichkeit verschwunden sei. Auch eine Auswahl seiner Gedichte, die Peter Handke 1990 in der Bibliothek Suhrkamp publizierte, konnte daran wenig ändern. Doch 2004 erschien dann, herausgegeben von Borns jüngster Tochter Katharina, im Wallstein Verlag eine kritische Ausgabe der Gedichte, für die Born posthum den Peter Huchel-Preis verliehen bekam. Zur Zeit arbeitet Katharina Born an einer Edition der Briefe ihres Vaters, die im Frühjahr 2007 erscheinen soll.

Nun ist auch noch ein ganz Nicolas Born sich widmendes Heft der Zeitschrift Text+Kritik anzuzeigen, worin vor allem Schriftsteller zu Wort kommen, Urfreunde Borns wie Hermann Peter Piwitt, Friedrich Christian Delius und Hannelies Taschau. Sie erzählt in einem dichten, anrührenden Erinnerungstext von ihrer beider frühen Vertrautheit, beginnend in Essen 1962, und von Borns "hartnäckiger Innigkeit". Klaus Jürgen hieß er damals noch mit Vornamen, bis ihn Ernst Meisters Frau Else in Nicolas umgetauft hat.

Die Überraschung dieses Heftes sind jedoch acht bislang unbekannte Gedichte Borns, die selbst in der kritischen Ausgabe der Tochter fehlen. (Wieder-)gefunden wurden sie kürzlich in einer literarischen Sendung des Saarländischen Rundfunks, genauer: im Kontext eines Gesprächs, das Arnfrid Astel 1974 mit Born geführt hat. In dieser Radio-Sendung hat Born zwölf Gedichte vorgetragen, darunter auch die acht unbekannten, deren Manuskripte wahrscheinlich 1976 in seinem Haus im Wendland verbrannt sind.

Born war ein brillanter Lyriker, sprunghaft wechselnd zwischen Realität und Utopie, konkreten Details und metaphorischer Abstraktion, unter seinen Generationsgenossen (Brinkmann, Theobaldy, Fels) vielleicht der begabteste Verknüpfungskünstler: "Der Arbeiterklasse will ich Zunder geben/daß sie mich hinwegfegt mit zärtlichem Verstand/o wann seid ihr soweit/wann seid ihr wenigstens soweit wie ich?" So kann ich auch Martin Grzimeks Ausführungen nicht recht folgen, der in Borns Gedichten nur "Tagebuchnotizen" sehen will. Ihre Form sei "schlicht, anspruchslos, der amerikanischen Poplyrik und der Alltagslyrik verbunden." Es lohne nicht, "über Metaphern und rätselhafte Bilder zu grübeln - es gibt sie nicht oder kaum."

Doch zum Glück findet sich in dem Text+Kritik-Heft ein Beitrag von Hugo Dittberner, der die aufgefundenen Gedichte im Detail zu würdigen weiß "als etwas für die Literatur der 70er Jahre Besonderes und Aufschlußreiches", ja "als eine Art Manifest" und in ihrer Abfolge als "grandiose Erzählung der eigenen poetischen Selbstbehauptung." Borns Poesie sei zugleich eine "Anschlußkunst an die Probleme der Gesellschaft, des Planeten" und zumindest damals von enormer "intellektueller Wirkmächtigkeit" gewesen.

Über ihre Arbeit an der Ausgabe der Briefe Borns berichtet Tochter Katharina. Sie sieht in ihnen "Momentaufnahmen seines Tuns, Beweise seiner Freundschaften", aber sie zeugen auch von seiner literarischen Besessenheit, von seinem Zweifel an der Wirksamkeit der Sprache, nicht zuletzt von seiner Arbeit als Mitherausgeber des Literaturmagazins. Für Born hatte Poesie etwas mit seinem Leben zu tun; er wollte in allem, was er schrieb, "ganz enthalten" sein. Die Briefausgabe soll - so die Tochter - zu einem Porträt Borns werden, "zu einem Bild der Person und der Zeit". Bisher haben sich etwa 400 Briefe eingefunden. Es fehlen fast alle des jungen Born bis 1959, aber auch die Briefe an seine erste Frau und an seine älteste Tochter. Ein paar interessante Dokumente sind im vorliegenden Heft abgedruckt. Sie sprechen von einer tiefgründenden Unsicherheit, einer zeitbedingten "Krisen- und Katastrophenerwartung". So schreibt Born 1970 an Delius: "Willst Du mir vorwerfen, nicht mehr auf der richtigen Seite zu stehen? Dazu könnte ich nur sagen, daß ich noch nie auf der richtigen Seite gestanden habe."

Akzente: Heft 4, August 2006 (Hanser Verlag, Vilshofener Straße 10, 81679 München), 7,90 EUR

Sinn und Form: Heft 3 und Heft 4, 2006 (Hanseatenweg 10,10557 Berlin), je 9 EUR

Text+Kritik: Nr. 170, 2006 (Tuckermannweg 10, 37085 Göttingen), 15 EUR


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00:00 29.09.2006

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