Honigsüße Worte

Ägypten In der Ära Mubarak war er Hoffotograf: Ahmed Mourads „Vertigo“ ist sein zweiter Thriller, der nun auf Deutsch erschienen ist
Eva Erdmann | Ausgabe 16/2016

Ein erster Blick genügt oft, um die Sparten zu unterscheiden, die sich auf dem Krimi-Markt mittlerweile ausdifferenziert haben. Die Krimicover kommen dem Leser entgegen, und genau so ist es bei Vertigo. Weder handelt es sich zum Beispiel um einen sogenannten „kulinarischen Krimi“ noch um eine „True Crime Story“. Noch um das Buch zum gleichnamigen Film von Hitchcock (wobei der begeisterte Guardian richtig schrieb, dass das Buch ja voll sei mit Anspielungen auf Hollywood). Was dann? Der Untertitel sagt es uns, Vertigo ist ein Thriller aus Kairo. Ein klassischer Städtekrimi also. Bereits sein Vorgänger aus dem deutschen Buchhandel aus dem vergangenen Jahr Diamantenstaub gab uns einen ähnlichen Hinweis: Thriller aus Ägypten.

Das kommt ein wenig retro daher. Die Zeit der kulturvermittelnden Krimis, die den Lesehunger eines abendländischen Publikums mit nationalen Sitten und lokalen Gebräuchen aus der globalen Welt unterhielt, sie ist vorbei und einer deutlich stärker voyeuristischen Entlarvungsgier gewichen, meint man, dem Lifestyle-Mord oder einfach dem Scherz-Verbrechen. Entsprechend langatmig kommt Vertigo daher, im Bemühen, den Flair einer arabischen Kultur mit Werten und Traditionen aus den Kreisen einer korrupten Polit- und Witschaftselite einerseits und einer einfachen, arbeitenden Bevölkerung andererseits zu entfalten.

Der unfreiwillige Ermittler Achmad Kamâl hält diese Klischees in Bildern fest: Spaziergänge am Nil, lange Verlobungszeiten junger muslimischer Paare, viele Paschas in der Anrede, Scheichs, schlitzohrige Händler, der Tachrîrplatz, Gilbabs und Dschinnen, zusätzlich eine Fülle von Suren und Vergleichen und „honigsüßen Worten“, einige davon auch reichlich schräg. „Der Leibwächter plumpste zu Boden wie ein Bügeleisen.“ Dass das Epiliermädchen zur alleruntersten sozialen Schicht gehört, liefert eine neue Information, übt doch die Kosmetikerin in Europa eine angesehene Tätigkeit aus. Ein Islamist, der seine Zähne mit Holzstäbchen reinigt, kommt auch vor, jedoch handelt es sich um eine reine Nebenfigur.

Kamâl ist Fotograf von Beruf, er arbeitet für ein exklusives Kairoer Hotel, er macht Passbilder, Hochzeitsfotos und gestellte Schnappschüsse der High Society und Boulevard Society. Nach und nach gehören auch das Löschen oder Retuschieren auf Photoshop zum Job. In der Kairoer Bar Vertigo gerät sein Freund, Hussâm Munîr, in ein Kreuzfeuer, einen Mord, dessen Auflösung zunächst niemanden interessiert. Achmads Speicherkarte aber macht es sehr viel später möglich, die Tat immerhin zu erkennen. Etwa in Kapitel 23 nimmt die mögliche Gefahr, einer mächtigen Mörderbande auf die Spur zu kommen, ihren Lauf: „Zur selben Zeit hingen in Safwân al-Buhairis Büro dunkle Wolken aus Zigarettenrauch an der Decke, die von einem drohenden Gewitter kündeten.“

Er liebte die schönsten Frauen

Das Retrograde kann kaum auf den Krimi selbst zurückfallen, er ist bereits 2007 erschienen. Zu lesen ist ein zehn Jahre altes Buch in einer Übersetzung, kein Export-Produkt, ägyptische Heimatliteratur aus erster Hand, erschienen ebenda, in Kairo. Für Gebrauchs- und Unterhaltungsliteratur, die ihr Publikum abholen will, da, wo es gerade steht, ist das eine längst vergangene, entfernte Zeit. Also zurückgedacht, wir erinnern uns: 2006 wurde das Kabinett unter Ahmad Nazif berufen, eine Übergangslösung, bis zu den Ereignissen von 2011.

Eben hier wird es spannend. Vertigo dokumentiert nicht nur den archivarischen Wert des Bildes durch lange Beschreibungen hindurch, der Krimi will so sehr ägyptische Zeitgeschichte in actu sein und will dabei gleichzeitig so sehr Roman und Buch sein, dass alle Mittel recht sind, sogar die alten: Glossar und Fußnoten schmücken den antiquierten Krimi. Vertigo habe, so heißt es vom Verlag, „das Genre des Politthrillers in Ägypten begründet“. Das ist viel gesagt. Vermutlich entspricht es den Tatsachen. Im Moment eines offiziellen Regimewechsels ein europäisches Genre aufzugreifen und auf einer Reihe von Fotos einen Plot auf diesem einen Mittel aufzusetzen: böser Feind, Indiz und Spur, Beweis und Falle, um daraus eine weit tradierbare Erzählung zu machen, dies widerlegt das Vorurteil, die arabische Kultur ziehe dem Schriftlichen die Mündlichkeit vor, wie es ihre Bildtradition neu unterstreicht.

Diese dialektische Taktik – wäre sie intendiert gewesen – ist der Übersetzung gut gelungen, und doch dringt das Erzählen in Bildern noch zu schwach hindurch. Um die Entferntheit und Geschichtlichkeit des Genres zu unterstreichen, hätte sie das Befremdliche kräftiger darstellen, die bildreiche Sprache deutlicher ausspielen können: das Erfinden haarsträubender Geschichten, das Ausholen zu einem kompletten Lebensbericht, bevor man eine simple Auskunft gibt. Nur manchmal dringt die Fabulierlust orientalischer Märchen durch, wenn Achmad seinem Kollegen Gûda zuhört, der so lange erzählt, bis ihm niemand mehr glaubt: „Drei Mal umrundete er den Globus, sah, was kein Auge zuvor gesehen hatte, liebte die schönsten Frauen der Welt und zeugte in jedem Land ein Kind, selbst in Israel.“

Ahmed Mourad – in der Ära Mubarak selbst Hoffotograf des Präsidenten – wurde Regisseur, doch hat er mit seinen Krimis kaum die Seiten gewechselt. Die Filmwelt spielt in Vertigo eine große Rolle, vielleicht wollte der Autor gar nur von ihr erzählen, von den Stars des arabischen Showbiz. 2012, nach der Revolution, wurde Vertigo als 24-teilige Soap verfilmt und auf Youtube gestellt, wo die Serie ein Hit wurde. Am Anfang aber war das Buch, das von Achmad und seiner Kamera, in einem bilderfeindlichen Milieu, erzählt. Sucht man den Clou, so findet man ihn in der raffinierten Bilder-oder-Schrift-Erkennung, die untermalt ist mit gesellschaftskritischer Aktualität und der politischen Geschichte eines Landes, das sich im Umbruch befindet.

Info

Vertigo – Thriller aus Kairo Ahmed Mourad Christine Battermann (Übers.), Lenos 2016, 398 S., 22 €

Die Romanistin Eva Erdmann lehrt Literaturwissenschaft an der Universität Freiburg

Über die Bilder des Krimi Spezials

Die Illustratorin Lisa Rock hat diese Beilage exklusiv für den Freitag bebildert. Als Vorlage für ihre Tusche­zeichnungen verwendet sie Fotos von realen Tatorten. Lisa Rock lebt in Berlin und arbeitet für Magazine, Zeitungen und Verlage

06:00 29.04.2016

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