Hör mal einer an

Sinnenfreude Der Wind am Grand Canyon und die Stille in den Reichenvierteln New Yorks: Wer mit Blinden verreist, erlebt den Klang der Landschaft und den wahren Duft der Städte

Sie erinnert sich noch an den Wind, der so merkwürdig pfiff. Es war 1989 und ihre erste Reise, auf der sie nichts mehr sehen konnte. „Ich bin in die USA gefahren, an den Grand Canyon“, sagt sie. Und als sie da an der Felskante stand, dachte sie, dass ihre Zukunft jetzt eigentlich vorbei sei.

Damals war Susanne Krahe 30 und durch Diabetes erblindet. Weil sie sich nicht an die Diät gehalten hatte. Die Landschaft, konnte sie nur noch „im Spiegel anderer Menschen“ wahrnehmen, wie sie sagt. In den Reaktionen der Leute, ihrem Atmen – und in den Beschreibungen ihrer Freundin Marina, die sie begleitete.

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Es kann sein, dass Marina Stefanescu nicht wenig Anteil daran hatte, dass die Zukunft von Susanne Krahe damals nicht vorbei war. Denn Marina sprach nicht nur aus, was sie sah. Sie hörte zu. Und tut es seitdem immer wieder: „Ich sehe mit meinen Augen, und ich sehe, wie Susanne die Orte wahrnimmt, die wir bereisen.“

Tönendes Weiß

Von der ersten Reise an habe sie die Entdeckungen ihrer blinden Freundin bewundert: Etwa als die beiden einmal eine Show in Las Vegas besuchten und Susanne fragte, ob die Tänzer alle weiß gekleidet seien – was der Fall war. „Da habe ich ihr gesagt, sie soll nicht mehr behaupten, dass sie blind ist“, sagt Marina Stefanescu. Susanne Krahe hatte die Kostümierung aus der Musikfarbe erschlossen.

In Paris wiederum, bei einem Besuch in den Tuilerien, packte die beiden der Hunger. „Aber ich habe kein Restaurant gesehen“, sagt Marina Stefanescu. Dafür roch Susanne eines, das in einiger Entfernung versteckt hinter Bäumen lag.

„Man soll sich eben nicht nur auf die Augen verlassen“, sagt Marina Stefanescu. Als sie für die Freundin auf der Reise einmal deren Medikamente sortierte, hörte Susanne am Klang, dass sie sich vertan hatte bei der Zusammenstellung. Die beiden Freundinnen sind viel gereist in den vergangenen 20 Jahren, durch die USA, in die Südsee, nach Neuseeland, Australien, Afrika, Israel oder Argentinien. „Wir sind völlig aufeinander eingestellt“, sagt Krahe. Die Freundin gebe ihr das Gefühl, für sie nicht auf ihr eigenes Reisevergnügen zu verzichten.

Auch Blinden- und Sehbehindertenverbände oder etwa die Betreiber der Seite blindenreisen.de organisieren spezielle Blindentouren. An diesen Reisen nehmen Sehbehinderte teil und können eine sehende Begleitperson mitnehmen – die dadurch eine Chance bekommen, sich eine neue Form der Wahrnehmung zu erschließen.

Bei ihrer Planung und der Suche nach neuen Reisezielen hilft Susanne Krahe die große blaue Weltkarte, die in ihrem Wohnzimmer im westfälischen Unna hängt, neben ihrem Bücherregal. Die Kontinente sind aus Schaumstoff und stehen wie kleine tastbare Reliefs hervor. Rote Fähnchen stecken überall dort auf der Karte, wo sie schon einmal gewesen sind. Es sind ziemlich viele Fähnchen.

Susanne Krahe hat Theologie studiert und arbeitet heute als Schriftstellerin. Was sie unterwegs an fremden Orten erlebt, zeichnet sie inzwischen auch auf: Wenn Marina während der Reisen Fotos macht, drückt Susanne Krahe die Aufnahmetaste ihres Rekorders. „Dann spreche ich so eine Art Tagebuch auf, in Stichworten“, sagt sie. Und sie nimmt ein paar Menschen auf, die etwas über ihre aktuelle Reisestation erzählen. Die Aufnahmen speichert sie auf ihrem Computer. Das reiche, um später das Gedächtnis in Gang zu setzten. Die Originaltöne hört sich Susanne Krahe nur zu Hause an – sie sind ihr privates Archiv. Viele Erinnerungen, die durch die Tonaufnahmen wieder wach werden, fließen aber in ihre Arbeit als Schriftstellerin mit ein.

Bässe, Schritte, Sirenen

In ihrem Umfeld können viele Menschen nicht verstehen, warum Susanne Krahe so gerne und viel reist – wo sie doch nichts sehen kann. Was ihr das bringe, werde sie dann oft gefragt, und ob sie vielleicht zu viel Geld habe. „Dabei ist es eben einfach lustiger, auf einem Kamel in der Wüste blind zu sein als auf dem Sofa in meinem Wohnzimmer“, sagt die Schriftstellerin.

Den stärksten Eindruck hat New York in ihrer Erinnerung hinterlassen. Dort ist sie 1996 gewesen, und würde gerne bald mal wieder hinfliegen: „New York hat eine eigene Melodie, es klingt grell, nach Bässen, Schritten, Hip-Hop und Polizeisirenen.“ Und abseits der schicken Viertel herrsche eine angespannte Stille. Außerdem mache die Stadt blaue Flecken, weil sich die Passanten mit spitzen Schultern und Ellbogen hektisch aneinander vorbeidrängen.

Von ihren Reisen in die Südsee ist ihr vor allem die Erinnerung an die Vögel geblieben: „Es gibt da diesem Moment, wenn es Nacht wird. Dann hören die einen auf zu singen, und es wird für kurze Zeit ganz still, bis die anderen wieder anfangen“.

Aber kommt man sich nicht ausgeliefert vor? „Ein blinder Mensch braucht Urvertrauen, wenn man das hat, ist vieles leichter“, sagt Susanne Krahe. Bei ihr habe sich dieses Vertrauen schon kurz nach der Erblindung eingestellt. So fühle sie sich völlig sicher. Auch wenn das natürlich eine Illusion sei. Besonders wichtig ist Susanne Krahe, dass sie auf ihren Reisen etwas anfassen kann, zum Beispiel die Gebäude, an denen sie auf Stadtführungen vorbei geht. In Museen berührt sie deshalb die Ausstellungsstücke selbst dann, wenn diese mit Absperrseilen vor den Besucherhänden geschützt werden. Die Museumsaufseher drücken meistens ein Auge zu.

Auf Stadtrundfahrten und -Führungen, die nicht speziell auf blinde Gäste ausgerichtet sind, ärgert sie sich dagegen oft: Weil die Stadtführer nur nach rechts und links zeigen, und eigentlich nichts zur Geschichte der Gebäude und Denkmäler erzählen. Ihr bringt das nicht viel.

Eines ist Susanne Krahe dabei auf ihren Reisen besonders aufgefallen: Dass man in den meisten Ländern besser mit Blinden umgeht als in Deutschland: „Hier schleicht man eher um uns herum, statt zu fragen, ob wir Hilfe brauchen.“

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