Horizont und Höhle

HANDLICHE OBJEKTE »Joseph Beuys - Editionen« der Sammlung Schlegel in Berlin

In Anhänger und Gegner hat Beuys die Kunstgemeinde gespalten. Das zeichnet seine Arbeit aus. Angesiedelt in einem zutiefst auf Kommunikation bedachten Kunstprinzip, hat er diese Kluft durchaus nicht als Auszeichnung verstanden. Vielmehr hat er in unermüdlicher Arbeit versucht, in Dialog sowohl mit den Anhängern als auch den Gegnern zu treten. Bei denen, die ihn mochten, offenbar nicht als Guru, und bei denen, die ihn nicht mochten, nicht als autoritärer Besserwisser. Eher als einer, der von dem, was er tat, überzeugt war und es sich anlastete, wenn es von vielen nicht verstanden wurde. Fast 13 Jahre nach seinem Tod ist Beuys längst nicht mehr das enfant terrible, das er einmal war. Seine Person und sein Werk sind Geschichte und damit offen für Interpretation und die vergleichende Rezeption. Schocken kann er nicht mehr. Irritieren schon.

Die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt bis zum 13. Juni zusätzlich zu den Basalt-, Fett-, Filz- und Schiefertafelenvironments, die dort im Erdgeschoß dauerhaft ausgestellt sind, 548 Multiples und Editionen. All jene handlichen Objekte, Postkarten, Plakate, Fotografien, Druckgrafiken, Dokumente, Filme und Bücher sind damit gemeint, die in einer größeren Auflage hergestellt wurden. Und Beuys war nicht kleinlich, was die Zahl der Vervielfältigungen anbelangte. Die Multiples waren billig, von daher als Kunstwerke einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Für Beuys ein schlüssiges Vorgehen, verbindet er doch mit seinem künstlerischen Engagement immer das Bemühen, Denkprozesse in Gang zu setzen, die den Betrachter selbst zum Handelnden machen. Da die erwünschten Handlungen durchaus mit dem Ziel einer gesellschaftlichen Veränderung einhergehen, ist es verständlich, daß die Werke in größeren Auflagen erstellt wurden. Je mehr Exemplare, desto mehr Menschen konnten damit erreicht werden. »Jede Edition hat für mich den Charakter eines Kondensationskerns, an dem sich viele Dinge absetzen können.«

Im Erdgeschoß des Hamburger Bahnhofs sind tonnenschwere Installationen wie beispielsweise »Das Ende des 20. Jahrhunderts« von 1982 - 1983 ausgestellt. Museal kommen sie daher, ihr gesellschaftsumwälzendes Potential scheint aufgesaugt ohne die Anwesenheit des orginären Vermittlers. Im Gegensatz dazu bringt die Ausstellung der Editionen Beuys in seiner ganzen Lebendigkeit und Unberechenbarkeit und in all seinen persönlichen Facetten wieder nahe: So ist er poetischer Visionär mit seinem Winkel aus Filz oder der grüngestrichenen Geige; so ist er utopischer Wirtschaftskritiker wie bei der 3D-Postkarte »Cosmos und Damian«, wo Wolkenkratzer in New York aus Fett modelliert scheinen; so ist er der widerständige Rebell auf dem Foto, das ihn beim Verlassen der Düsseldorfer Kunstakademie zwischen einem Spalier von Polizisten zeigt. Darüber hat er »Demokratie ist lustig« geschrieben. So ist er unermüdlicher Pädagoge für alle wie auf der Postkarte »Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt«.

Beuys verlangte von einem künstlerischen Werk, daß es ohne Kenntnis der dazugehörenden oder übergeordneten Theorie eine Wirkung haben solle. Die Multiples sind ein geeignetes Medium, um diesen Anspruch zu überprüfen. Selbst ohne Kenntnisse der ideengeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Hintergründe, die Beuys am Herzen lagen, fällt auf, daß es immer mehrere Elemente in einem Bild oder Objekt gibt, die nicht zusammenpassen wollen: Horizont und Höhle, Aufsaugendes und Reflektierendes, Volles und Leeres, Sich Bewegendes und Festgehaltenes, Rundes und Spitzes, Negativ und Positiv, Auseinanderlaufendes und Konzentriertes, Gewesenes und Bleibendes, Wespe und abgetrennte Tentakeln, Durchgehendes und Abgebrochenes, Fischgräte und Pflaster. Durch die gestalterische Komposition aber bringt Beuys diese Oppositionen miteinander in Dialog. Es ist eine essayistische und poetische Vorgehensweise. Visuelle Metaphern ersetzen die Kontexte, aus denen die Elemente herausgegriffen sind. »Gerade diese Multiples sind ja wirklich oft minimale Anspielungen, eben Andeutungen, Interpretationen halte ich für schädlich. Man kann etwas beschreiben, etwas sagen über die Intentionen, dann kommt man am dichtesten an die Kraft heran, die noch etwas bei den Dingen läßt, damit sie etwas bewirken können.«

Nur wenige nahezu vollständige Sammlungen der bisher 557 registrierten Multiples gibt es. Die nun im Hamburger Bahnhof gezeigte gehört dem Berliner Unternehmer Reinhard Schlegel, der seit 25 Jahren Beuys Kleinobjekte zusammenträgt. »Alle die Leute, die so ein Objekt haben, werden sich weiterhin dafür interessieren, was an dem Ausgangspunkt, von dem die Vehikel ausgelaufen sind, sich weiterentwickelt, sie werden immer wieder beobachten, was macht derjenige jetzt, der die Dinge produziert hat. Ich bleibe dadurch mit Menschen in Verbindung«, so Beuys. Ob es ihm gefiele, daß er vor allem als Wertsteigerung gehandelt wird? Denn mittlerweile kosten Objekte wie beispielsweise das Holzkistchen, in dem das Wort »Intuition« unterstrichen ist mit einer begrenzten und einer unbegrenzten Linie, mehrere tausend Mark. Ursprünglich war das 12.000 mal aufgelegte Objekt, das ein Appell an die Befreiung des Geistes war, für acht Mark zu haben.

Als unentwegter Visionär, Schamane, Gesellschaftskritiker und Lehrer hatte Beuys die Hoffnung, durch seine Arbeiten die Menschen zum Weiterdenken bringen zu können. »Wer nicht denkt, fliegt raus.« Ganz abwegig ist diese Vorstellung nicht, denn die Multiples wirken auf enigmatische Weise spannend. Das irritierende Rätselhafte will gelöst sein. Meist gelingt dies nicht, da der Kontext, in dem die einzelnen Arbeiten entstanden sind, nur noch unter Zuhilfenahme von erklärender Literatur rekonstruierbar ist. Es bleibt jedoch die Irritation. Damit kann auf unterschiedliche Art umgegangen werden: Mit Verwerfung oder mit Neugier, mit Ratlosigkeit oder mit Inspiration. »Das kann ich auch«, war der Satz einer Besucherin. Möglicherweise ist Beuys der einzige Künstler, der nichts gegen diese - durchaus abwertend gemeinte - Bemerkung einzuwenden gehabt hätte, wenn die Besucherin das, was sie sagte, auch in die Tat umsetzen würde.

Bis 13. Juni 1999, Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Berlin.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 19.03.1999

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare