Kandidat in Ketten

Fernsehen Die Show "Scream! If You Can" ist am Samstag gefloppt. An Schockeffekten mangelte es nicht. Können die Deutschen einfach keine Genrekost?
Tim Slagman | Ausgabe 10/2014
Kandidat in Ketten

Foto: Willi Weber / Pro Sieben

Als am Sonntag die Sonne aufging, waren den Autoren der Fernsehnachtkritiken die Köpfe schwer geworden und die ulkigen Wortspiele längst ausgegangen. „Schockierend öde“ (Noz.de) und „zum Schreien langweilig“ (Derwesten.de) fanden sie die Show Scream! If You Can auf ProSieben – da schien ein „grauenhafter Marktanteil“ (express.de) nur gerecht, oder? Aber es hätte schlimmer kommen können.

In Großbritannien lief das Original, das ProSieben recht detailgenau kopiert hat, an Halloween statt an Karneval und bescherte dem Sender ITV2 Traumquoten. Als Cinephiler sieht man da doch eher ein anderes Klischee bestätigt: Die Deutschen können – oder wollen – halt keine Genrekost. Und vielleicht fehlte vielen tatsächlich die Geduld, um sich durch den öden Beginn der Sendung zu kämpfen, in der eine Gruppe Twens sich durch unterschiedliche, dem popkulturellen Horrorkosmos entliehene Tableaus zu wurschteln hatte, um schließlich an einen im Gameshow-Vergleich eher mittelmäßigen Geldbetrag zu kommen.

Zumindest halbwegs eingeweihte Kandidaten performten also vor eingeweihten Zuschauern, eine denkbar schwierige Ausgangsposition. Will man das Publikum das Fürchten lehren, sollte man jedenfalls schon sehr gekonnt umgehen mit den Techniken des Verbergens und Enthüllens. Und das ging bei ProSieben manchmal spektakulär daneben: Als zwei Kandidatinnen in ein Auto gelockt wurden, das daraufhin von einem Irren mit einem Baseballschläger traktiert wurde, konnten die eher statisch montierten Kameras kein einziges Bild liefern, das den Angreifer und die Angegriffenen im Auto zusammengeführt hätte. Den rasenden Terror dieser Szene in eine filmische Kurzerzählung zu verwandeln, gelang den Cuttern der Sendung nicht.

Die spontanen Bewegungen der Kandidaten verhinderten jeglichen Grusel, das war klar. Also versuchten die Spielemacher es mit Schock und Schmodder, mit blutspritzenden Vogelscheuchen und hautlosem Leichenfleisch – das Resultat war öde. Während die Teilnehmer von einer Prüfung zur nächsten durch den dunklen Wald marschierten, surrten die Schwenks der Überwachungskameras extra laut, um gar schauerlich einen allwissenden Beobachter zu materialisieren. Diese Blicke waren womöglich ein Gruß an den Found-Footage-Horrorfilm Paranormal Activity 2, der direkt im Anschluss von ProSieben ausgestrahlt wurde.

Ein reiches Wissen um die Inszenierungmechanismen des Kinos deutete sich immer wieder an, wurde aber eben nur selten effektiv eingesetzt. Bis kurz vor Ende, als der letzte verbliebene Kandidat im Raum fixiert wurde – auf einer dunklen Lichtung, vor einem Spiegel, während die Regie die Beleuchtung der Szenerie an und aus knipste und eine klug platzierte Kamera aus dem Spiegel hinaus ins Gesicht des Teilnehmers blickte. In sein Gesicht – und auf das, was in seinem Rücken geschehen mochte, würde, musste. Hier bildeten die Hilflosigkeit des Einen und das überlegene Wissen des Anderen – und sei es nur durch Medienkonsum erworbenes Wissen – gemeinsam ein Bedrohungsszenario. Das wäre vermutlich ein Weg für den Horror im Reality-Fernsehen, allerdings müssten die Redakteure dazu ihre Kandidaten im Spielraum anketten.

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14:30 05.03.2014

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